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Wirtschaft

Nicht größer, sondern besser

Wirtschaftliches Wachstum wird oft als Allheilmittel gepriesen, das zeigt auch die Diskussion über Griechenland. Doch es gibt Unternehmen, die sich bewusst gegen starkes Wachstum entscheiden.

Wirtschaftswachstum als Ziel wird selten hinterfragt. Politiker und Ökonomen gehen selbstverständlich davon aus, dass eine gesunde Wirtschaft wachsen muss, wie auch gesunde Unternehmen.

Entgegen der üblichen Erwartung gibt es auch Unternehmer, die sich für Geschäftsmodelle entscheiden, die ohne großes Wachstum auskommen. Sie haben vieles gemeinsam, ob sie geschreinerte Holzmöbel anbieten, IT-Dienstleistungen oder Bier: Sie setzten auf hohe Qualität, langlebige Produkte und enge Beziehungen zu Kunden und Partnerunternehmen.

Einige haben zudem den Anspruch, ihren Geschäftsbereich ökologisch nachhaltiger zu machen und ihren Kunden entsprechende Produkte anzubieten. Wieder andere wollen sogar die Rahmenbedingungen verändern, die unsere Art zu Wirtschaften heute prägen.

Zeigen, wie es geht

Heike Mewes

Hofft auf Veränderung: Heike Mewes, IÖW

Das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin hat für sein Projekt "Postwachstumspioniere"

elf Beispiele

zusammengetragen, die zeigen, wie das gehen kann. Die Firmen sind durchweg stabil und zeichnen sich zudem durch ein besonders angenehmes Betriebsklima aus.

Die Brauerei Neumarkter Lammsbräu etwa beschäftigt in der Nähe von Nürnberg inzwischen 110 Mitarbeiter. In einem Markt, der zunehmend auf Wachstum und Verdrängungswettbewerb setzt, konnte das Unternehmen seinen Kunden vermitteln, dass Bier aus biologisch angebauten und regionalen Zutaten seinen Preis hat. Das kommt nicht nur der Firma und ihren Mitarbeitern zugute, sondern auch den regionalen Landwirten, die auf biologischen Anbau umgestellt haben, um Lammsbräu zu beliefern.

Ein ähnliches Konzept verfolgt die Möbelmacher GmbH aus dem fränkischen Kirchensittenbach. Als klassischer Handwerksbetrieb ist die Schreinerei zwar keinem Wachstumsdruck unterworfen, setzt jedoch mit ihren maßgefertigten, biologischen Möbeln aus regionalen Hölzern ein bewusstes Gegengewicht zu globalen Lieferketten und Massenproduktion.

Laut Herwig Danzer, einem der beiden Gründer, sind die Möbel noch nicht einmal teurer als qualitativ vergleichbare Produkte. Die Herstellung ist nur aufwendiger, da nicht fertige Bretter geliefert werden, sondern ganze Stämme aus den umliegenden Wäldern. Eine weitere Besonderheit der Möbel und Küchenkonzepte: Sie werden in Zusammenarbeit mit den Kunden entworfen.

Stabil und krisenfest

Solche Geschäftsmodelle erfordern viel Kreativität und Mut. Sind sie aber erst erfolgreich, haben sie einen entscheidenden Vorteil: Sie sind oft besonders krisenfest, da diese Unternehmen stark darauf achten müssen, stabile Strukturen zu schaffen, statt zu expandieren.

Hochwertige und langlebige Produkte werden selten weggeworfen und durch Neukäufe ersetzt. Damit gehen diese Firmen kreativ um, sagt Daniel Deimling, der im Rahmen seiner Dissertation an der Universität Kassel zu dem Thema

geforscht

hat.

Eines der von ihm untersuchten Unternehmen habe sich im Lauf der Zeit von einem Produzenten zu einem produktbezogenen Dienstleister gewandelt. "Die haben früher sehr langlebige Gebrauchsgüter hergestellt und leben heute hauptsächlich von der Überarbeitung ihrer Produkte", sagt Deimling. "Die Unternehmerin hat gesagt, dass diese Dienstleistung auch in Krisenzeiten stabil bleibt, weil es viel günstiger ist, Dinge überarbeiten zu lassen, als Dinge zu kaufen."

Unternehmen weisen den Weg

Dirk Posse

Setzt auf Regeln und Gesetze: Umweltökonom Dirk Posse

Nutzungsverlängerung statt Neuproduktion ist ein Thema, das auch in der Debatte um eine gesamtwirtschaftliche Abkehr vom Wachstum eine große Rolle spielt. Zum einen stößt das bisherige Wirtschaftsmodell an ökologische Grenzen. Zum anderen ist fraglich, ob sich in Deutschland und Europa überhaupt noch dauerhaft hohe Wachstumsraten erzielen lassen.

Postwachstumspioniere sind daher Vorreiter bei der Suche nach Modellen, die ökologisch nachhaltig sind und gleichzeitig in einer nicht wachsenden oder sogar schrumpfenden Wirtschaft bestehen können.

"Unternehmen sollten vorangehen und aufzeigen, dass es auch anders geht, dass es möglich ist, im Einklang mit den ökologischen und sozialen Grenzen zu wirtschaften", sagte der Umweltökonom Dirk Posse, der an der Universität Oldenburg zum Thema Postwachstumsgesellschaft

geforscht

hat. Ihr Vorbild könnte dann der Politik Mut machen, "Regeln und Gesetze zu erlassen, die es allen auferlegen, so zu wirtschaften".

Wachstum auf andere Art

Bevor diese Beispiele ein allgemeines Umdenken auslösen können, müssen sie sich allerdings weiter verbreiten. Deshalb treibt viele der Postwachstumsunternehmer die Frage um, wie sie aus ihrer kleinen Marktnische herauskommen: Schließlich wollen sie Märkte und Lieferketten verändern und nachhaltigere Angebote schaffen. Ein Ansatz sei "sehr bewusst gesteuertes eigenes Wachstum", sagt Heike Mewes vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung.

Eine andere Möglichkeit sei die Kooperation mit Gleichgesinnten, "dadurch, dass sie andere dazu inspirieren, ähnliche Geschäftsmodelle zu entwickeln und sie teilweise finanziell, teilweise durch Beratung unterstützen". Ganz ohne Wachstum scheinen also auch Postwachstumsunternehmer nicht auszukommen.

Unternehmen alleine, da sind sich die Forscher einig, können einen größeren gesellschaftlichen Wandel hin zu Nachhaltigkeit jedoch nicht herbeiführen. Dazu brauche es eine Veränderung der zentralen wirtschaftlichen und politischen Stellschrauben. "Unternehmertum heißt ja eigentlich wachsen, und wer nicht wächst, ist ja eigentlich kein richtiges Unternehmen", sagt Heike Mewes.

Erst wenn sich die Wahrnehmung in der Gesellschaft verändere, könne dieser Druck nachlassen. Und davon würden dann auch ganz normale kleine und mittlere Unternehmen profitieren, glaubt Mewes.

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