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Nahost

"Nicht das, was Khomeini wollte"

Schon 1978 jettete er zwischen Bochum und Paris hin und her, war eine halbe Woche wissenschaftlicher Assistent der Biochemie, die andere Hälfte Revolutionär bei Khomeini. Sadegh Tabatabai war Vertrauter des Ayatollah.

Sadegh Tabatabai, Biochemiker und Vertrauter Khomeinis, Quelle: isna

Die Iranerinnen nannten ihn 'den schöne Sadegh'

Auf alten Fotos ist Sadegh Tabatabai häufig dicht bei Khomeini zu sehen: ein elegant gekleideter Mann mit vollem Haarschopf und einem Blick, der den Frauen gefiel. Die Iranerinnen nannten ihn "der schöne Sadegh". Nun, mit Ende 60, empfängt er in einem Apartment im reichen Teheraner Norden: gestreiftes Hemd zur Nadelstreifenhose, weiße Lederpantoffeln, das Lächeln immer noch charmant und Selbstbewusstsein satt.

Der Vorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) an der Technischen Hochschule Stuttgart, Foto: dpa

Tabatabai organisierte jahrelang die studentische Opposition gegen den Schah in Deutschland

Tabatabai, der in der ersten Reihe der Revolutionäre wohl immer ein wenig exzentrisch gewirkt hat, spricht fließend deutsch; in seiner Person verbindet sich die Islamische Revolution mit einem Stück deutscher Zeitgeschichte: 1961 kam er zum Studium der Biochemie nach Aachen, organisierte dann jahrelang die studentische Opposition gegen den Schah. 1967 gibt er Ulrike Meinhof das Material für ihre berühmte "Konkret"-Kolumne gegen den Schah-Besuch in Deutschland (mit dieser Kolumne beginnt der Film "Der Baader-Meinhof-Komplex"). Als Flugblatt in 200.000 Exemplaren verteilt, wird der Text zum Fanal der aufkommenden Studentenbewegung. Dann die Schüsse auf Benno Ohnesorg an der Berliner Oper: Als der Student beerdigt wird, in Hannover, steht Tabatabai am Grab. "Ich habe ein Jahr mit Ulrike gearbeitet", sagt er. Er sagt Ulrike, nicht: die Meinhof. Das hat etwas Treues.

Mit Khomeini unterm Apfelbaum

Es haben nicht viele überlebt von jenen, die mit ihm im engsten Kreis um Khomeini saßen. 1978, als der Ayatollah in der letzten Station seines Exils, im Pariser Vorort Neauphle-le-Chateau, die Weltpresse unter einem Apfelbäumchen empfing, war Tabatabai meistens dabei. Jeden Abend diskutierten die Berater – "wir waren sechs" - mit Khomeini die nächsten Schritte hin zum Sturz des Schah-Regimes; ein Lagebericht aus dem Iran wurde täglich per Telefon übermittelt, auf Kassette aufgenommen und in der Runde abgespielt.

Khomeini kehrt am 1.2.1979 zurück, Foto: ap

Khomeini kehrte am 1.2.1979 zurück in den Iran - Tabatabai an seiner Seite

Am 1. Februar 1979 saß Tabatabai in der legendären Air-France-Maschine, mit der Khomeini nach 16 Jahren Exil nach Teheran zurückkehrte. Vor der Landung, die Verhaftung des Revolutionsführers fürchtend, brachte er eine hochwichtige gelbe Mappe in Sicherheit – bei dem deutschen Journalisten Peter Scholl-Latour. Später stellte sich heraus: Es war der Verfassungsentwurf für die Islamische Republik. "Peter", sagt Tabatabai, "konnte Farsi ja nicht lesen."

Zwischen den Kulturen

Tabatabai raucht eine Zigarette nach der anderen, Mitternacht ist schon vorbei, der Abend zu kurz, soviel Leben zu resümieren. In der ersten Revolutionsregierung saß er an führender Stelle – aber schon 1982 zieht er sich aus der Politik zurück, weil sie "immer radikaler" wurde. Was hat ihn, geschmäht als Liberaler, gerettet? Dass seine Schwester mit einem Sohn Khomeinis verheiratet war? Vielleicht. Oder dies: Er hatte immer noch eine andere Welt. Schon 1978 jettete er zwischen Bochum und Paris hin und her, war eine halbe Woche wissenschaftlicher Assistent der Biochemie, die andere Hälfte Revolutionär bei Khomeini.

Später hat der Professor, stets überbordend an Talenten, ein Buch über die Wirkung des Satelitenfernsehens geschrieben und drei Bücher von Neil Postman ins Persische übersetzt. Und jetzt, er holt aus dem Nebenzimmer ein Paket, ist gerade seine Autobiografie erschienen. Drei Bände, "es werden fünf", sagt Tabatabai. Auf dem Titel: der schöne Sadegh mit auffallender Krawatte, ganz dicht neben Khomeini. Khomeini schweigt, er hört dem schönen Sadegh zu.

Unter Rechtfertigungsdruck

Sadegh Tabatabai, Biochemiker und Vertrauter Khomeinis, Foto: isna

Tabatabai hat das Gefühl, sich gegenüber der jungen Generation rechtfertigen zu müssen

War es richtig, die Revolution zu machen? "Ja", antwortet Tabatabai ohne Zögern. "Ich würde es noch einmal tun. Ich würde allerdings, mit meinen heutigen Erfahrungen, einiges anderes machen." 1978/79, das waren die besten Jahre seines Lebens, sagt er. "Wir hatten 20 Jahre gegen den Schah gekämpft. Man muss diese Despotie gekannt haben, um das beurteilen zu können."

Gerade hat er vor Studenten an der Universität Teheran gesprochen. Hat versucht, anhand von Zitaten Khomeinis zu belegen, dass die gegenwärtige Islamische Republik "nicht das ist, was sich Herr Khomeini vorgestellt hat". So lässt sich Dissens formulieren – und an die eigene Biografie anknüpfen. Wie andere altgewordene Revolutionäre fühlt Tabatabai den Druck, sich rechtfertigen zu müssen gegenüber jüngeren Iranern, die nach der Revolution geboren wurden und im Idealismus von damals nur eine schreckliche Illusion sehen. Mit denen, die damals dabei waren, sagt Tabatabai, teile er "eine ähnliche Wehmut".

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