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Kultur

Nicht das Gelbe vom Ei

Renate Künast setzt sich für artgerechtere Haltung von Tieren ein, die Landwirtschaft warnt vor ausländischer Billigkonkurrenz. Wie schmeckt das dem deutschen Verbraucher?

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Keine glücklichere Zukunft für Legehennen?

Es geht nicht nur um die so genannte Legehennen-Verordnung. Zur Disposition stehen gleichsam zentrale Aspekte des Tierschutzes sowie die Qualität von Nahrungsmitteln. Die bislang geltende Regelung vom März 2002 sah den sukzessiven Abbau der Käfighaltung von Legehennen vor, um die verpönte Tierhaltung dann bis Anfang 2007 ganz abzuschaffen.

Zwölf der fünfzehn Ministerpräsidenten wollen diese Regelung aufweichen. Eng verknüpft mit dem Streit um die Legehennen sind die von der Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast angeregten Verbesserungen bei der Haltung von Schweinen. Während Renate Künast artgerechtere Zuchtbedingungen für Hennen und Schweine fordert, will die Mehrzahl der Länder nur eine der beiden Reformen zulassen.

Die Mehrheitsmeinung im Bundesrat spricht vielen Landwirten und der Agrarlobby vermutlich aus der Seele. Im wirtschaftlich ohnehin angespannten Klima bangen landwirtschaftliche Betriebe um ihre Konkurrenzfähigkeit. Durch Billig-Importe aus dem Ausland werde ein immenser Druck auf einheimische Produzenten erzeugt, wie der Pressesprecher des deutschen Bauernverbandes, Michael Lohse, erläutert. Eier zum Dumpingpreis aus Tschechien sowie Flüssig-Ei aus Brasilien für Großküchen und die Nahrungsmittelindustrie seien nur zwei Beispiele. Außerdem könne man am Beispiel der Schweiz sehen, dass ein Verbot der Käfighaltung neue Probleme mit sich bringe. Infolge der Verbannung von Legebatterien vor zehn Jahren käme nur noch die Hälfte aller Eier aus heimischer Produktion, wie Lohse betont.

Festgebackene Positionen

Im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft hört man auch die Sorgen der Bauern, wirbt aber für alternative Strategien. Laut Ursula Horzetzky vom Ministerium könne der Wettbewerb um Kostensenkung auf deutscher Seite gar nicht gewonnen werden. Überdies habe die Schweiz positiven Modellcharakter. Nach der eidgenössischen Abkehr von der wenig artgerechten Massenproduktion seien gute Erfahrungen mit Qualitätssteigerungen und entsprechendem Marketing gemacht worden, so Horzetzky. Überdies appelliert Ministerin Künast mit einer verschärften Kennzeichnungspflicht ab 2004 an die Vernunft des Verbrauchers. Detaillierte Angaben sollen den Konsumenten fortan unmissverständlich über die Herkunft seines Frühstückseis belehren.

Der landwirtschaftliche Interessenvertreter Lohse weist darauf hin, dass Deutschland innerhalb der EU in Sachen Tierschutz immerhin eine Vorreiterrolle einnehme, da Käfighaltung von Legehennen europaweit erst ab 2012 verboten werden soll. Somit ginge es nur um einen unwesentlichen Aufschub der Reformen im Stall. Parallel werde nach Alternativen in der Tierhaltung gesucht, die allen Belangen entgegen kämen. Aus der Sicht von Tierschutz-Sprecherin Marion Steinbach jedoch werde mit solchen Äußerungen zu leichtfertig über das Schicksal von jährlich etwa 40 Millionen Hühnern in deutschen Betrieben geurteilt.

Als unnötige Emotionalisierung der Debatte sieht man beim Bauernverband die Kampagne des Deutschen Tierschutzbundes. In Annoncen fragte die Tier- und Naturschutzorganisation die jeweiligen Ministerpräsidenten, ob diese weiterhin Tiere quälen wollten. Im Wachrütteln der Öffentlichkeit durch Negativmeldungen sehe der Tierschutzbund eine Hauptaufgabe, räumt Sprecherin Steinbach folglich ein. Infolge dieser Informationspolitik und wegen der Fleisch-Skandale der vergangenen Jahre könne man aber heute dem Verbraucher mehr Achtsamkeit beim Kauf tierischer Produkte attestieren.

Setzt sich Qualität durch?

Wie der Sternekoch Vincent Klink bestätigt, äßen jüngere Generationen in Deutschland inzwischen bewusster und zum Teil sogar qualitativ besser als ihre Altersgenossen in Frankreich oder Italien. Zwar komme dem Essen in den südlichen Nachbarländern Deutschlands immer noch ein insgesamt höherer Stellenwert zu, aber alte Vorurteile über deutsche Ernährungsgewohnheiten seien überholt. Unisono mit Tier- und Verbraucherschutz unterstreicht Klink die Macht des Verbrauchers. Zwar seien in Deutschland im Unterschied zu Frankreich mancherorts qualitativ hochwertige Lebensmittel schwierig zu finden, aber dennoch könne der Konsument das Angebot mit seinen Kaufentscheidungen gezielt beeinflussen. Nur schiebt der Kunde die Verantwortung gerne der Politik zu, weshalb der Koch Klink einen Tritt in den Hintern des Konsumenten für sinnvoll hält.

Geldbeutel gegen Gaumen

Wenig optimistisch schätzt der leidenschaftliche Gastronom die politischen Hintergründe ein. So stünden auch im Fall der Legehennen-Verordnung enorme Subventionen im landwirtschaftlichen Bereich auf dem Spiel. Zudem lasse sich die gewichtige Agrarlobby in Deutschland nur höchst ungern ihr Interessengebiet beschneiden. So geht es bei der Entscheidung im Bundesrat nur vordergründig um das Zugeständnis von ein paar Zentimetern mehr Freiheit für Hühner. Es geht vielmehr um knallharte geschäftliche Überlegungen und die Frage, ob der deutsche Verbraucher folgsam alles schluckt, was man ihm vorsetzt.

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