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Politik & Gesellschaft

Nicht alle Migranten wollen Deutsche sein

Der deutsche Pass ist begehrt: Denn er bietet viele Vorteile - wie zum Beispiel Visa- und Reisefreiheit in vielen Ländern. Trotzdem zögern viele Migranten, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Eine Frau mit Kopftuch schaut sich die Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland an (Foto: pa/dpa)

Zwar ist die Zahl der Einbürgerungen in Deutschland im vergangenen Jahr wieder leicht angestiegen, die Rekordzahlen zur Jahrtausendwende wurden aber bei weitem nicht erreicht: 2010 erhielten über 100.000 Ausländer einen deutschen Pass. Das sind 5,7 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte das Statistische Bundesamt jetzt mit. Im Jahr 2000, in dem das neue Staatsangehörigkeitsrecht in Deutschland eingeführt wurde, hatten die Statistiker noch fast 187.000 Einbürgerungen gezählt.

Vom Zuwanderer zum Bürger

Ein Plakat zur nordrhein-westfälischen Einbürgerungskampagne vor dem Innenministerium in Düsseldorf (Foto: pa/dpa)

Auch in Nordrhein-Westfalen warb die Landesregierung in einer Kampagne für die Einbürgerung

Sie sind jung und seit längerer Zeit in Deutschland zu Hause - so lassen sich die aktuellen Daten über die neuen Staatsbürger zusammenfassen. Konkret: Die Personen, die sich 2010 einbürgern ließen, waren im Schnitt knapp 30 Jahre alt und lebten seit rund 15 Jahren in Deutschland. Die größte Gruppe stellten erneut - wie schon in den Jahren zuvor - Menschen aus der Türkei mit rund 26.000 Einbürgerungen. Danach folgten Zuwanderer aus dem ehemaligen Serbien und Montenegro, aus dem Irak und Polen.

Vorbild Hamburg

Den größten Anstieg der Einbürgerungszahlen verzeichneten im vergangenen Jahr die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Die Hamburger Regierung hatte die zuständigen Behörden personell verstärkt und in einer Kampagne für die deutsche Staatsangehörigkeit geworben. Außerdem unterstützen sogenannte Einbürgerungslotsen Migranten, die die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen wollen.

Meryem Celikkol von der "Türkischen Gemeinde Hamburg" leitet das sogenannte "Projekt Einbürgerung" in der norddeutschen Metropole. Celikkol koordiniert den Einsatz der Einbürgerungslotsen. Sie weiß, warum viele Einwanderer zögern, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen: "Ein ganz großer Punkt ist, dass in der Regel die alte Staatsangehörigkeit aufgegeben werden muss." Viele Einwanderer würden damit auch die eigene Geschichte und die ihrer Eltern und Großeltern verbinden. "Das aufgeben zu müssen", sagt Celikkol, "ist für viele ein Hinderungsgrund". Der Verlust der alten Staatsbürgerschaft könne sogar rechtliche Folgen wie die Aberkennung von Erbansprüchen im alten Heimatland haben.

Zu Hause in zwei Kulturen

Ein Teilnehmer-Meldebogen für den Einbürgerungstest (Foto: AP)

Seit 2008 müssen Einbürgerungswillige in einem Test ihr Deutschlandwissen nachweisen

Die Psychologin Déborah Maehler forscht seit Jahren an der Universität Köln zum Thema Migration. Dabei hat sie auch die Identifikation von Migranten mit Deutschland untersucht: "In dieser Studie kam ganz klar heraus, dass Personen, die die doppelte Staatsbürgerschaft haben oder behalten durften, sich sehr stark mit beiden Kulturen identifizieren. Sowohl mit Deutschland als auch mit der Herkunftskultur." Die Mehrstaatlichkeit sei also keineswegs ein Hindernis für den Aufbau einer Bindung an den deutschen Staat. Auch wenn die Bundesregierung das immer wieder behaupte.

Die meisten Migrantenvertreter fordern deswegen, die doppelte Staatsbürgerschaft endlich uneingeschränkt zuzulassen. Bisher ist sie nur erlaubt, wenn das alte Heimatland seine Bürger nicht aus der Staatsbürgerschaft entlässt.

Doch auch das komplizierte deutsche Einbürgerungsverfahren schreckt viele Menschen ab. Die Interessenten müssen dutzende Formulare ausfüllen, Urkunden organisieren, einen Sprach- und einen Wissenstest bestehen. Außerdem dürfen sie nicht von Sozialleistungen abhängig sein.

Pragmatische Gründe für die Einbürgerung

Wer das langwierige Verfahren auf sich nehme, habe neben der Verbundenheit mit Deutschland häufig ganz pragmatische Gründe, sagt Meryem Celikkol von der "Türkischen Gemeinde Hamburg": "Die Reisefreiheit ist ein großes Thema. Das Wahlrecht spielt auch eine Rolle. Die Leute wollen mitbestimmen - auch in der Politik."

Reisen, Arbeiten, Wählen - all das macht der deutsche Pass einfacher. Eine Garantie für die automatische Akzeptanz in der Bevölkerung ist er zum Leidwesen vieler Migranten aber nicht. Bei Meryem Celikkol haben sich schon viele eingebürgerte Migranten beklagt. "Die haben mir gesagt: 'Es hat sich gar nichts verändert'". Denn viele Deutsche würden sie auch nach ihrer Einbürgerung weiter als Türken, Polen oder Iraker behandeln.

Bericht: Nils Naumann
Redaktion: Hartmut Lüning