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Kunst

"nicht abstrakt": Begegnung mit der Fotokunst von Andreas Gursky

DW-Nachwuchsreporterin Miriam Karout konnte zum ersten Mal die Fotoarbeiten von Andreas Gurskys von nahem kennenlernen. Hier beschreibt sie ihre Eindrücke von seiner aktuellen Ausstellung in Düsseldorf.

Die Motive von Andreas Gursky sind sehr unterschiedlich: Blumenbeete, ein Konzert der Toten Hosen, dann wieder Mediamarkt, Ozeane, Politiker und sogar Marvel-Superhelden. Diese sehr zeitgenössischen Themen und Figuren in seinen Arbeiten haben mich sofort angesprochen. Vieles kenne ich aus meinem eigenen Leben wieder.

In unserer konsumorientierten Gesellschaft, umgeben von Smartphones und Tablets, scheint alles ein wenig abstrakt. Denn Technologie macht es möglich, "ordinäre" Dinge abstrakt wirken zu lassen - und genau das tut Andreas Gursky.

Die

Ausstellung "nicht abstrakt"

scheint für Kunstlaien wie mich der perfekte Einstieg in die Welt der kreativen Fotografie. Doch bei näherem Hinsehen zweifle ich, ob es sich tatsächlich ausschließlich um Fotografie handelt - einige Werke sehen aus wie gemalt.

Düsseldorf Ausstellung Andreas Gursky - Nicht Abstrakt (Foto: Andreas Gursky/VG Bild-Kunst, Bonn 2016 )

"Amazon"

Ich bestelle häufig bei Amazon

Besonders das Bild "Amazon" hat mich begeistert. Ich bestelle häufig bei Amazon, aber ich wusste nie, wie es hinter den Kulissen ausschaut. Wenn man wie ich, Anhängerin der Smartphone-Facebook-Twitter-Generation, durch das Leben rast, fällt es einem schwer, auf Details zu achten. Ein endloses Meer aus bunten Paketen baut sich vor mir auf. Die kräftigen Farben der Produkte tauchen immer wieder auf und es scheint, als würden sich die einzelnen Reihen wiederholen. Doch nach einigen Minuten ist mir klar, dass jedes Element nur einmal im Bild vorkommt.

Und dann fällt mir auf, dass die unzähligen Amazonprodukte im Hintergrund größer als im Vordergrund sind. Ist das nun bearbeitet? Ich denke, ja. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ich mir mehr als nur ein paar Augenblicke Zeit nehme, um ein Foto zu betrachten. Täglich sehe ich in meinem Newsfeed hunderte Fotos und Illustrationen. Aber Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, habe ich nie. Gurskys "Amazon" ähnelt so manchen Fotos aus meinen sozialen Netzwerken. Da frage ich mich: sind diese vielleicht auch manipuliert?

Düsseldorf Ausstellung Andreas Gursky - Nicht Abstrakt (Foto: © Sebastian Drüen, Kunstsammlung NRW)

Der abstrakte Rhein als kleiner Kanal.

Umgeben von Medien hat heutzutage jeder die Möglichkeit, schnell und ohne großen Aufwand an Informationen zu kommen. Solche Medieninhalte werden auch häufig von der "normalen Bevölkerung" hergestellt und verbreitet. Was für mich alltägliche Normalität ist, rückt in den Hintergrund. Gurskys Arbeiten zeigen, dass der naive Glaube an die Wirklichkeit hinter Fotos fehl am Platz ist. Denn Fotos zeigen nicht immer die Wahrheit. Ein Foto ist schon lange kein Abbild der Realität mehr - auch in den sozialen Netzwerken nicht.

Gursky manipuliert seine Werke

Ähnlich geht es mir bei seiner Fotografie "Rhein". Als Düsseldorferin kenne ich den Rhein ziemlich gut und trotzdem nimmt Gursky mich ein wenig auf den Arm. "Ein hübsches Bild vom Rhein", denke ich. Ungefähr eine halbe Stunde später sehe ich mir das Werk noch einmal an. Von wegen ein Bild vom Rhein - der Gigantenfluss ist als schmaler Kanal dargestellt, umgeben von sattgrünen Wiesen. Das Wasser ist ein wenig zu klar, der Rasen ein wenig zu grün. Jeder, der den Rhein schon einmal gesehen hat, weiß, dass der Fluss und die Wiesen nicht aussehen wie ein Naturparadies in den Alpen.

Gursky manipuliert also seine Werke, um den Betrachter zu manipulieren. Vielleicht aber auch, um zum Denken anzuregen. Bei mir hat es funktioniert - die anderen Arbeiten betrachte ich nun mit großer Skepsis. Natur und Technik fließen ineinander. Bei "Les Mées" ist es ein offensichtlicher Zusammenstoß der modernen Technik und der Natur. Unzählige Solarplatten erstrecken sich über weite grüne Hügel. Trotzdem denke ich, dass es nicht nur um das Offensichtliche geht. Das Abstrakte unserer heutigen Welt ist die vom Menschen manipulierte Natur - auf auf einem Foto.

Alles ist wichtig, auch Details

Blick in ein Galeriedepot. (Foto: Stefan Dege, DW)

Blick in manipulierte Wirklichkeit.

Aber was haben Iron Man und Spider Man damit zu tun? Superhelden repräsentieren doch nun wirklich nicht die Realität, denke ich. Und trotzdem gehören sie zum Leben dazu, vor allem für meine Generation. Wir wachsen sprichwörtlich mit Superhelden auf, also warum sollten sie nicht Teil einer abstrakten Fotografie sein? Spider Man steht vor einem "Hermes"- Gebäude. Ein Mann steht im Schaufenster des unendlichen Wolkenkratzers. Vielleicht brauchen wir Superhelden, die uns aus der Konsumgesellschaft retten. Vielleicht sind die Superhelden aber auch Teil dieser Gesellschaft.

Obwohl ich Marvel-Superheldenfilme im Großen und Ganzen unterhaltend finde, würde ich sie nicht zur Kategorie "abstrakte Kunst" zählen. Doch Gurskys Arbeit zeigt mir genau das: alles um uns herum ist wichtig, bis zum kleinsten Detail. Und seine Kunst übermittelt mir, dass ich aufmerksam durch das Leben gehen muss. Denn alles um mich herum ist "nicht abstrakt" - sondern eine manipulierte Wirklichkeit.

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