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Kultur

Ngugi wa Thiong'o: Träume in Zeiten des Krieges

Im letzten Jahr gehörte Ngugi wa Thiong’o zu den Geheimfavoriten für den Literaturnobelpreis. Nun hat der Münchner A1 Verlag den ersten Band seiner Lebenserinnerungen veröffentlicht: "Träume in Zeiten des Krieges".

Buchcover Träume in Zeiten des Krieges Träume in Zeiten des Krieges: Eine Kindheit (Gebundene Ausgabe) Verlag: A 1 Verlagsges.; Auflage: 1., Auflage (25. August 2010) 264 Seiten € 22,80 ISBN 978-3-940666-15-4

Ngugi wa Thiong’o zählt zu den bedeutendsten Autoren Afrikas. Den letzten Literaturnobelpreis hatte zwar Mario Vargas Llosa bekommen, aber Ngugi rückte ein Stück weit mehr in den Fokus des weltweiten Literaturbetriebes. In "Träume in Zeiten des Krieges" schreibt er über seine Kindheit und über Kenia, eine afrikanische Nation im Wandel. Seine Erinnerungen reichen von Ende der 1930er bis in die 1950er Jahre. Auf den ersten Seiten erinnert sich Ngugi an ein Szene aus seiner Schulzeit: Es ist Pause in der Kinyogori Schule. Die Kinder stürmen johlend aus der Klasse und packen ihr Mittagessen aus. Nur der sechsjährige Ngugi hat wieder einmal nichts dabei und muss das bohrende Hungergefühl bis zum Schulschluss ertragen.

Dann gilt es die nächste Tortur zu überwinden: Ein Sechs-Kilometer-Fußmarsch nach Hause durch die Hitze des Nachmittags. Erst dann gibt es endlich was zu essen. Frustriert setzt sich Ngugi in den Schatten eines Baumes und beginnt in "Oliver Twist" von Charles Dickens zu lesen. Es wird seine erste prägende Leseerfahrung:

"Im Buch gab es eine Strichzeichnung von Oliver Twist, der eine Schüssel in den Händen hielt und zu einer gewaltigen Figur aufschaute. Unter der Zeichnung stand: Bitte, Sir, kann ich noch etwas mehr bekommen? Ich identifizierte mich mit dieser Frage, nur dass ich sie meistens an meine Mutter richtete, meine alleinige Wohltäterin, die mir immer zusätzlich gab, wenn sie konnte."

Ein Pakt mit seiner Mutter

Der kenianische Autor Ngugi wa Thiong'o Foto: A1-Verlag München

Der kenianische Autor Ngugi wa Thiong'o

Diese Schlüsselstelle in Ngugis autobiographischem Buch "Träume in Zeiten des Krieges" beinhaltet alle Fixpunkte seines damaligen Lebens: Den Kampf gegen die Armut, die aufblühende Liebe zur Literatur und vor allem die Liebe zu seiner Mutter, mit der er einen Pakt geschlossen hatte: Sie ermöglicht ihm den Schulbesuch und er verspricht, sich immer anzustrengen, egal wie groß die Hürden sind. Voraussetzung ist, dass er sich ruhigen Gewissens ihrer stets gleichen Frage stellen kann: "Ist das das Beste, was du erreichen konntest?" Dies wird sie ihn während der gesamten Schulzeit fragen; sogar wenn er Bestnoten erzielt. Damit treibt ihn seine Mutter zur Höchstleistung an und bereitet ihm den Weg in ein besseres Leben. Als Sohn eines Bauern, der mit vier Frauen gleich 24 Kinder gezeugt hat, hätte er sonst keine Chance gehabt.

Vor diesem Hintergrund erzählt der 1938 geborene Ngugi wa Thiong’o über erste Schulerfolge, das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen den Ehefrauen seines Vaters, der für ihn traumatischen Trennung seiner Eltern und vom Ritus der Beschneidung, die ihn offiziell zum Mann werden lässt.

Kampf gegen Kolonialherrschaft

Auf eindringliche Weise führt er dem Leser auch vor Augen, wie gesellschaftliche und vor allem politische Ereignisse zunehmend Privates überschatten. Wir erfahren von einem seiner Brüder, dass er sich dem Mau-Mau-Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft anschließt, während dagegen ein anderes Familienmitglied auf Seiten der Regierungstruppen kämpft. Und wir werden Zeuge, wie der Autor und einer seiner Freunde bei einer willkürlichen Massenverhaftung auf brutale und erniedrigende Weise verhört werden. Nur äußerst knapp kommen sie mit dem Leben davon: "Ich schlotterte nach dieser Tortur. Schweigend liefen Kenneth und ich nach Hause. Wir trauten uns nicht zurückzusehen. Selbst als wir hinter uns Schüsse und Schreie hörten, blickten wir nicht zurück. Ich erfuhr nie, was mit denen passiert war, die zurückbleiben mussten. Wir konnten nur raten, behielten aber unserer Mutmaßungen für uns."

Das Erinnerungsbuch "Träume in Zeiten des Krieges" ist sowohl eine bewegende Geschichte über das Erwachsenwerden als auch eine hochpolitische Schrift für die Selbstbestimmung afrikanischer Saaten und gegen jede Form von Unterdrückung und Kolonialismus. Was den Autor so sympathisch und glaubwürdig macht, ist, dass er sein Anliegen an keiner Stelle marktschreierisch vorträgt. Mit klaren, vollkommen unangestrengt und nüchtern wirkenden Sätzen entwickelt er Themen und Figuren; lässt scheinbar wie beiläufig schockierende, anrührende oder komische Szenen entstehen, die den Leser auf eine fesselnde Reise der Erinnerungen entführen.

Folter und Gefängnis

Dass Ngugi wa Thiong’o im Gespräch für den Literaturnobelpreis war, hat zumindest zeitweise für eine Popularität gesorgt, die ihm und ganz Afrika gut getan hat. Denn noch immer hat es die dortige Literatur schwer, eine internationale Öffentlichkeit zu erreichen. Dabei gibt es vor allem bei Thiong’o viel zu entdecken. Schließlich ist er nicht nur ein großer Erzähler, sondern auch eine wichtige Stimme der afrikanischen Freiheitsbewegung. Umso tragischer ist es, dass er von den postkolonialen Machthabern Kenias gefoltert und ins Gefängnis geworfen wurde. Seit 1982 lebt er deshalb im Londoner Exil. Spätestens die Veröffentlichung von "Träume in Zeiten des Krieges" sollte die jetzige Regierung zum Anlass nehmen, um sich mit Ngugi wa Thiong’o endlich zu versöhnen.

Autor: Ralf Bosen

Redaktion: Gabriela Schaaf

Ngugi wa Thiong’o: Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit, A1 Verlag, 264 Seiten, ISBN 978-3-940666-15-4, 22,80 Euro.

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