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Transatlantisches Verhältnis

"New York Times" spricht von "tektonischer Verschiebung"

Die Bierzelt-Rede von Kanzlerin Merkel zu den transatlantischen Beziehungen führt in den USA zu Diskussionen. Die Frage: Deutsches Wahlkampfgetöse oder ein Paradigmenwechsel in den deutsch-amerikanischen Beziehungen?

In den wichtigen US-Medien waren die Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel eines der Aufmacherthemen und lösten eine größere Debatte aus. "Merkel schlägt ein neues Kapitel der US-europäischen Beziehungen auf", schreibt die "Washington Post" und bescheinigt der deutschen Kanzlerin "eine düstere Auslegung der transatlantischen Bindungen, die das Fundament der Sicherheit des Westens in Generationen seit dem Zweiten Weltkrieg waren". Merkel habe sich eindeutig gegen Trump gewandt, so das Blatt: "Sie hat ihn glasklar zurückgewiesen, ohne ihn ein einziges Mal beim Namen zu nennen." Weiter schreibt die Washington Post: "Merkels Worte sind eine deutliche Veränderung der politischen Rhetorik." Ihr Kommentar über das, was sie in den vergangenen Tagen erlebt habe, beziehe sich eindeutig auf Trumps desaströse Europatour. 

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Die "New York Times" (NYT) spricht von "tektonischer Verschiebung": "Die Kanzlerin, Europas einflussreichste Anführerin, schaut bereits über Trump hinaus." Erkennbar enttäuscht habe sie aus den Begegnungen beim G7-Gipfel geschlossen, dass die USA unter Trump ihrem Land und ihrem Kontinent nicht mehr der verlässliche Partner seien, an dem man sich früher wie automatisch orientiert habe, schreibt die NYT.

Putin, der lachende Dritte im Bunde?

Die "New York Times" zitierte den früheren US-Botschafter bei der NATO, Ivo Daalder, mit den Worten: "Dieses scheint das Ende einer Ära zu sein, in der die USA geführt haben und Europa gefolgt ist." Richard Haass vom Think Tank Council on Foreign Relations beschrieb Merkels Äußerungen als eine Wasserscheide in den Beziehungen beider Staaten. "So etwas haben die USA seit dem Zweiten Weltkrieg zu vermeiden versucht", sagte Haass.

Die Kolumnistin Anne Applebaum schrieb auf Twitter: "Seit 1945 haben erst die UdSSR und dann Russland versucht, einen Keil zwischen Deutschland und die USA zu treiben. Dank Trump hat Putin es geschafft." Der New Yorker Medienwissenschaftler Jeff Jarvis kommentierte Merkels Ansprache auf Twitter: "Dieses ist eine bedeutende Rede in der Restrukturierung der Weltmächte. Wer bei Sinnen ist, muss ein starkes Europa unterstützen, um Russland zu kontern - und Trump."

Das Lager der Trump-Unterstützer reagiert verschnupft. Tenor der mitunter ausfälligen Anmerkungen: Merkel habe sich mit ihrer Flüchtlingspolitik bereits von einer gemeinsamen Politik mit den USA verabschiedet und habe ihr Land verraten.

Juncker stimmt Merkel zu

Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker drängt auf mehr Eigenständigkeit und Geschlossenheit der Europäer. "Dabei geht es genau darum sicherzustellen, dass Europa sein eigenes Schicksal bestimmt", sagte Junckers Sprecher Margaritis Schinas. "Europa bleibe aber offen für die Welt und bereit, sich zu engagieren." An einem Bruch mit den USA sei den Europäern nicht gelegen. "Wir wollen die guten transatlantischen Beziehungen fortsetzen", fügte Schinas hinzu. "Sie bleiben von entscheidender Bedeutung zur Sicherung von Sicherheit und Wohlstand in der Welt."

Frustration in "Bierzelt-Rede"?

Bundeskanzlerin Merkel hatte am Sonntag nach den weitgehend gescheiterten Gipfeln von G7 und NATO in einem Bierzelt in München gesagt, die Zeiten, in denen man sich vollständig auf andere habe verlassen können, seien ein Stück weit vorbei. "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen", fügte die CDU-Vorsitzende bei einem gemeinsam Auftritt mit CSU-Chef Horst Seehofer beim Volksfest in München-Trudering  hinzu.

qu/uh (dpa, afp, rtr, dw)

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