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Wissen & Umwelt

New York in Zeiten des Klimawandels

Die Zerstörungen durch Wirbelsturm Sandy haben gezeigt, was Wassermassen in New York anrichten können - und was auf die Metropole in Zukunft zukommen könnte. Eine Reportage aus einer verwundbaren Stadt.

Die Geschichte vom Kampf der Stadt New York gegen steigende Wasserstände ist auch die Geschichte von Murad Awawdeh, Klaus Jacob und Marit Larson. Drei von acht Millionen Menschen, die ein gemeinsamer Gegner eint.

Murad Awawdeh, Umweltaktivist bei der Organisation Uprose in New York (Foto: DW/Delcker)

Umwelt-Aktivist Murad Awawdeh: "Fabriken in einkommensschwachen Gebieten bedeuten Umweltrassismus"

Am westlichen Rand des Stadtteils Sunset Park in Brooklyn mischt sich der Geruch von Abgasen mit Meeresluft. Umweltaktivist Murad Awawdeh steht am Zaun eines sogenannten "Brownlands", einer mit Chemikalien verseuchten Industriebrache.

Daneben liegen ein Kraftwerk und eine Zementfabrik. Sie befinden sich am Ufer des East River, nur knapp über dem Meeresspiegel.

Hier, an der Küste New Yorks, wird nach Expertenmeinung das Wasser innerhalb des nächsten Jahrhunderts zwischen anderthalb und zwei Meter steigen. Gleichzeitig sollen mit der Klimaerwärmung auch die Stürme zunehmen. Aber: "Wenn es hier Überflutungen gibt, fließen die Chemikalien direkt in die Wohnungen der Anwohner", sagt der 25-jährige Awawdeh.

Umweltgefahren treffen vor allem einkommensschwache Stadtteile

Der multikulturelle Stadtteil Sunset Park ist die größte von insgesamt sechs sogenannten SMIAs ("Significant Maritime Industrial Areas") in New York, hochindustrialisierten Gebieten in Wassernähe. "Alle SMIAs sind einkommensschwache Stadtteile", sagt Awawdeh. Das sei kein Zufall: "Umweltverschmutzende Industrie wurde schon immer in solche Gegenden gesteckt."

Video ansehen 02:37

Mit Umweltaktivist Murad Awawdeh in Sunset Park

Rund 200 Meter vom Ufer entfernt, in einem zweigeschossigen Reihenhaus, befindet sich die Zentrale der Organisation Uprose. Gemeinsam mit Helfern stellt Murad Awawdeh hier Stühle auf für ein Community-Treffen. Awawdeh ist bei Uprose verantwortlich für die Organisation von Umwelt-Aktivitäten.

"Umweltverschmutzung wird oft in Gegenden wie Sunset Park gesteckt, weil wir als machtlos angesehen werden. Seit 1994 kämpfen wir von Uprose dagegen", erklärt Direktorin Elizabeth Yeampierre, eine resolute Latina mit Lockenkopf, während sie die Besucher mit Umarmung begrüßt. Am Eingang des Raums sitzt ihre pensionierte Mutter und verkauft Uprose-Sweatshirts für 25 US-Dollar.

"Wenn die Temperaturen in der Antarktis steigen, steigen sie überall"

Kurze Zeit später ist der Saal bis zum letzten Platz gefüllt. Junge Hispanics in Begleitung ihrer Mütter sitzen neben Frauen mit Kopftuch oder in Fleece-Jacken. Der Stadtplaner und Aktivist Eddie Bautista hält einen Vortrag. "Wir müssen vor allem bei den Jungen das Bewusstsein für Industriegebiete in Nähe von Wasser schärfen. Die Menschen müssen verstehen, dass es so nicht weitergehen kann", fordert Bautista.

Video ansehen 04:11

Mit Hydrologin Marit Larson in der South Bronx

Im Publikum nickt Jonathan Ferrer. Der 17-jährige Schüler ist seit früher Kindheit bei Uprose aktiv. Im Oktober 2011 reiste er, finanziert durch ein Stipendium der Stadt New York, zu einer Expedition in die Antarktis.

"Alles hängt zusammen. Wenn die Temperaturen dort steigen, steigen sie überall auf der Welt", sagt Ferrer, "und wenn der Wasserspiegel steigt, dann kommt das Wasser hier in Sunset Park immer näher an die Häuser, in denen die Menschen leben."

New York muss verschiedene Methoden kombinieren

"Die Menschen in Sunset Park haben gute Gründe, Angst zu haben", sagt Klaus Jacob. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in der Vorstadt Piermont am Hudson River, rund 45 Kilometer nördlich von Brooklyn. Der Geophysiker forscht am Lamont-Doherty Earth Observatory der New Yorker Columbia-Universität zu Umweltkatastrophen und berät die Stadt New York in Risikomanagement-Fragen.

Seit 44 Jahren lebt der 76-Jährige in den USA; im Jahr 1968 kam er als Post-Doc aus Deutschland, ursprünglich für ein Jahr. "Das habe ich ein bisschen verlängert", erzählt er mit amerikanischem Tonfall in der Stimme, "aber ich habe immer noch einen deutschen Pass".

"Die Situation in New York ist verheerend; und es ist ganz klar eine Konsequenz des Klimawandels", sagt er. Nach den Zerstörungen durch Wirbelsturm Sandy gebe es nicht mehr viele, die das leugnen.  

Geophysiker Klaus Jacob (Foto: privat)

Geophysiker Klaus Jacob: "Ich selbst habe mein Haus auf ein höheres Fundament gestellt"

Durch die Kombination dreier Methoden könnte sich die Stadt vor Wasser schützen, sagt Jacob: Abschirmung, Anpassung und ein geplanter Rückzug. "Abschirmung kann zentral stattfinden durch Sturmtore oder Deichsysteme, oder dezentral, indem einzelne Gebäude abgesichert werden. Ähnlich hat das die Hafenstadt Hamburg gemacht", sagt Jacob.

Beispielsweise könnten die Eingänge von U-Bahnhöfen in gefährdeten Gebieten höher gelegt werden. Zusätzlich sei es wichtig, sich anzupassen; Gebäude sollten so umgebaut werden, dass Wasser bei einer Flut ins Innere und wieder hinaus gelangt, ohne größeren Schaden anzurichten. "Ich selbst habe mein Haus am Hudson River auf ein höheres Fundament gestellt", sagt Jacob.

Und schließlich sei es wichtig, dass man versucht, sich in höhere Gebiete der Stadt zurückzuziehen. Topographisch ginge das in New York, im Gegensatz beispielsweise zu New Orleans im Süden der USA oder auch Städten anderswo in der Welt, die unter dem Meeresspiegel liegen, wie Venedig oder Sankt Petersburg.

Manche Pläne, wie sich die Stadt vor den Wassermassen abschirmen könnte, klingen wie Science-Fiction. Diskutiert wird, für bis zu 27 Milliarden US-Dollar gigantische Sturmtore in den New Yorker Hafen zu bauen, die die Stadt bei Bedarf schließen kann. "Solche Tore können das Hochwasserproblem für New York nur aufschieben, aber nicht lösen", kritisiert Klaus Jacob.

Wie eine unkonventionelle Idee die Häuser der Stadt New York vor Flutwellen schützen könnte, erfahren Sie im zweiten Teil der Multimedia-Reportage.

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