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Amerika

New Orleans hofft immer noch auf Obama

Die Präsidentschaft Barack Obamas hat an den Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in den USA nichts geändert. Der Präsident selbst thematisiert seine Hautfarbe selten, Afroamerikaner halten trotzdem zu ihm.

New Orleans, Lower 9th Ward, Oktober 2012. Gut sieben Jahre nach Hurrikan Katrina haben die Straßen zwischen Florida und North Clairborne Avenue immer noch Risse und Löcher, sind viele Häuser Ruinen, viele Grundstücke von Unkraut überwuchert. Auch vor dem Sturm, erzählt Wesley Bishop, ließ die Infrastruktur in diesem Gebiet von New Orleans zu wünschen übrig. Doch es sei frustrierend, sagt der 45-jährige Afroamerikaner, der hier aufgewachsen ist, dass es so langsam geht: "Es ärgert mich, dass ich den Leuten nicht sagen kann: Hier hat die Grundsteinlegung für eine Bank stattgefunden oder da kommt ein Laden hin oder hier die Schule, denn das ist es, was die Leute wollen: Kräne, die arbeiten, Boden, der aufgebaggert wird, wirklichen Fortschritt." Gebaut aber wird nur wenig in dem Teil der Stadt, den Bishop als Abgeordneter der Demokraten im Repräsentantenhaus des Bundesstaates vertritt.

New Orleans ist eine afroamerikanische Stadt im Südstaat Louisiana. 60 Prozent der Einwohner sind schwarz. Deswegen, so war 2005 oft zu hören, hat es so lange gedauert, bis Hilfe kam, als die Wasserfluten immer höher stiegen. Seit Präsident Obama im Amt ist, sagt Bishop, bekomme New Orleans mehr Hilfe für den Wiederaufbau als unter Präsident George W. Bush.

Straßenansicht Lower 9th Ward in New Orleans (Foto: DW/C. Bergmann)

Noch immer gibt es hier im Lower 9th Ward in New Orleans keinen Supermarkt, kein Krankenhaus, keine Bank

Rassismus hat zugenommen

1865 wurde in den USA die Sklaverei offiziell mit dem 13. Verfassungszusatz abgeschafft, kurz danach bekamen Schwarze das Recht zu wählen. Aber es dauerte 100 Jahre, bis 1965 mit dem Voting Rights Act alle Afroamerikaner tatsächlich ihr Wahlrecht ausüben konnten. Doch die Lebensbedingungen von Schwarzen und Weißen sind noch immer nicht gleich. Die Arbeitslosenquote unter Afroamerikanern liegt doppelt so hoch wie bei Weißen: 13,4 zu sieben Prozent. Schwarze machen 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung aus, aber knapp die Hälfte der Inhaftierten. 27,4 Prozent der Schwarzen leben in Armut, 9,9 Prozent sind es bei den Weißen. Auch ein schwarzer Präsident hat daran nichts geändert. Nach einer jüngsten Umfrage haben die Vorurteile gegen Afroamerikaner in den letzten vier Jahren sogar zugenommen. 51 Prozent der Amerikaner hegen negative Ansichten gegenüber Schwarzen, verglichen mit 48 Prozent vor vier Jahren.

Hat die Wahl eines Präsidenten, dessen Hautfarbe ebenfalls dunkel ist, dessen Vater aus Kenia kam, also gar nichts verändert für die Schwarzen im Land? Tony Recasner, Chef der Kinderbetreuungs-Organisation "Agenda for Children", erklärt: "Wir haben gelernt, dass die Wahl eines Einzelnen unseren Alltag nicht verändert - nicht unseren ökonomischen und auch nicht unseren sozialen Status." Aber er sagt auch, wie alle anderen Schwarzen in New Orleans, dass Obamas Wahl den Afroamerikanern einen enormen Schub an Selbstbewusstsein gegeben hat.

Verständnis für den Präsidenten

Ist Recasner dennoch enttäuscht vom Präsidenten, weil er so selten die speziellen Probleme der Afroamerikaner anspricht? Obama müsse sich zuerst um die ganze Nation kümmern, meint er, und verweist auf die schwierige Wirtschaftslage, die der Präsident geerbt und die seine Amtszeit dominiert habe. Und: "Wenn wir von Enttäuschung sprechen, dann könnte [der Präsident] genauso enttäuscht von uns sein, wie wir manchmal von ihm", so Recasner, "weil nicht eingetreten ist, was wir uns von seiner Wahl zum Präsidenten erhofft haben."

Dr. Tony Recasner, Chef der Kinderbetreuungs-Organisation 'Agenda for Children' in New Orleans (Foto: DW/C. Bergmann)

Tony Recasner hat Verständnis für die schwierige Lage, in der sich Obama befindet

Wenn sich Obama direkt an die Afroamerikaner wendet, was selten genug vorkommt, stößt er ins gleiche Horn. In einer Rede im letzten Jahr forderte er, sie sollten aufhören zu jammern und die Ärmel hochkrempeln, um die Probleme anzupacken: "Zieht Eure Pantoffeln aus und die Arbeitsstiefel an", fordert er, "wir haben viel zu tun." Doch spezielle Initiativen oder Gesetze hat es während seiner Amtszeit nicht gegeben.

Obama soll Farbe bekennen

"Wir wissen, dass Rassismus weiter existiert", sagt Cathy Cohen, Politikprofessorin an der Universität von Chicago, und ärgert sich über die große Nachsicht mit dem Präsidenten. Schwarze müssten ihn viel öfter zur Rechenschaft ziehen. "Aber sie glauben, sie müssen ihn beschützen, und deswegen zögern sie, ihn öffentlich zu kritisieren", sagt sie. Der Präsident sei sich dessen sehr bewusst, meint Cohen. Auch Andre Perry findet, dass es an der Zeit für den Präsidenten sei, offensiver mit dem Thema Rassismus umzugehen. "Und ich will", sagt der Direktor für Bildungsinitiativen an der Loyola Universität von New Orleans, "dass auch die Republikaner Farbe bekennen." Denn, fährt er fort, "sie lassen in ihrer Partei ein sehr rassistisches Klima zu." Dadurch würden sie einen großen Wählerblock verlieren. "Sie unterschätzen, wie viele republikanisch wählen würden, wenn nicht das rassistische Element in der Partei wäre."

Besonders der Slogan der Tea Party "Wir wollen unser Land zurück" lässt die Schwarzen fragen, wer es denn weggenommen habe. Llyod Harsch, Delegierter der Republikanischen Partei Louisianas und Religionswissenschaftler am Baptistenseminar in New Orleans, erklärt: "Die Mitglieder der Tea Party, die ich kenne, sind im Großen und Ganzen nicht rassistisch, ihnen geht es um die Themen, denn sie sind anderer Ansicht als Präsident Obama, aber es interessiert sie nicht, ob er schwarz oder weiß ist."

Ein Präsident des ganzen Volkes

Joia Crear-Perry und Andrew Perry (Foto: DW/C. Bergmann)

Joia Crear-Perry sagt, Obama könne seine Hautfarbe nicht hervorheben, ihr Mann fordert mehr von Obama

Trotz vieler Enttäuschungen halten die meisten Afroamerikaner zu ihrem Präsidenten. Nach den jüngsten Umfragen ist die Zustimmung zu Obama ungebrochen und liegt über 90 Prozent. Bei den Weißen dagegen verliert er an Boden. Während er 2008 landesweit noch 43 Prozent Zustimmung bekam, sind es derzeit nur noch 37 Prozent. Für eine Wiederwahl aber braucht er auch Stimmen von Weißen. Er muss das ganze Land repräsentieren, erklärt Ted Frantz, Geschichtsprofessor an der Universität von Indianapolis: "Als erster afroamerikanischer Präsident tut man alles, um zu demonstrieren, wie ähnlich man den anderen Präsidenten ist, wenn man sich an das ganze Volk wendet, und man macht keine Zugeständnisse an die eigene ethnische Gruppe." Auch John F. Kennedy, der erste katholische Präsident, hätte bewusst nicht speziell die Katholiken bei seiner Politik berücksichtigt.

Vielleicht, so hoffen die Afroamerikaner in New Orleans, wird Obama in seiner zweiten Amtszeit die ungleiche Situation zwischen Schwarzen und Weißen verstärkt ansprechen. Sie üben sich in Geduld.

Auch für den Lower 9th Ward in New Orleans soll es bald nach einer langen Zeit des Wartens bergauf gehen. Noch vor Weihnachten soll mit dem Bau eines großen Supermarktes begonnen werden, der 700 Arbeitsplätze bringt. Die Hoffnung ist groß, dass weitere gute Nachrichten folgen.

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