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Amerika

New Orleans erholt sich nur langsam

Am 29. August 2005 brach Hurrikan Katrina über New Orleans herein. Fast 1500 Menschen starben, bevor die Stadt vollständig evakuiert wurde. Ganze Bezirke waren für Monate unbewohnbar. Bis heute sind die Spuren sichtbar.

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"Für die Touristen ist Katrina kein Thema mehr", sagt Connie Campbell vom Tourismus-Büro in New Orleans. Kein Wunder, denn die Hauptattraktionen wie das Französische Viertel haben nur wenig Schaden durch den Hurrikan davongetragen, ergänzt ihre Kollegin Mary Beth Romig. "Wer möchte, kann aus dem Flugzeug steigen und hier Urlaub machen, ohne etwas von den Schäden zu sehen, die Katrina angerichtet hat.“

Die positive Nachricht nach der Katrina-Katastrophe ist denn auch, dass die Besucherzahlen in New Orleans im letzten Jahr wieder angestiegen sind. Doch ob dieser Trend anhält, ist fraglich. Denn angesichts der Wirtschaftskrise bleiben viele Geschäftsleute weg, die Firmen müssen sparen.

Aufschwung dank Katrina?

Eigentlich meistert die Stadt die Krise im Großen und Ganzen nicht schlecht. Dank der umfangreichen Investitionen, die für den Wiederaufbau getätigt werden, gingen in New Orleans in den letzten 12 Monaten nur 0,9 Prozent der Arbeitsplätze verloren - im US-Durchschnitt waren es 4,1 Prozent. Allerdings beklagen die Bürger, dass die bürokratischen Mühlen oft langsam mahlen. So habe sich die staatliche Katastrophenbehörde FEMA in der Vergangenheit schwer damit getan, finanzielle Entschädigungen zu genehmigen, sagt LaToya Cantrell, Vorsitzende der Wiederaufbauvereinigung des Bezirks Broadmoor.

LaToya Cantrell

LaToya Cantrell, Präsidentin der Bürgervereinigung von Broadmoor, vor einer Karte der zerstörten Stadtteile

Ein Beispiel dafür sei die öffentliche Bibliothek. "Drei verschiedene Gutachten wurden angefertigt", regt sich Cantrell auf. "Erst jetzt haben wir die Zusage der FEMA, dass sie die Wiederaufbaukosten zu 100 Prozent übernehmen. Der Streit geht schon seit 2006 und die Einigung kam gerade vor einem Monat zustande.“ Das hänge möglicherweise mit dem Regierungswechsel in Washington zusammen, vermutet Cantrell. Das Geld fließe schneller seit Barack Obama Präsident ist - und den FEMA-Chef ausgewechselt hat.

In Broadmoor, das nach dem Hurrikan drei Wochen lang meterhoch unter Wasser stand, sind zwar noch immer hunderte Häuser unbewohnbar. Aber es sieht immerhin nicht ganz so trostlos aus wie im Lower Ninth Ward, einem Gebiet, das durch die Überschwemmung durch Katrina traurige Berühmtheit erlangte. Hier lebten vor allem arme Afro-Amerikaner. Das Unkraut hat hier inzwischen Einfahrten und Gärten überwuchert. Nur alle paar Straßenecken steht ein intaktes Haus. Doch in letzter Zeit rollt öfter ein Umzugswagen vor. Häuser werden wieder renoviert.

Neues bürgerschaftliches Engagement

Dass es voran geht, liegt vor allem an der Eigeninitiative der Menschen. Die vietnamesische Gemeinde in Michoud im Nordosten der Stadt will dabei so unabhängig wie möglich werden. Auch Michoud wurde durch Katrina schwer getroffen, erst vor einem Jahr wurden die Reparaturarbeiten abgeschlossen, sagt Pater Vien. Der katholische Priester kümmert sich aktiv um den Wiederaufbau in der Gemeinde. "Letztlich wollen wir uns selbst versorgen können. Denn nach Katrina waren wir auf uns allein gestellt. Die staatlichen Schulen wurden alle geschlossen. Jetzt haben wir unsere eigene Schule, in der wir bestimmen können, wann sie aufmacht oder schließt. Auch die drei öffentlichen Krankenhäuser machten nach Katrina zu. Jetzt wollen wir unser eigenes Gesundheitszentrum eröffnen, in dem umfangreiche Dienstleistungen im Gesundheitsbereich angeboten werden. Außerdem wollen wir unsere eigenen Felder bestellen. Denn es dauerte fast zwei Jahre, bis hier wieder ein Supermarkt aufmachte, und der ist auch noch mehr als zehn Kilometer entfernt.“

Lower 9th Ward

Der Lower 9th Ward war eines der Gebiete von New Orleans, das von den Überflutungen und REgengüssen des Hurrikan Katrina am stärksten betroffen war

Die Idee eines Gesundheitszentrums für Michoud hat der renommierte Gynäkologe Dr. Benjamin Sachs aus Massachusetts mitgebracht. Er ist Leiter der medizinischen Fakultät der Tulane Universität in New Orleans. Das Konzept soll Schule machen. An drei Zentren wird gerade gebaut, im Sommer nächsten Jahres sollen sie fertig sein. "Jedes der Zentren kann 20.000 Menschen versorgen", erläutert Dr. Sachs. "Wir versuchen hier die Gesundheitsinfrastruktur in einer Art und Weise wieder aufzubauen, bei der sie langfristig mehr Qualität bietet aber kostengünstiger ist.“

In Louisiana sei die Gesundheitsversorgung seit Jahren schon schlechter und teurer, als in anderen US-Bundesstaaten, sagt Sachs. Das liegt vor allem daran, dass 23 Prozent der Bevölkerung keine Krankenversicherung haben und auch bei alltäglichen Krankheiten ein Krankenhaus aufsuchen. Das kostet einerseits viel Geld und bietet andererseits keine sinnvolle langfristige medizinische Betreuung. Mit dem Aufbau der Gesundheitszentren will Sachs die Krise als Chance nutzen, etwas ganz neues zu etablieren.

Fortschritt bei der Bildung

2004 rangierte Louisiana bei landesweiten Vergleichen auf den unteren Plätzen, wenn es um das Bildungsniveau der Schülerinnen und Schüler ging. Die meisten Kinder besuchten staatliche Schulen, die nach dem Hurrikan geschlossen wurden. Eltern, Lehrer und gemeinnützige Organisationen wollten das nicht hinnehmen und zogen ein Netz von sogenannten Charter-Schulen auf, wie sie jetzt auch in Pater Viens Gemeinde existiert. Diese Schulen können selbst bestimmen, wie ihre Kinder die Lernziele erreichen sollen. Seitdem ist das Lernniveau deutlich gestiegen.

Flutmauer New Orleans

Eine große Flutmauer soll verhindern, dass das Wasser des Golfs von Mexiko durch einen Hurrikan in die inneren Kanäle der Stadt New Orleans gespült wird

Doch es gibt nicht nur positive Trends in New Orleans. Die hohe Kriminalitätsrate ist ein großes Problem. Die Stadt hatte gemessen an der Einwohnerzahl auch 2008 wieder die höchste Mordrate des Landes.

Armee renoviert Deiche

Und alle Aufbauarbeit nutzt nichts, wenn der nächste Hurrikan die Stadt wieder überflutet. Das Technische Hilfswerk der US-Armee, das vor Katrina für den Küstenschutz zuständig war, hat in den letzten Jahren alle Schäden an Deichen, Dämmen und Pumpen wieder repariert. Mit komplizierten Computermodellen hat man viele verschiedene Szenarien für Hurrikans und Fluten durchgespielt und entsprechende Schutzmaßnahmen geplant. Das Material der Deiche ist fester, sie werden höher gebaut und an neuralgischen Stellen entstehen Dämme, damit das Wasser gar nicht erst in die Kanäle und damit in die Stadt fließen kann.

Allerdings werden die Arbeiten erst 2011 abgeschlossen sein. Und erst dann, sagt Richmond Kendrick vom Hurrikan-Schutz-Büro des Hilfswerks, wird die Stadt einem Sturm widerstehen können, wie er einmal in Hundert Jahren vorkommt. Doch er warnt: "Unser Ziel ist es, das Risiko zu minimieren. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.“

Kritiker halten die 100-Jahres-Marke für zu niedrig. Zum Vergleich: Die Niederlande messen ihren Küstenschutz an einer Sturmflut, wie sie einmal in 10.000 Jahren vorkommen kann. Die Schutzwälle um New Orleans sollten deswegen zumindest einem Sturm widerstehen können, so die Forderung, wie er einmal in 500 Jahren vorkommt. Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst gilt es, diese und die nächste Hurrikan-Saison unbeschadet zu überstehen, um zumindest den 100-Jahres-Schutz zu erreichen.

Autorin: Christina Bergmann
Redaktion: Mirjam Gehrke

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