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Das Bergbau-Dilemma

Neuseeland: Wirtschaft und Umwelt im Einklang, geht das?

Neuseeland hat gewaltige Kohlereserven und deshalb eine lange Bergbautradition. Neue Tagebaue sind nicht ausgeschlossen. Muss der Umweltschutz zurückstecken? Der Konflikt schwelt seit mehr als 100 Jahren.

Te Wai-pounamu, die Südinsel Neuseelands, ist ein reiches Fleckchen Erden. Tief in der Erde liegen gewaltige Rohstoffvorkommen verborgen. Darüber gedeihen artenreiche Urwälder auf saftiger Erde, an malerischen, schroffen Klippen. Hier trifft Tradition auf Moderne, wird hitzig die Frage diskutiert, was wichtiger ist - Kohle oder die einzigartige Natur?

Kohle ist immerhin die Existenzgrundlage der Menschen hier. So etwas wie Leib und Seele dieser dünn besiedelten Region. Die Tradition reicht zurück bis in die 1860er Jahre. Damals kamen die ersten Minenarbeiter, um das Gebiet zu erschließen. Zähe Burschen, die sich in Orten wie Blackball niederließen. Hier liegt die Brutstätte des Bergbaus und die von Neuseelands Arbeiterpartei. Blackball gibt es auch heute noch, als verschlafenes Nest mit nur knapp 300 Einwohnern. Einer von ihnen ist Sam Gribben. Und für Gribben ist Bergbau nichts Falsches. Er ist in der staubigen Welt der Kohle aufgewachsen, sagt er. Sein Großvater war schon Bergarbeiter, seine Brüder sind Bergarbeiter und sein Vater war Mechaniker in den Minen. 

Blick auf die Dennison Plateau Mine (Neil Silverwood)

Die "Bathhurst Dennison Plateau Mine" gab es nicht lange, ihr Einfluss auf die Natur ist trotzdem enorm

"Das ist einfach wichtig für mich", sagt Gribben. Also befürwortet er auch den Bergbau. Er unterstützt die Gewerkschaft "Etu" und lebt seit sieben Jahren in Blackball. "Klar, dank Bergbau konnten wir unsere Häuser abzahlen und Essen auf den Tisch bringen. Aber es ist mehr als das. Es geht um die soziale Atmosphäre im Dorf, weil die Bergbaufirmen Geld in der Gemeinde investieren."

Aber der Industriezweig strauchelt. Die Kohlepreise schwanken, die Produktionskosten klettern rasant. Außerdem belasten Gesundheits- und Sicherheitsbedenken die Industrie. Immer wieder kommt es zu Unglücken. Infolgedessen schließen immer mehr Kohlegruben an der Westküste und machen Platz für Neuseelands Neuorientierung hin zu grünen Energien und Umweltschutz. Das muss das Land auch tun, um internationale Emissionsverpflichtungen einzuhalten.

Kohlegruben oder Naturschutz

Aber begraben ist die Kohle deshalb noch nicht. Gegen den Trend sind neue Tagebaue in Planung, ober- und unterirdisch. Für die Kumpel von Blackball sind das gute Neuigkeiten. Es geht um das Gebiet von Buller Plateau, in der Nähe ihrer Stadt. Damit würde der Bergbau in ein Gebiet vordringen, dessen Natur als besonders schützenswert gilt. Hoffnung steht gegen Natur. "Die Leute, die hier leben, sind für den Bergbau, weil sie die Arbeitsplätze sehen", sagt Gribben. "Leute, die nicht direkt darin involviert sind, sind dagegen. Aber hier gibt es gerade ziemlich viel Unterstützung dafür, dass das erlaubt wird."

Die neuseeländische Regierung will den einzigartigen Lebensraum zerstückeln, sagt die Naturschutzorganisation "Forest & Bird". Damit soll für die Käufer das Investieren in eine Mine schmackhafter werden. Im Zentrum steht die "Stockton Mine", die von der staatlichen Bergbaugesellschaft "Solid Energy" betrieben wird. Die Gesellschaft ist allerdings schon seit 2015 in freiwilliger Insolvenz. Die Regierung will das Unternehmen loswerden. Aber je größer die Kohlekrise dauert, desto schwerer wird das.
Über den Verkauf der "Stockton Mine" entscheidet gerade das neuseeländische "Overseas Investment Office". Hier werden ausländische Direktinvestitionen in Neuseeland überwacht.
Eine Entscheidung soll schon im Juni 2017 gefällt werden. Der potentielle Käufer heißt "Phoenix Coal", ein Joint Venture des Agrarunternehmens "Talley's Group" und dem Bergbauunternehmen "Bathurst Resources".


Photo of the West Coast green gecko (Neil Silverwood)

Westküsten-Grüngecko und der Große Fleckenkiwi wären von den Bergbauvorhaben bedroht

Umweltschützer schlagen Alarm

Kevin Hague ist der Vorstandschef von "Forest & Bird". Er sagt, dass Neuseelands Umwelt- und Wirtschaftsminister das "Buller Plateau" neu klassifizieren wollen. Dabei solle es in geschützte und nicht-geschützte Gebiete eingeteilt werden. Die besten Teile würden sie für den Bergbau freigeben. Hague sorgt sich vor allem um einen Teil des "Buller Plateaus", der "Whareatea West" heißt. Hier, meint er, soll der Tagebau betrieben werden.

"Das ist öffentliches, geschütztes Land und der ökologisch wertvollste Bereich auf dem Plateau. Ohne "Whareatea West" geht die Unversehrtheit des gesamten Plateaus verloren", sagte Hague in einer Stellungnahme. "Wieso arbeitet der Naturschutzminister im Geheimen daran, das Land freizugeben, damit es für privaten Profit zerstört werden kann, anstatt sich öffentlich für den Schutz des geschützten Gebiets einzusetzen?"

Unwiederbringlicher Verlust

Dass die Umweltschutzbehörde "Department of Conservation" (DOC) in die Pläne involviert ist, irritiert viele. Die Behörde muss jegliche Bergbauaktivitäten auf geschütztem Land genehmigen. Wie bedeutend das Areal ist, wird aus einem eigenen DOC-Ranking deutlich. In der Liste der 1000 wichtigsten Standorte für Ökosystemmanagement nimmt das "Denniston Plateau", ein Teil des "Buller Plateaus", wo "Whareatea West" liegt, immerhin den 93. Platz ein.

Photo of the great spotted kiwi (Neil Silverwood)

Auch er ist direkt vom angedachten Bergbau bedroht: der Große Fleckenkiwi (hier ein Küken)

Die "Forest & Bird"-Sprecherin Caitlin Carew sagt, das "Buller Plateau" sei das einzige Ökosystem seiner Art in Neuseeland. In großen Teilen des Gebiets gebe es bereits tiefe Bergbauspuren, historische und neuere. Ein weiterer Tagebau würde zum unwiederbringlichen Verlust der seltenen Flora und Fauna der Gegend führen. Darunter der Große Fleckenkiwi und der Westküsten-Grüngecko. Wenngleich die Bergbaufirmen versprochen haben, die Natur wieder herzustellen, nachdem die Bergbauaktivitäten vorüber sind, wäre die Natur nie wieder so artenreich und vielfältig wie heute, sagt Carew.

Sie kann sich auch auf einen Präzedenzfall berufen: Im Jahr 2013 wurde nach einem langwierigen Rechtsstreit mit "Forest & Bird" ein Tagebau in der "Escarpment Mine" auf dem "Denniston Plateau" betrieben. Das Projekt lebte allerdings nicht lange, weil die Mine nicht rentabel war. Aber die Umweltbehörde dokumentierte trotzdem eine Vielzahl ökologischer Auswirkungen.

Bislang hat sich die Regierung geweigert, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Die Begründung: es sei "eine laufende Angelegenheit, die die Minister noch diskutieren."

"Das "Buller Plateau" hat einen signifikanten wirtschaftlichen Wert, aber wir verstehen auch die Notwendigkeit, das gegen Naturschutzthemen abzuwägen," sagte Neuseelands Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Simon Bridges.

A view of Whareatea West (Neil Silverwood)

So sieht das Whareatea West-Gebiet aus, Blick auf den Ozean

Wenn nicht Bergbau, was dann?

Und darin liegt das Problem. Ähnlich wie Gemeinden in Deutschland oder den USA, die vom Kohlebergbau abhängig sind, gibt es auch hier nur Schwarz oder Weiß. Entweder entscheidet man sich für die Zufriedenheit der Kumpel oder die unberührte Natur. Aber selbst den Kumpeln ist klar, dass sie vielleicht nur eine Schlacht gewinnen, allerdings am Ende nicht den Krieg: Kohle deckt in Neuseeland nur 5 Prozent des Energiebedarfs. Die Industrien, die Kohle verwenden, werden mit sogenannten Kohle-Credits besteuert, die in absehbarer Zeit einen Wechsel zu erneuerbaren Energien fördern werden. Hinzu kommt, dass die bürokratische Hürden hoch sind, um überhaupt eine Lizenz zur Kohleförderung zu bekommen.

Während die Regierung sich also leise aus ihrer Beteiligung an der Kohleindustrie zurückzieht und dabei noch etwas Geld daran verdient, plant sie bereits den unausweichlichen Strukturwandel. Aber wie sieht die Lösung am Ende aus?

Tourismus könnte eine naheliegende Wahl sein, angesichts der üppigen Natur und der traumhaften Aussichten an der Westküste. Dagegen spricht aber bislang das Geld. Denn Bergarbeiter werden für ihre Arbeit in den Minen so gut bezahlt, dass sie kaum ohne Ausgleich in die Tourismusindustrie wechseln werden, wo sie nur den Mindestlohn verdienen. Außerdem stehen sie zur Tradition: 150 Jahre haben ihre Gemeinden geprägt.

"Das", sagt Gewerkschaftler Sam Gribben, "ist die große Frage im Moment."