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Digitales Leben

#Neuland – Grundsatzdebatte um das Internet

Es war ein Satz der Bundeskanzlerin, der die Netzwelt aufscheuchte: "Das Internet ist für uns Neuland". Innerhalb von Minuten explodierte der Hashtag #Neuland auf Twitter und entfachte eine heftige Diskussion.

German Chancellor Angela Merkel gestures during a joint press conference with US President Barack Obama on June 19, 2013 at the Chancellery in Berlin. Barack Obama met with Angela Merkel for talks during his visit in Berlin. AFP PHOTO / JOHANNES EISELE (Photo credit should read JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images)

Merkel PK Internet Neuland

Offizielle Pressekonferenz zum Besuch des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama in Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel steht am Rednerpult und beantwortet eine Frage zum Streitthema Internetüberwachung, als ihr dieser Satz entschlüpft: "Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen."

Hängengeblieben ist allerdings nur der erste Teil des Satzes. Auf Twitter stürzten sich alle auf diesen vermeintlichen Fauxpas, viele regten sich auf, warfen Merkel Ignoranz und Versagen vor. Und noch viel mehr wurde genüsslich gewitzelt.

Schnell sprangen die Medien auf – und erneut ist ein Thema aus den Sozialen Medien mitten in der Gesellschaft gelandet. Ähnliches passierte im Februar mit der sogenannten Aufschrei-Debatte, als Frauen auf Twitter über alltäglichen Sexismus berichteten und kurze Zeit später jede TV-Talkshow dies zum Thema hatte.

Neben all dem Spaß und der Häme, die auf Twitter über den Ausspruch der Kanzerlin gegossen wurden, bemühte sich Merkels rechte Hand, Regierungssprecher Steffen Seibert, um Schadensbegrenzung und twitterte: "Zur Neuland-Diskussion: Worum es der Kanzlerin geht - Das Internet ist rechtspolitisches Neuland, das spüren wir im polit. Handeln täglich."

"Die heutigen Abiturienten sind zu jener Zeit geboren worden"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l) lässt sich von einem Schüler einen Arbeitsvorgang am Laptop zeigen. Foto: Jochen Lübke dpa/lni

Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommt Nachhilfe

Dass das Internet beim politischen Handeln in Deutschland bisher noch keine große Rolle gespielt hat, ist vielen der Spaßmacher auch bewusst. Viele Internetnutzer haben aber ein grundsätzliches Problem damit, dass die Regierungschefin einer Wirtschafts- und Technologiemacht das Netz als unbekanntes Terrain bezeichnet. Denn die Technik, Computer in einem Netzwerk miteinander zu verbinden, hatte im Jahr 1969 ihren Ursprung. Das WWW, so wie wir es jetzt kennen, gibt es seit gut 20 Jahren. Aus dem Alltag ist das Internet für viele kaum noch wegzudenken.

Schnell veröffentlichten engagierte Blogger ihre Meinung dazu. So schrieb Thomas Knüwer in seinem Blog "Indiskretion Ehrensache" einen geharnischten Text, in dem er auflistet, welche Veränderungen die politische und gesellschaftliche Landschaft in den letzten zwei Jahrzehnten durchlebt hat: "Was wäre, würde (Bundeswirtsachaftsminister) Philipp Rösler behaupten, die WTO sei so schwer zu beurteilen, weil man nicht so viele Erfahrungen mit ihr hätte? Was wäre, erklärte (Gesundheitsminister) Daniel Bahr, die Pflegeversicherung sei für alle noch Neuland?"

Knüwer bemerkt noch, dass das Online-Auktionshaus Ebay 1995 gegründet wurde, ebenso der Softwaregigant Netscape. Die heutigen Abiturjahrgänge sind in diese Zeit hineingeboren worden – es sind sogenannte "Digital Natives", die nie ein Leben ohne Netz kennengelernt haben.

Netzwerkkabel Foto: Jens Wolf/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Netzneutralität ist zur Zeit großes Thema: Die Telekom will Internetverbindungen drosseln.

Die "Digital Natives" im Elfenbeinturm

Auch der Blogger Enno Park findet Merkels Formulierung "dumm und anmaßend", sie tue so, als sei das Netz für die meisten Menschen Neuland. "Aber", so schreibt er weiter: "Wir Netzbewohner, wir sind keinen Deut besser. Gemessen an der Bevölkerung sind die Digital Natives und die Digital Immigrants – also diejenigen Menschen, die das Internet intensiv nutzen, andere Arbeitsweisen pflegen und einen anderen, vernetzten, offenen Mindset haben – immer noch eine Minderheit."

Park fühlt sich verantwortlich für alle anderen Menschen, die das Netz vielleicht nutzen, aber dessen Möglichkeiten gar nicht kennen. Er macht aufmerksam auf den digitalen Graben, der unsere Gesellschaft durchzieht und fordert die Netzgemeinde dazu auf, "jemanden aus der alten Welt mit ins Neuland zu nehmen".

Wieviel Neuland ist das Internet?

Tatsächlich nutzen laut der jüngsten Online-Studie um die 76 Prozent der Deutschen das Internet. Doch nur ein kleiner Teil ist darin so zu Hause wie die sogenannte Netzgemeinde, die Blogger, Twitterer oder Netzaktivisten. Für die meisten Deutschen bedeutet das Internet: Onlineshoppen, Facebook und vielleicht noch Onlinebanking. Die schier unendlichen Möglichkeiten des Austausches, der Kreativität und der Vernetzung sind vielen entweder gar nicht bekannt, zu unheimlich oder einfach nur egal.

Das Netzvolk wünscht sich, dass sich gerade die Politik mit dem Potential dieses Mediums auskennt und auseinandersetzt.

Netzaktivist Markus Beckedahl vom Verein Digitale Gesellschft e.V. (Foto: DW)

Netzaktivist Markus Beckedahl vom Verein Digitale Gesellschaft e.V.

Der Satz "Das Internet ist für uns Neuland" löst in Zeiten der Diskussion um Internetüberwachung, Netzzensur und Netzneutraliät zurecht Empörung aus. Wenn Spitzenpolitiker dieses Medium eher links liegen lassen und die "Sache mit dem Internet" lieber ihren Spezialisten überlassen, sorgt das in einer Gesellschaft, die die Schwelle zur Digitalisierung bereits überschritten hat, für Unruhe.

Einer der Vordenker einer digitalen Gesellschaft in Deutschland, Markus Beckedahl, meint daher nach dem Fauxpax der Kanzlerin trocken auf "Netzpolitik.org": "Für uns ist das Netz nicht mehr Neuland, wir nehmen Sie, Angela Merkel, aber gerne an die Hand, wenn Sie unsicher sind."

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