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Politik & Gesellschaft

Neues Zentrum für Islamische Theologie

Trotz vier Millionen Muslimen in Deutschland gibt es erst jetzt das Studienfach "Islamische Theologie". Der Bund will damit unter anderem verhindern, dass im Ausland ausgebildete Imame radikale Ansichten verbreiten.

Professor Dr. Bernd Engler, Rektor der Universität Tübingen (Foto: Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen)

Bernd Engler, Rektor der Universität Tübingen

Der Islam gehört zu Deutschland, sagte Bundespräsident Christian Wulff im Jahr 2010. Damit wollte er eine seit Jahren schwelende Debatte um die "Deutsche Leitkultur" beenden. Denn immer wieder kommt es bei den Themen Deutschland und Islam zu Streitigkeiten. Einige Deutsche sagen, nur das Christentum gehöre zur deutschen Kultur, andere befürchten, dass Imame, die oft aus der Türkei rekrutiert werden und kaum Deutsch sprechen, den Islam in Deutschland gewissermaßen fernsteuern. Die Bundesregierung hatte deshalb vor zwei Jahren beschlossen, an vier Universitäten neue Institute für Islamische Theologie zu schaffen. Ziel sollte unter anderem sein, die Imam-Ausbildung in Deutschland selbst anzubieten. Eine Kommission sah das bei mehr als vier Millionen Muslimen in Deutschland als notwendigen Schritt an.

Ein Imam in der Sehitlik-Moschee in Berlin (Foto: DPA)

Ein Berliner Imam beim Studium der Schrift

Die Universität Tübingen im südlichen Bundesland Baden-Württemberg hat das Studenfach im Oktober 2011 als erste deutsche Universität auf dem Lehrplan gehabt. Seitdem studieren dort 23 Frauen und 13 Männer den acht-semestrigen Bachelor-Studiengang Islamische Theologie. Nun ist der Studiengang in Tübingen an diesem Montag (16.01.2012) mit einer Feier auch offiziell eröffnet worden.

Imam-Ausbildung eher sekundär

Bernd Engler ist Rektor der Universität Tübingen, er will sich dafür einsetzen, dass Muslime in Deutschland ausgewogen ausgebildet werden. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er, es gehe darum, einen möglichst umfassenden Überblick über die verschiedenen Strömungen und Facetten des Islam anzubieten, und die Religion in ihrer ganzen Pluralität zu erfassen. Die Ausbildung zum Imam will er nicht ins Zentrum des Studienangebots stellen:

"Wir wollen gar nicht zunächst den Prediger im Blick haben, sondern denjenigen, der auf einem sehr breiten Fundament steht und die Religionswissenschaft auch vertreten kann.Von daher ist die Imam-Ausbildung eigentlich ein Sekundärziel." Wichtiger seien für die Hochschule vielmehr spätere Pädagogen, die an Gymnasien islamischen Religionsunterricht abhalten könnten, und Studierende, die später ganz andere Berufsaussichten hätten, zum Beispiel in den Medien oder in sozialen Diensten.

Scharia als Teil der Ausbildung

Muslimischer Gottesdienst in München (Foto: DPA)

Muslimischer Gottesdienst in Deutschland

Im Rahmen der Ausbildung wird Engler auch das islamische Recht - die Scharia - gelehrt. Allerdings wehrt sich der Rektor der Tübinger Universität gegen den Vorwurf, die Scharia werde an seiner Hochschule propagiert. Es gehe vielmehr darum, "eine ausgewogene Interpretation unterschiedlicher Rechtsschulen ins Feld zu führen." Denn in unterschiedlichen islamischen Ländern werde das Recht sehr unterschiedlich gepflegt. Engler geht davon aus, dass durch diese Pluralität eine gewisse Ausgewogenheit herbeigeführt werden kann.

Islam aus den Hinterhöfen hervorholen

Die Bedenken der Bevölkerung will Bernd Engler ernst nehmen: "Ich kann sie auch teilweise verstehen, weil viele natürlich mit Muslimen wenig Kontakt haben und vor allen Dingen auch deren religiöse Praxis nicht richtig einschätzen können. Man denkt sofort an Burka und Scharia, und zwar in der schlimmsten Ausprägung." Engler habe dagegen die Erfahrung gemacht, dass Muslime sehr viel offener seien und sehr viel pluraler denken würden, als das gemeinhin angenommen werde. Die Gründung des neuen Instituts an seiner Universität beschreibt er als Chance, das religiöse Empfinden der Muslime in Deutschland etwas ernster zu nehmen. "Die Muslime haben sich natürlich immer, was ihre Religion und ihre religiöse Praxis anbelangt, eher in die Hinterhöfe abgedrängt gesehen, und ich glaube, das ist ganz gut, wenn damit Schluss ist."

Allerdings gibt es Bedenken, dass Moscheegemeinden die in Deutschland ausgebildeten muslimischen Theologen nicht akzeptieren könnten. Die Universität hat deshalb eigens einen Beirat eingeführt, der dafür sorgen soll, dass die Akzeptanz in den Gemeinden hergestellt wird. Verbände und Moscheegemeinden sind in diesen Beirat eingeschlossen, und Rektor Bernd Engler meint, es sei "töricht, Studierende auszubilden, die als Absolventen für die Moscheegemeinden gar nicht infrage kommen." Diese Befürchtung will Engler zerstreuen. Die erste Generation der Gastarbeiter aus der Türkei habe natürlich Imame aus der Türkei bevorzugt, in der zweiten Generation sei das aber schon leicht anders gewesen. Gerade in der dritte Generation, in der viele Kinder nicht mehr richtig Türkisch sprechen könnten, sei es aber um so wichtiger, deutschsprachige Imame und Religionslehrer auszubilden.

Geld vom Staat

Schüler mit Migrantionshintergrund in einer Leipziger Schule (Foto: DPA)

Schüler mit Migrationshintergrund in einer Leipziger Schule

Um all dies zu verwirklichen, erhält die Universität Tübingen in den kommenden fünf Jahren insgesamt vier Millionen Euro vom Bund. Und weitere Universitäten folgen: Im Laufe des Jahres sollen die Doppelstandorte Osnabrück/Münster, Frankfurt/Gießen und Erlangen/Nürnberg etabliert werden. Auch dafür steht Geld vom Staat zur Verfügung. Für Professuren, Mitarbeiterstellen und den wissenschaftlichen Nachwuchs im Studienfach Islamische Theologie stellt Deutschland insgesamt rund 20 Millionen Euro zur Verfügung.

Wachsender Bedarf besteht vor allem an Religionslehrern. Als erstes Bundesland führt Nordrhein-Westfalen in diesem Jahr flächendeckenden islamischen Religionsunterricht ein. Bundesweit warten 700.000 muslimische Schüler auf die Einführung eines solchen Unterrichtsfachs, dafür sind rund 2.000 Lehrer erforderlich.

Autor: Klaus Jansen
Redaktion: Rolf Breuch