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Kultur

Neues Verfahren zur Rekonstruktion von Gesichtern

Den Toten einen Namen geben - so könnte man die erste Aufgabe der Forensiker und Anthropologen beschreiben. Dank einer spektakulären Innovation geht das jetzt viel schneller.

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In zwei bis drei Stunden ein Gesicht vermessen

Ob Massengräber, Erdbebenopfer oder verweste Leichen: Es gibt genug Fälle, wo die gängigen Identifizierungsmethoden wie Fingerabdrücke oder DNA-Analyse versagen. In solchen Fällen werden Untersuchungen des Schädels vorgenommen, mit deren Hilfe man eine Rekonstruktion der so genannten Gesichtsweichteile durchführen kann. Früher haben Spezialisten manchmal wochenlang an einer dreidimensionalen Skultur gearbeitet.

Im Bonner Forschungs-Zentrum caesar (center of advanced european studies and research) liegt am 14.8.2002 in Bonn eine fast 2.000 Jahre alte Moorleiche

Diese 2000 Jahre alte Moorleiche wird im Bonner Forschungs-Zentrum Caesar mit neuester holografischer Aufnahmetechnik vermessen und dokumentiert. Mit Hilfe dieser Daten wird dann im Rapid-Prototyping-Verfahren ein Kunststoffmodell des Schädels rekonstruiert.

Am holographischen Forschungszentrum "Caesar" in Bonn hat man nun ein neues Verfahren entwickelt: Per Computertomographie wird eine Schichtaufnahme des Schädels angefertigt. Mit Hilfe eines Hologramms werden dann am Computer Gesichtsweichteile auf dieses Knochengerüst übertragen. Das Ergebnis ist eine so detaillierte Rekonstruktion, dass das Opfer meist anhand von diesem Bild identifiziert werden kann.

Die Suche nach dem Weichteildatensatz

Die Konstrukteure entwickelten hierzu eine spezielle Gesichtserkennungssoftware und umfangreiche 3D-Datensätze von Gesichtern, die als Muster dienen. Soll ein Schädel identifiziert werden, wird ein computertomographisches Bild mit den gespeicherten Schädel-Gesichts-Mustern verglichen, um heraus zu bekommen, welches Gesicht zu diesem Schädel passt, erklärt der Leiter des "Caesar"-Forschungszentrums, Peter Hering.

Passt der gefundene Weichteildatensatz nicht vollständig, kann das Muster mit einem Morphing-Verfahren soweit angepasst werden, bis es schließlich auf den Schädel passt. So lassen sich dann ethnische Herkunft, Alter und Geschlecht herausfinden.

Schnelle Hilfe

Der große Vorteil der holographischen Vermessung des Gesichtsprofils gegenüber dem plastischen Verfahren besteht vor allem in seiner Geschwindigkeit, erklärt Thorsten Buzug vom RheinAhr-Campus Remagen, einem der Kooperationspartner von "Caesar". "Ein konventioneller Forensiker braucht drei Tage bis zwei Wochen, je nachdem wie viel anthropologische Genauigkeit und maskenbildnerische Arbeit erforderlich ist. Dank immer schneller werdender Computerprogramme können wir heute schon innerhalb in ein oder zwei Stunden ein brauchbares Gesicht bekommen."

Die Genauigkeit sei mit dem Computer genau so gut wie bei der plastischen Arbeit, man könne nur viel besser korrigieren. Das neue Verfahren könnte bei Katastrophen, wie dem verheerenden Tsunami in Südasien, oder der Identifizierung von Leichen in Massengräbern aus Kriegs- oder Bürgerkriegsgebieten zum Einsatz kommen. Denn dort ist es meistens allein wegen des technischen Aufwandes unmöglich, eine plastische Rekonstruktion durchzuführen. Das entwickelte Verfahren könnte die Identifizierung von Toten leichter, schneller und genauer machen. Und somit auch helfen, den Toten wenigstens ihren Namen, ihre Identität zurückzugeben.

Auch Hilfe für Lebende

Es gibt jedoch auch Anwendungsmöglichkeiten jenseits der Kriminologie, betont Hering. "Wir hatten zum Beispiel einen medizinischen Fall, wo eine junge Frau ohnmächtig geworden ist und mit einer Gesichthälfte auf eine glühende Kochplatte gefallen ist und dabei ist der gesamte linke Bereich total verbrannt. Dann wurden Fotos zur Hand genommen, um das Gesicht wieder zu rekonstruieren."

Die computergestützte Gesichtsweichteilrekonstruktion ermögliche es zudem vorauszusagen, wie der Patient nach einer plastischen Operation aussehen wird.

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