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Welt

Neues Therapiegesetz benachteiligt Australiens Aborigines

Ein neues Bundesgesetz zwingt Alkoholabhängige zur Therapie. Menschenrechtler kritisieren die Maßnahme: Suchtkranke würden kriminalsiert, so der Vorwurf. Betroffen sind überwiegnd Australiens Ureinwohner.

PICTURED - Dec 19, 2007. Australia's 460,000 Aborigines make up about two percent of its 20m population. They are consistently the country's most disadvantaged group. At the roughly 18 communities surrounding the town of Alice Springs, many social problems exist among the 3,000 Aborigines living there, with high rates of alcohol abuse, child abuse, and domestic violence. In August, Alice Springs became a dry town, in an effort to stunt the abuse of alcohol, but little has changed in the wake of the ban. The government has also started quarantining the welfare funds of the Aboriginal population, so that the money can be spent only on food and necessities. Even after 40 years of landmark voting, when Aborigines were first recognized as full Australian citizens, countless 'Town Camps' and remote communities are still marked as blank on many maps. For now, what many call home is a littered patch of dirt on the outskirts of town, where feral dogs wander through thousands of empty beer cans. Hope for change seems as though it is a distant mirage. Newly elected Australian leader Kevin Rudd renewed a commitment to apologize to indigenous Aborigines for past indignities. Foto: Marianna Day Massey/zReportage +++(c) dpa - Report+++

Aborigines in Alice Springs in Australien

Alice Springs liegt mitten in der Wüste, im Süden des australischen Bundesstaates Northern Territory. 25.000 Einwohner leben in der größten Stadt im Herzen Australiens, wo die Sonne an 300 Tagen im Jahr schient. Doch Alice Springs hat auch eine Schattenseite: Hier wird mehr Alkohol konsumiert als irgendwo sonst in Australien, ungefähr doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt. 60 Prozent aller Straftaten stehen in Zusammenhang mit Alkohol. "Wäre der Bundesstaat Northern Territory ein unabhängiger Staat, würde er in Sachen Alkoholkonsum direkt hinter Moldawien rangieren – dem Land, in dem weltweit am meisten getrunken wird“, erklärt der Medizin-Anthropologe Richard Chenhall von der Universität Melbourne.

Um das Alkoholproblem von Alice Springs in den Griff zu bekommen, hat sich der Ministerpräsident des Staates Northern Territory, Adam Giles, besonders dafür eingesetzt, Entzugstherapien für Alkoholiker gesetzlich verpflichtend zu machen. Im Juli traten die entsprechenden Regelungen in Kraft. Danach droht jedem, der sich weigert in eine Rehaklinik zu gehen, eine Strafanzeige oder eine Haftstrafe. Die neue Gesetzgebung erlaubt es zudem, jeden, der in der Öffentlichkeit trinkt, festzunehmen.

epa03801633 A handout picture provided by the Northern Territory Government on 26 July 2013 shows Chief Minister of the Northern Territory Adam Giles holding a five-month-old saltwater crocodile named George at Crocosaurus Cove in Darwin, Australia, 25 July 2013. The Northern Territory government announced it will be an official gift for George Alexander Louis, the Prince of Cambridge. EPA/NT GOVERNMENT / HANDOUT AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY

Laut Adam Giles gab es letztes Jahr 2.500 Fälle von häuslicher Gewalt, die mit Alkoholkonsum in Zusammenhang stehen

Aborigines sind die Zielgruppe

Giles ist der erste Aborigine-Spitzenpolitiker auf Landes- und Bundesebene überhaupt in Asutralien. Er weiß, wie schädlich Alkohol für die indigene Bevölkerung sein kann. In den Straßen von Alice Springs sieht man häufig trinkende Aborigines. Zu Hause in ihren Siedlungen ist der Alkoholkonsum verboten. Knapp 5000 Ureinwohner leben in Alice Springs, die meisten in den insgesamt sechzehn Townships außerhalb der Stadt. Häufig gibt es dort kein fließendes Wasser in den Häusern. Arbeitslosigkeit, Gewalt, Kriminalität und Alkoholmissbrauch prägen den Alltag. Um diese Probleme zu bekämpfen wurde der Alkoholkonsum in den Townships verboten. Das jedoch habe die Probleme nicht gelöst, sagen Beobachter. Im Gegenteil: Die Alkoholiker trinken jetzt auf öffentlichen Plätzen und inden Parks im Stadtzentrum von Alice Springs und anderen Städten.

Laut Russel Goldfam, Präsident des Verbandes der Northern Territory Strafrechtler, wird die neue Gesetzgebung nur in größeren Städten umgesetzt. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass diese Gesetzgebung eine unverhältnismäßige Auswirkung auf die einheimische Bevölkerung des Northern Territory haben wird", sagt der Jurist in einem Interview mit der DW. "Mit diesem Gesetz verfolgt die Regierung in erster Linie das Ziel, die Menschen von der Straße zu kriegen. Das ist die eigentliche Absicht.“

epa03042684 Felicity Hayes washes at tap on Christmas morning at the Whitegate town camp in Alice Springs, Australia, 25 December 2011. The people of the Whitegate town camp are some of the most disadvantaged people in Australia both socially and economically. The town camp has no running water to the tin sheds and no electricity other than one small solar panel and an extension cord. The people in the camp are the senior traditional owners of Undoolya and Alice Springs. EPA/GRENVILLE TURNER AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT +++(c) dpa - Bildfunk+++

In manchen Aborigine-Siedlungen wie dem Whitegate Stadtlager gibt nicht einmal fließend Wasser in den Häusern

Abhängig oder kriminell?

Auch wenn das neue Gesetz dazu führen sollte, dass die Straßen von Alice Springs sicherer werden, löst es nicht die grundlegenden Probleme. Die neuen verpflichtenden Therapiegesetze sind schon in Kraft getreten, die ersten alkoholkranken Aborigines sind bereits zur Behandlung inhaftiert worden. Die Maßnahmen werden kontrovers in der australischen Gesellschaft diskutiert. Auch die ehemalige australische Premierministerin Julia Gillard hat sich zu Wort gemeldet. In einem Brief an Giles äußerte sie ihre Besorgnis über die Entwicklung.

Die australische Ärztekammer bezeichnet es als verwerflich, suchtkranke Menschen wie Kriminelle zu behandeln. Doch Ministerpräsident Adam Giles entgegnet, dass die Folgen gravierender wären, wenn man die alkoholkranken Aborigines nicht zwangstherapieren würde.

Menschenrechtler befürchten, dass verpflichtende Therapien die bereits hohen Zahlen inhaftierter Aborigines im Staat Northern Territory weiter erhöhen werden. Obwohl Aborigines nur 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind 80 Prozent der inhaftierten Erwachsenen und 95 Prozent der inhaftierten Jugendlichen indigener Abstammung.

"Unsere größte Sorge ist, dass hier versucht wird ein sehr ernstes Problem des Gesundheitswesens strafrechtlich zu lösen", sagt Ben Schokman, der für das Zentrum für Menschenrechtsgesetzgebung in Aborigines Gemeinden in Alice Springs arbeitet. "Diese Personen benötigen einen besseren Zugang zum Gesundheitswesen. Stattdessen werden sie inhaftiert."

Blick auf die Stadt Alice Springs im Outback vom Nordterritorium. (Undatierte Aufnahme)

In Alice Springs leben ca. 25.000 Menschen, 20 Prozent von ihnen sind Aborigines.

Unterschiedlicher Ansatz mit dem gleichen Ziel

Die Regierung des Northern Territory hofft, dass der Plan für die verbindliche Therapie Ergebnisse bringt. Während die Debatte über die Effektivität dieser Maßnahme weiter geht, gibt der Medizin-Anthropologe Richard Chenhall von der Universität Melbourne zu bedenken, dass sie nur ein Teil der Lösung sein kann.

Die Regierung des Northern Territory müsse einen ganzheitlicheren Ansatz wählen, um die Alkoholabhängigkeit der Einheimischen in den Griff zu kriegen: "Eine Behandlung der Kranken ist sehr wichtig. Aber man muss auch über die Preise und die Verfügbarkeit von Alkohol kritisch nachdenken", sagt er im Gespräch mit der DW. "Junge Menschen müssen über die Gefahren des Alkoholkonsums aufgeklärt werden.“ Das Problem des Alkoholismus unter den Aborigines von Alice Springs könne nur gelöst werden, wenn die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden.