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Amerika

Neues Selbstbewusstsein in der Favela

Mitleid, nein danke! Die Bewohner von Rios Armutsvierteln wehren sich gegen Klischees wie Elend und Gewalt. WM-Touristen, die auf den Hügeln der Stadt günstig übernachten, helfen, die Vorurteile zu überwinden.

Edinalva da Silva verkauft Kokoswasser (Foto: Astrid Prange)

Ganz in den Farben der Seleção: Edinalva da Silva an ihrem Verkaufsstand vor der Favela "Morro Azul"

"Diese Favela ist ein Segen!", ruft Edinalva da Silva aus. Die Straßenhändlerin wohnt seit 50 Jahren auf dem "Blauen Hügel" - "Morro Azul" - der sich über den Stadtteil Flamengo in Rio de Janeiro erhebt. Jeden Tag verkauft sie am Aufgang zur Favela gekühltes Kokosnusswasser.

Seit Kurzem ist ein weiteres Geschäftsfeld dazu gekommen: Sie vermietet Zimmer an WM-Besucher. "Die Einnahmen helfen mir sehr", sagt sie zufrieden. Sie ist zuversichtlich, dass die positiven Erfahrungen der auswärtigen Besucher helfen werden, das Bild von Favela-Bewohnern auch unter ihren eigenen Landsleuten aufzubessern.

Flucht vor teuren Mieten

Die Favela-Revolution ist bereits im vollen Gang. Unterkünfte in Rios Armutsvierteln sind sehr gefragt. Nicht nur bei WM-Besuchern, sondern auch bei Cariocas, wie sich die Einwohner Rios nennen. Der Grund für die wachsende Attraktivität sind die explodierenden Mieten und die Spekulation auf dem etablierten Immobilienmarkt.

Die Nachfrage konzentriert sich allerdings auf die strategisch günstig gelegenen Armutsviertel in der wohlhabenderen Südzone der Stadt. Die unzähligen Favelas in der Nordzone oder in den Außenbezirken profitieren bisher kaum von den explodierenden Mietpreisen zwischen Zuckerhut und Copacabana. Auch öffentliche Investitionen in die Infrastruktur fließen meistens an ihnen vorbei.

Auf dem verkehrsgünstig gelegenen "Morro Azul" schwanken die Mieten zwischen umgerechnet 250 Euro und 400 Euro für eine kleine Zwei- bis Dreizimmerwohnung. "Viele Leute wollen hier wohnen, die Nachfrage ist enorm", sagt Jussara Maria Silveira, die ebenfalls in der Favela wohnt. "Die Nebenkosten, die die Menschen anderswo für ein normales Apartment bezahlen, zahlen sie hier für die Miete", weiß sie.

Luftmatratzen bei großem Andrang

Laure Massat in der Favela Morro Azul (Foto: Astrid Prange)

Laure Massat fühlt sich in der Favela zu Hause

Jussara Silveira vermietet ein kleines Zimmer in ihrer Wohnung an WM-Touristen. Sie hat den Raum durch eine Wand von der Küche abgetrennt und in der Ecke ein Etagenbett aufgestellt. Die Küche nutzt sie mit ihren Gästen gemeinsam. Ein kleines WC mit Dusche funktioniert als Badezimmer. Wenn der Andrang groß ist, legt sie Luftmatratzen auf den Boden.

Hinter der Vermarktung des blauen Hügels steckt die französische Tourismus-Studentin Laure Massat. Mit der Facebook-Seite "Home sweet favela" macht sie Werbung für die Gästezimmer in der Favela. Sie informiert auf englisch und französisch über Preise, ermutigt die Bewohner, sich auf die Aufnahme von Touristen vorzubereiten und zu investieren und empfängt die Gäste.

"Ziel war es, die Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen", sagt die 27-Jährige, die in der Favela mittlerweile jeder kennt. Die Touristen erkundigten sich stets, ob die Unterkunft sicher sei. "Die Brasilianer, ja sogar die Favela-Bewohner sagen hingegen: 'Wenn ich Du wäre, würde ich so etwas nicht machen!'", erzählt sie.

Für Laure Massat sind die ausländischen Touristen zu einer Art Botschafter der Favela-Bewohner avanciert. "Sie nehmen sehr positive Eindrücke mit, die meisten wollen wiederkommen, sie werden ein positives Image verbreiten", ist sie sicher.

Diskreter Drogenhandel

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Traumhafter Ausblick, wackelige Wände

Der Run auf die Favelas hat das Selbstbewusstsein der Bewohner merklich angehoben, trotz aller Probleme, die weiterhin ihren Alltag prägen. Denn die meisten Viertel leiden immer noch unter Drogenhandel und Polizeigewalt. Auch in den rund 40 Favelas, die seit 2008 in Rio "befriedet" und von der Polizei besetzt wurden, laufen die Geschäfte weiter, wenn auch wesentlich diskreter.

"In der Favela lässt es sich gut leben. Nichts hindert eine Favela daran, ein ganz normaler Stadtteil zu werden", meint Rossino de Castro Diniz, Vorsitzender der Anwohnervereinigung aller Favelas im Bundesstaat Rio de Janeiro (Faferj): "Der Staat muss nur mehr in die Infrastruktur investieren."

Seit acht Jahren kämpft Rossino für bessere Lebensbedingungen in der Favela. Es wurmt ihn, dass die meisten Favela-Bewohner ihre selbst errichteten Häuser nicht ins Grundbuch eintragen können und sie daher nicht als rechtmäßige Besitzer gelten. Schließlich gebe es in der Favela wertvolle Häuser und Gebäude.

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