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Wissen & Umwelt

Neues Medikament: Hoffnung für Herzkranke?

Um bis zu 60 Prozent soll ein neues Mittel aus den USA den Cholesterinspiegel senken können. Noch ist das Medikament auf dem Prüfstand, bei vielen Patienten weckt es aber schon jetzt große Hoffnungen.

Der Prozess, der in den Zellen abläuft. Sanofi and Regeneron Pharmaceuticals (Foto: Sanofi and Regeneron Pharmaceuticals, Inc.).

Zurzeit laufen intensive Studien zum neuen Cholesterin-Medikament

Katherine Wilemon war gerade mal 39 Jahre alt, als sie einen Herzinfarkt hatte. Die ständigen Brustschmerzen hatten irgendwann bis in ihren Arm ausgestrahlt. Typische Anzeichen für einen Herzinfarkt also. Sie wählte sofort die Notrufnummer.

Von den Notärzten aber konnte zunächst niemand glauben, dass es sich bei der schlanken und fit wirkenden jungen Frau um einen Herzinfarkt handeln könnte. Aber so lautete letztendlich die Diagnose.

Weitere Tests zeigten, dass ihr LDL-Cholesterinwert bei etwa 600 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) lag. Normalerweise sollte dieser Wert nicht höher als 160 mg/dl sein. LDL-Cholesterin ist im Gegensatz zu HDL das schädliche Cholesterin. Im Blut kann es sich an den Wänden der Adern ablagern. Mit der Zeit werden sie enger und lassen immer weniger Blut durchfließen. Passiert das in den Adern, die das Herz mit Blut versorgen, kann der Betroffene irgendwann einen Herzinfarkt erleiden, so wie Katherine.

Überdurchschnittlich hohe LDL-Werte hatte sie schon seit ihrem 15. Lebensjahr gehabt. Warum das so war, blieb lange Zeit ein Rätsel. Erst einige Jahre nach ihrem Herzinfarkt stellte ein Arzt die richtige Diagnose: Katherine litt unter familiärer Hypercholesterinämie, kurz: FH. Dabei handelt es sich um eine Krankheit, die zu Stoffwechselstörungen führt und zu Folgeerkrankungen - wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. Und sie kann vererbt werden.

Katherine Wilemon FH Foundation

Katherine mit ihrer Familie. Ihrer Tochter hat sie FH vererbt.

"Das Erste, was mir der Arzt sagte war, dass ich sofort meine Kinder untersuchen lassen müsste", erzählt Katherine. Die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit zu vererben liegt bei 50 Prozent. Etwa einer von 250 Menschen leidet unter FH - auch Ella, Katherines 8-jährige Tochter.

Sie wird ein Leben lang gegen ihren hohen Cholesterinspiegel kämpfen müssen. "Diesen Sommer beginnt sie ihre medizinische Behandlung", erklärt Katherine.

Die kleine Ella wird bald sogenannte Statine nehmen. Sie sollen ihrer Leber dabei helfen, das schädliche LDL-Cholesterin abzubauen. Das war bisher die einzige Methode, FH-Patienten zu behandeln.

Neue Hoffnung

Nicht alle Menschen vertragen Statine. Viele Patienten leiden unter Nebenwirkungen, vor allem unter Muskelschmerzen. Und bei FH-Kranken reicht die Gabe von Statinen oft nicht aus. Deswegen machen Menschen wie Ella und Katherine zwei neue Mittel Hoffnung: "Alirocumab" von Sanofi and Regeneron sowie "Evolocumab" von Amgen. Beide blockieren das Enzym PCSK9, das vor etwa zehn Jahren entdeckt wurde. Durch die Blockade gibt es mehr Rezeptoren in den Leberzellen, die das LDL-Cholesterin abbauen können.

"Unsere Forschung - mit Tausenden von Patienten - hat gezeigt, dass PCSK9-Inhibitoren den Cholesterinspiegel um bis zu 60 Prozent senken können", meint Jay Edelberg, Entwicklungsleiter bei Sanofi. Für FH-Patienten, für Menschen, die empfindlich auf Statine reagieren oder auch für diejenigen, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben, sei es eine gute Alternative, um die Werte des schädlichen Cholesterins niedrig zu halten.

Es wird alle zwei bis vier Wochen gespritzt. "Bei mir hat bisher am besten die Kombination von Statinen mit den PCSK9-Inhibitoren funktioniert", erklärt Katherine. So hat sie es geschafft, ihren LDL-Wert zum ersten Mal auf ein normales Niveau zu bringen. FH-Patienten und schwer Herzkranke probieren seit einigen Jahren als Probanden die neuen Medikamente aus.

Großer Bedarf

Sanofi and Regeneron Pharmaceuticals PCSK9 (Foto: Sanofi and Regeneron Pharmaceuticals, Inc.

"alirocumab" und "evolocumab" warten noch auf ihre Zulassung

Noch sind die Wirkstoffe von der US-Food and Drug Administration (FDA) nicht zugelassen, denn noch liegen nicht genug Studien vor, um die Mittel für den Markt freizugeben. Die Studien werden schätzungsweise erst 2017 beendet sein. Sie sollen auch klären, ob und welche Nebenwirkungen das Hemmen von PCSK9-Enzymen mit sich bringen kann. Bisher verursachen sie angeblich keine Muskelschmerzen wie die Einnahme von Statinen.

Bei einigen Patienten seien jedoch "neurokognitive Störungen" beobachtet worden, erklärt Prediman K. Shah, ehemaliger Vorsitzender des American College of Cardiology. Man könne jedoch nicht unbedingt davon ausgehen, dass diese in direktem Zusammenhang mit den neuen Stoffen stehen. Die bisherigen Studien seien nicht darauf ausgelegt, die kognitiven Funktionen eines Patienten zu testen.

Unklar bleibt bisher auch, ob die Senkung des Cholesterinspiegels durch PCSK9-Inhibitoren tatsächlich zu weniger Schlaganfällen oder anderen kardiovaskulären Krankheiten führen wird. "Dafür fehlen uns noch die Daten", meint Shah. "Diese werden erst nach drei Ereignis-basierten Studien im Jahr 2017 zur Verfügung stehen", und erst dann würden die Medikamente von der FDA freigegeben.

Klar ist jedoch: Der Bedarf an solchen Medikamenten wächst. Allein in den USA haben nach Angaben des Center for Disease Control and Prevention fast ein Drittel aller Erwachsenen einen erhöhten Cholesterinspiegel. Das sind etwa 73 Millionen Menschen.

Ein langer Weg

Mitte Juni hat der Beratungsausschuss der FDA bereits dafür gestimmt, "alirocumab" und "evolocumab" schon bald auf den Markt zu bringen. Katherine Wilemon war bei den Verhandlungen der FDA in Washington dabei. Sie hat mittlerweile eine Stiftung gegründet, die Menschen mit FH über ihre Krankheit aufklärt und - gesponsert von den Pharmakonzernen - erste Behandlungen mit PSCK9-Inhibitoren ermöglicht.

Vor dem Beratungsausschuss berichteten einige der Patienten über ihre Erfahrungen mit dem neuen Medikament. "Die FDA braucht zwar noch mehr Daten, um die Stoffe auf den Markt zu bringen, aber sie hat erkannt, wie sehr sie FH-Patienten bereits geholfen haben", erzählt Katherine.

Wie viel die Medikamente kosten werden, ist noch unklar. "Wir schätzen sie werden zwischen fünf und zwölf tausend Dollar im Jahr kosten", erklärt Shah.

"Wenn man aber dadurch einem Herzinfarkt entkommen kann, lohnt es sich doch, oder?", meint Katherine. Aber wohl nicht jeder wird sich diese Behandlung leisten können.

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