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Wissen & Umwelt

Neues Medikament gegen multiresistenten Keim

Der multiresistente Erreger MRSA weiß sich gegen die gängigen Antibiotika zu wehren. Vorkurzem kam ein neues Medikament auf den deutschen Markt, das trotzdem hilft. Ist das Resistenz-Problem damit gelöst?

Die Substanz mit dem komplizierten Namen Ceftarolinfosamil kann etwas, das viele andere Antibiotika nicht können: Sie wirkt auch gegen MRSA, den multiresistenten Staphylococcus aureus. Der Keim richtet vor allem in Krankenhäusern viel Unheil an, kann dort regelrechte Epidemien auslösen und führt zu lebensbedrohlichen Infektionen.

Der Pharmakonzern AstraZeneca brachte vor kurzem das neue Mittel gegen das multiresistente Bakterium auf den deutschen Markt - ein relativ seltenes Ereignis: "Das letzte Mal kam 2006 ein wirksames Antibiotikum gegen MRSA auf den Markt", sagt Siegfried Throm, Geschäftsführer Innovation des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller vfa, im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Ein alltäglicher Keim kann viel Ärger machen

Den Erreger Staphylococcus aureus tragen viele Menschen tagtäglich mit sich herum, sagt Ernst Molitor, Oberarzt am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie des Universitätsklinikums Bonn im Interview mit der DW. "Die Bakterien sind normaler Bestandteil der Mikroflora in Nasen- und Rachenraum. Das ist kein Anlass zur Besorgnis." Aber der Keim kann auch krank machen: "Er kann Wundinfektionen auslösen, Lungenentzündungen oder eine Blutvergiftung." Das passiert häufig in Krankenhäusern, bei immungeschwächten Patienten.

Dr. med. Ernst Molitor, Oberarzt, Akademischer Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie am Universitätsklinikum Bonn. (Foto: Ernst Molitor)

Stetige Antibiotika-Forschung fordert Ernst Molitor

Nicht jeder Staphylococcus aureus ist multiresistent. Aber wenn ein multiresistenter Stamm zufällig an solchen Infektionen beteiligt ist, wird das zum großen Problem: Die bei solchen Erkrankungen üblicherweise eingesetzten Antibiotika helfen nicht. Wenn der Arzt erkennt, mit welchem Erreger er es zu tun hat, kann es schon zu spät sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt, dass jedes Jahr deutlich mehr als 5000 Patienten in Deutschland an den Konsequenzen einer MRSA-Infektion versterben. Wie Studien zeigen, werden etwa ein Drittel der Infektionen aus schlechter Hygiene oder Fehlerverhalten im Krankenhaus verursacht - die restlichen zwei Drittel lassen sich hingegen kaum vermeiden.

Wehrhaft gegen Penicilline

Oft setzen Ärzte bei Infektionen Penicilline und Cephalosporine ein. Diese Antibiotika verhindern, dass gewöhnliche Bakterien ihre Zellwand aufbauen können: Sie blockieren das Enzym, welches die einzelnen Zellwandbausteine miteinander verknüpft, die Transpeptidase. Ohne richtige Zellwand sind neu gebildete Bakterien nicht lebensfähig, sie zerplatzen buchstäblich.

MRSA aber besitzt eine andere Variante dieses Enzyms, das sich von den bisher verfügbaren Penicillinen und Cephalosporinen nicht beeindrucken lässt. Die Bakterien können auch in Anwesenheit dieser Antibiotika ihre Zellwand bauen und sich munter vermehren.

Das gelingt ihnen aber nicht in Anwesenheit des neuen Antibiotikums. Der Wirkstoff Ceftarolinfosamil ist auch ein Cephalosporin, schafft es aber trotzdem, die Abwehrmechanismen von MRSA zu umgehen und die Transpeptidase-Enzyme des MRSA zu blockieren.

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Multiresistente Keime lassen sich selbst durch scharfe Hygienemaßnahmen nicht völlig verhindern

Weniger Nebenwirkungen

Es gibt durchaus noch andere Antibiotika, die bereits erhältlich sind und gegen MRSA wirken, Vancomycin etwa. Auch diese Substanz verhindert, dass die Bakterien ihre Zellwand aufbauen können, greift aber an anderer Stelle an. "Es bindet an die wachsende Zellwand und verhindert dadurch, dass das Enzym Transpeptidase an den Ort seiner Arbeit kann", erläutert Molitor.

Allerdings führen die alternativen Antibiotika - beispielsweise Vancomycin, Daptomycin oder Linezolid - häufiger zu gefährlichen Nebenwirkungen, erklärt der Oberarzt. Und sie wirken nicht an allen Stellen im Körper. Daptomycin etwa eignet sich nicht bei Lungenentzündungen, Vancomycin erreicht Gelenkentzündungen oder das Innere von Abszessen nicht.

"Die neue Substanz ist daher durchaus ein Fortschritt", sagt Molitor. "Sie gehört zu einer Substanzklasse, von der bekannt ist, dass sie recht nebenwirkungsarm ist und dass sie viele Körperbereiche gut erreichen kann."

Wettlauf gegen Bakterien läuft weiter

Aber wer glaubt, das MRSA-Problem sei damit auf alle Zeiten gelöst, der irrt. "Ein absolut resistenzbrechendes Antibiotikum kann es nicht geben", erläutert Throm vom vfa. "Denn es werden nie 100 Prozent aller Keime abgetötet. Und die, die überleben, können dann auch Resistenzen gegen das neue Antibiotikum entwickeln."

Bakterien sind Überlebenskünstler: Sie vermehren sich sehr schnell und können sich daher in kurzer Zeit an widrige Umstände anpassen. Je häufiger sie einem für sie tödlichen Medikament begegnen, desto wahrscheinlicher werden sie früher oder später Abwehrmechanismen entwickeln und resistent werden.

"Es gibt bereits erste Berichte über MRSA-Stämme, die gegen Vancomycin resistent sind", sagt Molitor. "Das sind bisher Einzelfälle, aber es gibt leider keine Versicherung dafür, dass solche Stämme nicht an Häufigkeit zunehmen."                                               

Je mehr wirksame Antibiotika gegen MRSA die Ärzte zur Verfügung haben, desto seltener müssen sie zu einem bestimmten Mittel greifen. Damit sinkt auch der Druck auf die Bakterien, Abwehrmechanismen gegen diese eine Substanz zu entwickeln. "Der Zuwachs, den uns die neue Substanz bei der MRSA-Behandlung gibt, bewirkt eine zusätzliche Sicherheit, dass auch morgen und übermorgen Erkrankungen durch MRSA-Bakterien wirksam behandelt werden können", fasst Molitor zusammen. Aber eine Dauerlösung für alle Zeit ist ein neues Antibiotikum niemals.

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