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Deutschland

Neues Kapitel der Imam-Ausbildung

Angesichts von vier Millionen in Deutschland lebenden Muslimen wird die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten immer dringender. Dazu sollen Zentren für islamisch-theologische Forschung aufgebaut werden.

Ein Imam liest im Koran (Foto: DPA)

Etwa 2500 Moscheen sind in Deutschland für die religiöse Unterweisung von muslimischen Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Neben der religiösen Funktion sind sie auch gemeinschaftlicher Ort für soziale Aktivitäten. Als zentrale Instanzen nehmen die Imame der Moscheen Einfluss auf religiöse und politische Orientierungen ihrer Gemeinden. Doch wie sieht es mit der pädagogischen und theologischen Qualifikation der Imame in Deutschland aus? Mit dieser Frage beschäftigten sich unlängst die Teilnehmer der Fachkonferenz "Imame und Moscheegemeinden im Integrationsprozess" bei der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die Mehrheit der in Deutschland tätigen etwa 2000 haupt- und ehrenamtlichen Imame wurden nicht in Deutschland ausgebildet. Vielfach sind sie nur wenige Jahre in den Moscheegemeinden tätig, ohne dass sie die Landessprache sprechen oder die Lebenswelt der in Deutschland lebenden Muslime kennen. Das soll sich jetzt gravierend ändern.

Wissenschaftsrat für Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten

Bereits im Januar 2010 hatte sich der Wissenschaftsrat, dem Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen angehören, dafür ausgesprochen, die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten zu fördern und Hochschulzentren für islamisch-theologische Forschung einzurichten. Damit soll die Zusammenarbeit zwischen Staat und muslimischen Glaubensgemeinschaften auf eine verlässliche Grundlage gestellt werden.

Mehr als drei Viertel der Imame in Deutschland stammen aus der Türkei, andere kommen aus dem früheren Jugoslawien oder aus Nordafrika. Die Konrad-Adenauer-Stiftung bringt sich bereits seit fünf Jahren bei der Ausbildung von Imamen in der Türkei durch die Religionsbehörde Diyanet ein. Sie bereitet Imame landeskundlich auf das Leben und ihre Arbeit in Deutschland vor.

Staatssekretär Thomas Rachel (Foto: Bundestag)

Staatssekretär Thomas Rachel

Thomas Rachel, Staatssekretär im Bundesbildungs- und Forschungsministerium lobte diese Art der Imam-Fortbildung als einen wichtigen Zwischenschritt auf dem Weg zu einer Imam-Ausbildung in der Bundesrepublik Deutschland.

Imame als Vorbild und moralische Autorität

Wenn Imame nur kurzzeitig in Deutschland sind, weder die Landessprache noch die Lebenswelt der Muslime hier kennen, werde das der Bedeutung nicht gerecht, die die Imame für die Gläubigen und für die Moscheegemeinden haben, betont CDU-Politiker Rachel: "Ohne Zweifel sind sie allemal für viele Muslime in unserem Land Vorbild und auch moralische Autorität. Sie leisten den größten Teil der islamischen Bildungsarbeit und auch der Erziehungsarbeit außerhalb der Familien. Sie übersetzen praktisch religiöse Regeln für ein islamisches Leben in eine nicht-islamische Umwelt."

Imame könnten positiven Einfluss auf die Integration nehmen und als Brückenbauer wirken, sagt Bildungsstaatssekretär Rachel. Er erinnerte gleichzeitig daran, dass auf Tagungen und in manchen Medien jetzt öfters die Rede vom "Super-Imam" oder "Süper-Imam" sei, an den ganz neue Anforderungen gestellt werden: "Anforderungen, denen die muslimischen Gemeinden und die deutsche Gesamtgesellschaft gerecht werden müssen, indem unser 'Super-Imam' neben der zentralen Erfüllung seiner religiösen Aufgaben mit der Polizei Streife fährt, als Integrationslotse dient und außerdem noch Eheberatung und vielleicht auch Schuldnerberatung leistet."

Gebet in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin (Foto: DPA)

Regelmäßig in Deutschland: Imame geben am Tag der offenen Moschee Einblick in das Leben ihrer Religionsgemeinschaft

Aus Sicht der Bundesregierung, so Staatssekretär Rachel, sind die vorhandenen staatlichen Hochschulen der geeignete Ort für die fachlich-theoretische Imam-Ausbildung. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates beschränken sich nicht auf die Imam-Ausbildung, sondern zeigten vielmehr, dass der Islam als gleichberechtigter Fachbereich in die existierende universitäre Landschaft und Forschung, aber auch den schulischen Religionsunterricht eingebunden werden könne. Die Bundesregierung wäre da nicht der einzige Akteur, sondern hier seien vor allem die Bundesländer, aber auch die Hochschulen gefordert, sagt Rachel.

Bund unterstützt Länder beim Aufbau islamischer Studiengänge

Der Bund wird nach den Angaben von Bildungsstaatssekretär Rachel die Länder beim Aufbau islamischer Studiengänge an den Universitäten unterstützen - zum einen durch die Förderung von Gastprofessuren, aber auch durch Nachwuchsgruppen, in denen drei oder vier Nachwuchswissenschaftler unter fachlicher Leitung Forschung betreiben.

Dringend benötigt werden nach Auffassung von Rauf Ceylan, Religionspädagoge an der Universität Osnabrück, kompetente muslimische Pädagogen, "die auch einmal Stellung nehmen zum Thema Zwangsheirat oder Ehrenmord".

Ceylan hat unter anderem festgestellt, dass in den letzten Jahren die Alterstruktur der Imame sich dahingehend verändert habe, dass sie immer jünger würden. Hinzu komme, dass zunehmend Predigerinnen als religiöses Betreuungspersonal nach Deutschland geschickt werden.

Religionspädagoge Bülent Ucar (Foto: Elena Scholz)

Religionspädagoge Bülent Ucar

Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Bülent Ucar vom Zentrum für Interkulturelle Islamstudien der Universität Osnabrück ist dafür, mit der Ausbildung nicht noch Jahre zu warten, sondern bereits jetzt aktiv zu werden. So werde mit Unterstützung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und des niedersächsischen Integrationsministeriums im September/Oktober "ein Weiterbildungsprogramm für Imame, für Lehrkräfte und für das religionspädagogische seelsorgerische Personal in den Moscheegemeinden - für Männer wie Frauen gleichermaßen" aufgelegt.

Ucar erinnerte auch daran, dass die Adenauer-Stiftung zugesagt habe, fünf Promotionsstipendien an der Universität Osnabrück zur Verfügung zu stellen, um theologischen und religionspädagogischen Nachwuchs in Deutschland auch tatsächlich zu ermöglichen. Die Ausschreibung laufe momentan schon. Interessierte könnten sich am Zentrum für Islamische Studien in Osnabrück oder bei der Adenauer-Stiftung bewerben.

Interesse am Aufbau islamisch-theologischer Zentren unerwartet groß

Nach der Empfehlung des Wissenschaftsrats im Januar 2010, als von zwei oder drei Standorten ausgegangen wurde, hatten mehrere Bundesländer und Universitäten Interesse an der Gründung von Islam-Instituten geäußert. Niedersachsen sieht sich für eine Ausbildung muslimischer Geistlicher gut vorbereitet. Zum diesjährigen Wintersemester soll an der Universität Osnabrück ein Weiterbildungsangebot für Imame starten. Eine grundlegende Imam-Ausbildung mit einem Bachelor-Studiengang wird aufgebaut.

Auch die Universität Münster hat bereits Interesse am Aufbau eines islamischen theologischen Instituts bekundet. Münster bildet seit 2004 Lehrer für den bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterricht aus. Die dortige Universität hat eigenen Angaben zufolge auch die größten Fakultäten für katholische und evangelische Theologie in Deutschland.

Die Universitäten Tübingen und Heidelberg wollen sich ebenfalls bewerben. Tübingen ist in den Fächern Orientalistik, Islamwissenschaft, Theologie und interreligiöser Dialog gut aufgestellt. Denkbar für die Universität Heidelberg wäre neben der reinen Lehrerausbildung auch ein übergreifendes Angebot. Das könnte eine Verknüpfung der theologischen Forschung mit der Kultur- und Integrationsforschung sein.

Dem Wissenschaftsrat zufolge sollen diesen neuen Instituten beziehungsweise Zentren islamisch-theologische Beiräte als Kooperationspartner zugeordnet werden. Die Zusammensetzung der Beiräte ist jedoch nach wie vor umstritten.

Autorin: Sabine Ripperger
Redaktion: Kay-Alexander Scholz