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Wirtschaft

Neues Denken für verantwortliche Firmen

Sind Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte mit Profitstreben vereinbar? Oder müssen Unternehmen, wenn sie überleben wollen, vor allem billig produzieren? Das wurde beim Global Media Forum diskutiert.

Hersteller von Sportschuhen und Textilien haben nicht den besten Ruf. Der Vorwurf: Sie lassen ihre Ware billig in asiatischen Sweatshops produzieren, Fabriken also, in denen weder auf die Rechte der Arbeiter noch auf den Schutz der Umwelt geachtet wird. Dann verkaufen sie die Produkte mit viel Werberummel teuer in Europa, den USA und anderswo.

Nike, Adidas, Puma und andere Hersteller veröffentlichen regelmäßig Berichte, mit denen sie zeigen wollen, dass dieser Vorwurf nicht mehr zutrifft, zumindest nicht mehr ganz. Reiner Hengstmann ist bei Puma für den Aufbau einer globalen Lieferkette zuständig, die Umweltschutzstandards erfüllen soll.

Dr. Reiner Hengstmann, Direktor für Umwelt- und Sozialstandards der Textilfirma Puma (Foto: DW/M. Magunia)

Reiner Hengstmann: Konto der Natur

Er gibt zu, sein Unternehmen habe vor rund 20 Jahren noch keine Ahnung gehabt, unter welchen Bedingungen die weltweiten Zulieferer ihre Produkte fertigten. 2010, bei der ersten ökologischen Kosten-Nutzen-Analyse der gesamten Lieferkette, sah Puma klarer: "Wenn die Natur ein Bankkonto hätte, dann müssten wir ihr gewaltige Summen überweisen", so Hengstmann.

Eingriffe gegen Marktversagen

Mit anderen Worten: Für die Umweltschäden der Produktion fallen dem Unternehmen keine Kosten an. Und die sozialen Aspekte seien dabei noch nicht einmal berücksichtigt, gibt Hengstmann zu. Ökonomen nennen das "externe Effekte" - volkswirtschaftlich sind sie eine Form von Marktversagen, das staatliche Eingriffe nötig machen kann.

"Warum lassen viele europäische Firmen in Bangladesch produzieren?", fragt John Morrison, Direktor des Institute for Human Rights and Business in London. Er gibt die Antwort gleich selbst: "Weil es billig ist. Warum ist es billig? Vor allem, weil die wahren sozialen Kosten nicht berücksichtigt werden, und dann stürzen Fabriken ein und töten Menschen. Das ist nicht nachhaltig und auch ethisch nicht vertretbar." Nur klare gesetzliche Vorgaben könnten die Situation verbessern, glaubt Morrison. "Freiwillige Wohltaten von Unternehmen werden das Problem nicht lösen."

Ein simpler Test

Ibrahim A. Abouleish, Gründer und Vorsitzender der ägyptischen SEKEM-Gruppe auf dem Global Media Forum 2013 (Foto: DW/M. Magunia)

Ibrahim Abouleish: Dimensionen des Lebens

Viele Unternehmer lehnen klare gesetzliche Vorgaben jedoch ab. Ein Beispiel: Die zu den Vereinten Nationen gehörende Internationale Arbeitsorganisation ILO entwickelt seit 1919 Standards zum Schutz von Arbeitnehmern. International bindend seien die bis heute nicht, sagt Jakob von Uexküll, Stifter des Alternativen Nobelpreises und Gründer des Weltzukunftsrats.

"Wenn ein Unternehmen behauptet, sozial verantwortlich zu handeln, gibt es einen simplen Test", so von Uexküll. "Fragen Sie, ob diese Firma zustimmen würde, den Regeln der Internationalen Arbeitsorganisation dieselbe rechtliche Gültigkeit zu verleihen wie den Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Die Antwort verrät ihnen, wie ernst eine Firma soziale Verantwortung nimmt."

Ibrahim Abouleish würde diese Frage mit einem klaren "Ja" beantworten. 1977 hat der Ägypter die Unternehmensgruppe Sekem gegründet, um scheinbare Gegensätze zu überwinden. "Ich versuche, die vier Dimensionen des Lebens zusammenzuführen: Wirtschaft, Umwelt, Kultur und Menschenrechte - diese vier Faktoren müssen im Gleichgewicht sein."

Bildung für eine andere Zukunft

Jakob von Uexküll, Begründer des alternativen Nobelpreises (Foto: DW/M. Magunia)

Jakob von Uexküll: Latein und Finanz-Latein

Sekem macht Teile der ägyptischen Wüste wieder nutzbar und betreibt dort ökologische Landwirtschaft. Tausende Menschen leben von der Produktion von Nahrungsmitteln, Textilien und pflanzlichen Medikamenten. Für sein Engagement wurde Abouleish 2003 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Mit den Profiten finanziert Sekem Kindergärten, Schulen und inzwischen auch eine Universität. Sie soll ein Gegengewicht bilden zu traditionellen Bildungseinrichtungen. "Unsere Universitäten haben eine völlig veraltete Sichtweise", so Abouleish.

Auch Jakob von Uexküll ist der Meinung, dass vielen anerkannten Experten, darunter auch Wirtschaftsprofessoren, nicht zu trauen ist. "Wenn man im Mittelalter in Europa mit der Kirche über ihre Macht diskutieren wollte, musste man zuerst Latein lernen. Heute dominiert die Finanzwirtschaft unser Leben", so von Uexküll. Wenn man die Macht der Wirtschaft verstehen und diskutieren wolle, müsse man daher zunächst "Finanz-Latein" lernen. "Und dann merkt man: Vieles von dem, was uns immer erzählt wurde, ist nicht nur falsch, sondern ziemlich verrückt."

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