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Wissen & Umwelt

Neuer Umgang mit Atommüll?

50 Jahre nach Beginn der zivilen Nutzung der Atomkraft in Deutschland wird die Suche nach einem Endlager neu gestartet. Die Schlagworte lauten Transparenz, wissenschaftliche Kriterien und Sicherheit.

Noch vor der Bundestagswahl im September will die Bundesregierung zusammen mit der Opposition ein sogenanntes Endlagersuchgesetz verabschieden. Nach rund 35 Jahren Streit um die Eignung des Salzstocks in Gorleben in Norddeutschland als mögliches Endlager für hochradioaktiven Atommüll geht die Suche von neuem los. Der überparteiliche Kompromiss gilt als historisch.

Eine 24-köpfige Kommission soll bis 2015 die Grundlagen für eine wissenschaftsbasierte Standortsuche in Deutschland erarbeiten. Zur einen Hälfte werden ihr Parteienvertreter angehören und zur anderen Hälfte Wissenschaftler, Aktivisten der Anti-Atombewegung und andere Repräsentanten der Gesellschaft. Bis 2031 könnte ein Lager für hochradioaktiven Müll gefunden sein.

Endlager für eine Million Jahre

Einen geeigneten Ort für den Atommüll zu finden ist eine Herausforderung. Der Ort muss eine Million Jahre die Strahlen sicher einschließen. Nach Ansicht von Experten wäre die Einlagerung tief unter der Erde in Steinsalz, Ton oder Granit möglich.

Der Atom-Experte Michael Sailer vom Öko-Institut e.V. (Pressefoto vom Öko-Institut)

Michael Sailer, Vorsitzender der Deutschen Entsorgungskommission

Salz kann die Wärme des strahlenden Mülls gut ableiten und den Atommüll gut umschließen, allerdings gibt es hier die große Gefahr von Wassereinbrüchen. Ton ist dagegen nicht wasserlöslich, hat aber den Nachteil der geringeren Wärmeleitfähigkeit und Standfestigkeit. Granit hätte dagegen die Standfestigkeit, die Abfallbehälter müssten jedoch zusätzlich noch die Strahlung abschirmen.

Sinn des geplanten Suchverfahrens ist es, eine besonders geeignete Lagerstätte in Deutschland zu finden und deren Abdichtqualität hach dem heutigen Stand der Geologie über eine Million Jahre vorauszusagen. Mit sogenannten Szenarienanalysen sollen alle möglichen Veränderungen beim Grundwasser, bei Erdbewegungen und Erosionen berücksichtig werden. "All diese Szenarien müssen vorsehen, dass auch bei diesen Veränderungen keine Radioaktivität nach außen dringt", erklärt Michael Sailer, Vorsitzender der Deutschen Entsorgungskommission im DW-Interview.

Mangelhafte Entsorgung verursacht hohe Kosten

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel (v.l.), Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König besuchen das Atomendlager Asse (Foto: dapd)

SPD-Chef Gabriel, Bundesumweltminister Altmaier und Strahlenschutzpräsident Koenig im Atomlager Asse

Eine unsachgemäße Beseitigung von Atommüll ist vor allem langfristig eine große Gefahr für Mensch und Umwelt und verursacht hohe Kosten. Das Atommülllager Asse in Deutschland ist ein Beispiel dafür. Rund 126.000 Atommüllfässer wurden dort zwischen 1967 und 1978 eingelagert, bei 14.000 Fässern fehlt die genaue Dokumentation über die Inhalte. Darüber hinaus gilt die Auswahl des Salzbergwerks inzwischen als Fehlentscheidung: Durch das Eindringen von täglich 12.000 Liter Wasser droht die Verseuchung des Grundwassers. Die geplante Bergung der Fässer aus dem einsturzgefährdeten Stollen ist riskant, langwierig und eventuell sogar überhaupt nicht mehr möglich - wenn doch, beliefen sich die Kosten dafür nach Ansicht der SPD-Expertin Ute Vogt auf vier bis sechs Milliarden Euro.

Rostiges Fass mit radioaktivem Atommuell im Ärmelkanal (Bild: Gavin Newman/Greenpeace)

Rostiges Fass mit Atommüll im Ärmelkanal. Großbritannien versenkte über 28.000 Fässer

Auch die weltweit praktizierte Entsorgung von radioaktivem Müll im Meer gilt als gefährlich und wurde erst 1993 durch ein internationales Abkommen teilweise verboten: Nach Angaben der internationalen Atomenergiebehörde handelt es sich bei dem Material, das entsorgt werden darf und bislang wurde, nicht um hochradioaktiven Atommüll. Über 100.000 Tonnen davon liegen allein vor Europa auf dem Meeresgrund liegen, schätzt Greenpeace. Die Langzeitfolgen sind noch weitgehend unbekannt.

Zunehmende Verantwortung in Europa?

Weltweit gibt es bisher noch kein einziges Endlager für radioaktiven Müll. "Auch in den USA fängt die Endlagersuche gerade wieder von vorne an", so Sailer.  Am weitesten seien Finnland, wo der Bau eines Endlagers bereits genehmigt ist, sowie Schweden, Frankreich und die Schweiz, wo die Standortsuche gesetzlich geregelt ist und voranschreitet. "Diese Länder haben es vor langer Zeit verstanden, dass sie die Verantwortung wahrnehmen müssen. Sie haben ein sehr transparentes Verfahren mit Bürgerbeteiligung", sagt Sailer.

Die Schweiz hat zudem eine detaillierte Studie über die zukünftigen Entsorgungskosten von atomaren Abfällen angefertigt, die durch ihre fünf Atomkraftwerke voraussichtlich noch entstehen werden. Die Studie wurde 2011 von Swissnuclear, dem Branchenverband der AKW-Betreiber, im Auftrag des schweizerischen Bundesamtes für Energie und radioaktive Abfälle (BFE) erstellt. Demnach belaufen sich die zukünftigen Endlagerkosten auf rund zwölf Milliarden Schweizer Franken, umgerechnet etwa zehn Milliarden Euro.

Geschminkt demonstriert ein junges Mädchen zusammen mit mehreren tausend Menschen für das Abschalten aller Atomkraftwerke während einer Kundgebung in Hannover (Foto: Holger Hollemann)

Atomkraftgegner fordern einen schnellen Atomausstieg, um Risiken und Kosten zu reduzieren

Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) hat die Schweizer Studie ausgewertet und auf deren Grundlage eine Schätzung für zukünftige Endlagerkosten für den deutschen Atommüll aus den acht abgeschalteten und neun aktiven Atomkraftwerken erstellt. Nach vorsichtigen Berechnungen der Wissenschaftler müsste Deutschland zukünftig mit Endlagerkosten von rund 18 Milliarden Euro rechnen.

Das Atomforum, in dem die deutschen AKW-Betreiber zusammengeschlossen sind, will jedoch möglichst wenig zahlen und lehnt die Kostenübernahme für die neue Endlagersuche ab. Dafür gebe es nach ihrer "rechtlichen Auffassung keine Grundlage". Diese Suche ist nach Ansicht des Atomforums "vom Steuerzahler zu finanzieren". Umweltminister Peter Altmaier sieht dies jedoch anders. Er will die Atomkraftwerksbetreiber als Verursacher in die Pflicht nehmen.

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