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Asien

Neuer Taliban-Führer mit schwacher Position

Der neuernannte Taliban-Führer Haibatullah Achundsada ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Die eigentliche Macht liegt bei den Taliban vom Schlage der Haqqanis, die nur auf Gewalt setzen.

Die afghanischen Taliban haben Haibatullah Achundsada laut einer Erklärung vom Mittwoch zu ihrem neuen Anführer ernannt. Er ist der Nachfolger von Mullah Achtar Mansur, der am vergangenen Samstag durch einen US-Drohnenangriff in Pakistan getötet wurde. "Haibatullah Achundsada ist einstimmig von der Schura als neuer Führer des Islamischen Emirats bestimmt worden. Alle Mitglieder der Schura haben ihm Gefolgschaft geschworen", heißt es in der Erklärung.

Der neue Talibanchef Achundsada soll Anfang 50 sein. Wie andere Talibanführer zuvor stammt er aus der südafghanischen Provinz Kandahar. Er war Stellvertreter des getöteten Anführers Achtar Mansur, der vergangenen Sommer offiziell die Führungsrolle der Taliban übernommen hatte, nachdem der Tod des langjährigen Anführers Mullah Omar nach zweijähriger Geheimhaltung bekanntgegeben worden war. Rahimullah Yousafzai, ein pakistanischer Extremismus-Experte, beschreibt die Funktion, die Achundsada bisher für die Taliban gespielt hat, gegenüber der DW als "Religionsgelehrter und Militärrichter".

Taliban-Führer Mullah Mansur wurde am Samstag durch US-Drohnenangriff in Pakistan getötet. (Foto: Reuters)

Taliban-Führer Mullah Mansur wurde am Samstag durch US-Drohnenangriff in Pakistan getötet

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern Omar und Mansur ist Achundsada kein Kommandeur der Taliban. Über seinen Lebensweg vor dem Einmarsch der US-Truppen nach Afghanistan 2001 ist wenig bekannt. "Als die Taliban Ende der 90er Jahre in Afghanistan herrschten, war Achundsada noch zu jung für eine Führungsrolle", sagt Wahid Muzhdah, ein Ex-Mitglied der Taliban. Aber er sei von Anfang an Mitglied der Bewegung und stets nahe bei der Führung gewesen.

Noch mehr Gewalt?

In ihrer Erklärung vom Mittwoch teilten die Taliban ebenfalls mit, dass Siradschuddin Haqqani, der Anführer des Haqqani-Netzwerks mit Sitz in Pakistan, und Mullah Jakub, Sohn von Taliban-Gründer Mullah Omar, zu Stellvertretern von Achundsada ernannt wurden. Beide hatten dieselbe Funktion bereits unter Mansur inne und sollen über großen Einfluss unter den Taliban-Kämpfern verfügen.

Die Haqqani-Gruppe, die für spektakuläre Selbstmordanschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht wird, genießt die Unterstützung Pakistans. Washington betrachtet sie als Terrororganisation und hat Islamabad aufgefordert, sie militärisch zu bekämpfen. Bislang zeigt Pakistans Militär aber wenig Begeisterung, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Mullah Jakub seinerseits hat das Vertrauen einer Reihe von mächtigen Taliban-Kommandeuren, die die afghanischen Taliban mit seinem Vater gegründet hatten.

Experten glauben, dass es Achundsada schwerfallen werde, die Taliban als Ganzes unter seine Kontrolle zu bringen. Es sei denkbar, dass er der Haqqani-Gruppe die Entscheidungen über Militäroperation übertragen werde.

"Mansur hatte die Macht, um eigenständige Entscheidungen zu treffen, eine solche Position hat Achundsada nicht", erklärt Insider Wahid Muzhdah. Der neue Anführer müsse mit neuen Herausforderungen und der Entstehung weiterer Splittergruppen rechnen. Aber die Berufung des neuen Anführers hat nach Meinung des Ex-Taliban und Extremismus-Experten auch das Potenzial, die Taliban-Bewegung wieder zu vereinen, die seit der Machtübernahme durch Mullah Mansur im vergangenen Sommer in internen Machtkämpfen verstrickt ist.

Afghanische Tageszeitungen über den Tod von Mansur (Foto: DW)

Afghanische Tageszeitungen über den Tod von Mansur

"Achundsada hat vielleicht nicht die absolute Befehlsgewalt über alle Taliban-Kommandeure. Aber die Tatsache, dass er dem Noorzai-Stamm angehört (einer der bedeutendsten Stämme der Paschtunen, zu dem auch der Gründer der Taliban Mullah Omar gehörte - Anm. d. Red.), könnte einige der abtrünnigen Kommandeure zur Rückkehr zu den Taliban bewegen", sagt Muzhdah.

Der pakistanische Experte Yousafzai ist anderer Meinung. Die Taliban hätten nach dem Tod von Mansur schnell einen Nachfolger benennen müssen. Nicht alle Kommandeure habe man konsultieren können. "Der Machtkampf wird sich fortsetzen", so die Voraussage Yousafzais.

Friedensgespräche in Gefahr

Ebenfalls am Mittwoch, als der neue Anführung Achundsada bekanntgegeben wurde, kamen bei einem Selbstmordanschlag in Kabul auf einen Bus mit Justizmitarbeitern zehn Menschen ums Leben. Vier weitere wurden verletzt. Beobachter sehen darin eine Botschaft der Taliban an die Regierung in Kabul, dass der Kampf auch ohne Mullah Mansur weitergeht.

"Der neue Talibanchef wird weitere Anschläge in Afghanistan verüben lassen, um zu demonstrieren, dass die Terrorgruppe trotz der Tötung des bisherigen Anführers nicht geschwächt ist", sagt Ahmad Saidi, früherer afghanischer Diplomat gegenüber der DW. Während die Haltung des neuen Anführers zu Friedensgesprächen noch undeutlich ist, fürchten Beobachter, dass die Gewalt in Afghanistan weiter zunehmen könnte, sollte die Haqqani-Gruppe ihren Einfluss auf die Taliban verstärken. "Mullah Mansur hätte die Taliban-Kommandeure dazu bringen können, sich an Friedensgesprächen zu beteiligen, ein anderer Anführer wird das nicht schaffen", ist Wahid Muzhdah überzeugt. Hinzu kommt, dass beide Stellvertreter von Achundsada auf Gewalt setzen, was ein baldiges Zustandekommen von Friedensgesprächen zusätzlich unwahrscheinlich macht.

Mitarbeit: Sayed Raiz und Abdul Bari Hakim

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