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Wirtschaft

Neuer Schub fürs autonome Fahren

Autos digitalisieren und vernetzen ist auf Dauer billiger als immer neue Straßen bauen und instandhalten. Deshalb soll Deutschland Vorreiter fürs autonome Fahren werden. Ein neues Bündnis bringt Bewegung in die Branche.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt ist ein glühender Anhänger der Vision vom automatisierten Fahren. Wenn es nach ihm ginge, stellte sich nicht die Frage, ob auf deutschen Straßen bald Autos automatisch fahren. Sondern ob sie das in fünf oder erst in zehn Jahren tun. Mitte April hat er im Kabinett einen Gesetzentwurf durchgebracht, wonach Computer selbständig zusätzliche Fahraufgaben im Auto übernehmen können, vorausgesetzt, dass der Fahrer sie übersteuern oder abschalten kann.

Damit zieht Deutschland mit den USA gleich. Dort hatte die Verkehrsbehörde NHTSA festgestellt, dass Computer grundsätzlich als Fahrer anerkannt werden können. Doch Dobrindt will mehr: Deutschland soll zum weltweiten Vorreiter beim autonomen Fahren werden, sagte er kürzlich bei einem Unternehmertreffen in München: "Mein Ziel ist, dass Deutschland Leitanbieter für automatisierte und vernetzte Fahrzeuge und zum Leitmarkt wird. Wir werden schneller als alle Prognosen sein."

Neues Bündnis

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Gerade hat der italienische Autobauer Fiat Chrysler (FCA) mit dem US-Technologieriesen Google ein Abkommen geschlossen, das die Branche aufmischen wird: Fiat Chrysler baut hundert Autos speziell für die Tests selbstfahrender Autos, wie beide Unternehmen am Dienstag mitteilen. Dafür wird es eine spezielle Version des Minivans Chrysler Pacifica Hybrid geben, in den die Technologie des US-Internetgiganten - also vor allem Computer und Sensoren - eingebaut werden kann. Die ersten Modelle sollen Ende dieses Jahres auf den Straßen unterwegs sein.

Google hatte bei der Erforschung der selbstfahrenden Autos zunächst auf speziell umgerüstete Autos der japanischen Hersteller Toyota und Honda zurückgegriffen und später einen eigenen Prototypen entwickelt. Derzeit umfasst die Google-Flotte 70 Testautos - mit den neuen Minivans von Fiat Chrysler würde sie sich also mehr als verdoppeln.

Bewegung in der Branche

Diese Kooperation könnte weitere Bündnisse in der Branche anstoßen. Nicht nur Google und Apple, sondern auch chinesische Konzerne wie Leeco, Baidu oder Alibaba forschen intensiv zum Thema automatisiertes Fahren. Autobauer wie Daimler, General Motors (GM) und Ford hatten sich bislang zurückhaltend dazu geäußert. Sie fürchten, zu einem Hardware-Zulieferer degradiert zu werden, während Technologiekonzerne wie Google und Apple die Gewinne bei selbstfahrenden Autos sowie bei der Digitalisierung und Vernetzung von Fahrzeugen abschöpfen. General Motors (GM) zum Beispiel treibt deswegen die eigene Entwicklung voran und hat gerade die auf autonome Wagen spezialisierte Start-Up-Firma Cruise Automation aus Kalifornien übernommen.

Seit Anfang 2013 ist der deutsche Automobilzulieferer Bosch mit Erprobungsfahrzeugen auf der A81 in Deutschland und der Interstate I280 in den USA unterwegs. "Mehr als 10.000 Testkilometer haben unsere Entwickler inzwischen unfallfrei absolviert", sagt Dirk Hoheisel, Mitglied der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH. Die Bosch-Testautos bewegen sich dabei selbständig durch den Verkehr - beschleunigen, bremsen, überholen. Wann sie den Blinker setzen und die Spur wechseln, entscheiden die Fahrzeuge - abhängig von der Verkehrssituation - ganz allein. Basis dafür ist ein präzises, von Sensoren erzeugtes Bild des Fahrzeugumfelds.

Neuer Mobilfunkstandard nötig

Indes: Bis aus den Visionen des Bundesverkehrsministers Realität wird, haben erst einmal die Telekom-Techniker das Wort. Denn wenn Autos untereinander und mit der Umwelt kommunizieren sollen, braucht es aus technischer Sicht ein flächendeckendes Mobilfunknetz, das die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Straße in Millisekunden ermöglicht. Um die riesigen Datenmengen in Echtzeit zu verarbeiten, soll es 2018 überall schnelles Breitband geben und möglichst rasch der 5-G-Mobilfunkstandard eingeführt werden. Zum Vergleich: Smartphones der heutigen Generation unterhalten sich im 3-G-Netz - nötig sind also noch zwei weitere Entwicklungsstufen.

Und selbst wenn die realisiert sind, glauben nicht alle Experten, dass autonomes Fahren in zehn, 20 oder 30 Jahren selbstverständlich sein wird. "Wir werden über einen erheblichen Zeitraum, wenn nicht für immer, einen Mischbetrieb haben", glaubt zum Beispiel Ralf Guido Herrtwich, Leiter der Fahrassistenz- und Fahrwerksystemforschung bei Daimler. "Schließlich ist es völlig legitim, dass es Leute geben wird, die nicht mit einem autonomen Auto unterwegs sein wollen. Es gibt keine Indizien, dass nur vollständige Automatisierung einen vernünftigen, sicheren und effizienten Verkehr garantiert."