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Fokus Osteuropa

Neuer Rückschlag für russische Weltraumfahrt

"Progress" heißt auf Russisch "Fortschritt". Doch nach dem Absturz des russischen Raumschiffs vom Typ Progress M-12M klingt der Name wie Spott: Im Weltraum erzielt Russland derzeit keinen Fortschritt.

Sojus Rakete startet zur Raumstation ISS (Foto: ap)

Sojus Rakete startet zur Raumstation ISS

Das russische Raumfahrtprogramm hat innerhalb der vergangenen neun Monate mehrere bittere Rückschläge erlitten. Erst vorige Woche verschwand der russische Telekommunikationssatellit Express-AM4 vom Radar. Kurze Zeit später wurde er von den USA – ausgerechnet vom traditionellen Rivalen im Weltraum - auf einer falschen Umlaufbahn gefunden. Im Dezember 2010 stürzten drei Navigationssatelliten in den Pazifik. Drei Monate später fand der militärische Überwachungssatellit Geo-Ik-2 nicht auf die richtige Umlaufbahn. Und nun am Mittwoch (24.08.2011) der Absturz des unbemannten Raumtransporters Progress über dem Altai-Gebirge im Osten Russlands! Der Transporter war mit Nachschub unterwegs zur Internationalen Raumstation ISS.

Milliardenverluste im schwarzen Loch

Nach Berechnungen der russischen Tageszeitung Kommersant hat Russland durch die jüngsten Misserfolge innerhalb kurzer Zeit mindestens 16 Milliarden Rubel - ungefähr 380 Millionen Euro - "unterwegs im Weltraum" verloren. In Bezug auf die Panne von vergangener Woche spotteten russische Blogger: Jemand habe wohl ein böses Auge auf das Projekt geworfen.

Eine Rakete auf dem Weg zum Weltraumbahnhof Bajkonur (Foto: ap)

Eine Rakete auf dem Weg zum Weltraumbahnhof Bajkonur

Der Deutschen Welle sagte der Geschäftsführer der russischen Raumfahrtakademie in Moskau, Boris Ljaschchuk, er könne keine rationale Erklärung für diese Reihe von Misserfolgen finden, das sei wohl einfach eine Pechsträhne. "Ich habe so etwas Ähnliches bereits in der Perestrojka-Zeit und in den 90er Jahren erlebt. Die aktuelle Panne ist höchstwahrscheinlich auf einen zufälligen Ausfall zurückzuführen", meint Ljaschchuk.

Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos erklärt den Unfall in einer Stellungnahme mit Problemen bei der Zündung der dritten Raketenstufe. Mehr Informationen gab es nicht. Alle Versuche, ein zusätzliches Statement von Roskosmos-Vertretern oder den kooperierenden Organisationen zu bekommen, sind derzeit nicht erfolgreich. Offensichtlich haben die kosmischen GAUs die russische Weltraumbehörde in einen sprachlosen Schockzustand versetzt.

Konsequenzen für ISS

Neue Raketenstarts wurden aus Sicherheitsgründen zunächst einmal abgesagt. Noch vor kurzem freuten sich die Russen, dass sie wieder die Nummer Eins im Weltraum sind. Der Weltraumrivale USA hatte vor wenigen Wochen seine Space-Shuttle-Flüge eingestellt. Doch nach der aktuellen Havarie muss sich Russland auf kritische Fragen einstellen.

Die Raumstation ISS

Die Raumstation ISS

Auf dem Newsportal Spiegel Online fordert der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR, Johann-Dietrich Wörner, eine internationale Untersuchung des Vorfalls. "Das kann man nicht allein den Russen überlassen", zeigt sich Wörner misstrauisch gegenüber den russischen Behörden.

Eigentlich war der Start der nächsten bemannten Sojus-Kapsel zur Internationalen Raumstation ISS für den 22. September geplant - mit zwei Russen und einem Amerikaner an Bord. Nun wird dieser Flug wohl verschoben werden, bis der Fehler gefunden und beseitigt ist. Die drei Astronauten, die im September auf die Erde zurückkehren sollten, werden ihren Aufenthalt auf der Raumstation somit verlängern müssen.

Verlorene Jahre und wieder erwachtes Interesse

Boris Ljaschchuk glaubt trotzdem nicht an einen dauerhaften Rückschlag für die russische Weltraumfahrt. Schließlich gebe es merkliche Investitionen und wachsendes Interesse an der Weltraumforschung seitens des Staates. Allerdings machten sich die vergangenen 20 Jahre bemerkbar, in denen die Raumfahrtprojekte praktisch ignoriert worden seien, so der Experte. In dieser Zeit habe man die Produktionsstätten vernachlässigt und nicht genug in die Ausbildung investiert, moniert Ljaschchuk: "Früher gehörten die Raumfahrt-Studiengänge zu den beliebtesten. Mittlerweile wollen alle lieber Manager, Juristen und Direktoren werden."

Nicht auszuschließen ist, dass der "Progress"-Absturz für Bevölkerung und Natur in der Altai-Region, in der die Trümmer des Raumtransporters eingeschlagen sind, negative Folgen hat. Das meint der Vertreter der Fraktion "Grünes Russland", Alexej Jablokov. Der Treibstoff, der an der Absturzstelle ausgetreten sei, habe krebserregende Wirkung und könne der Umwelt ernsthaft schaden. Der Umweltaktivist gibt zu Bedenken: "Es ist schwierig, den flüssigen Treibstoff einzusammeln, denn er saugt sich schnell in die Erde ein und wird vom Grundwasser weiter getragen."

Autoren: Olga Sosnytska/ Egor Winogradow

Redakteur: Bernd Johann