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Nahost

Neuer Papst für koptische Christen

Gewalt, Diskriminierung, Islamisierung: Ägyptens koptische Christen stehen unter Druck. Auf ihr frisch gewähltes neues Oberhaupt Papst Tawadros warten schwere Aufgaben.

Der neue Koptenpapst Tawadros (Foto: AFP)

Kopten Papstwahl Bischof Tawadros

Immer wieder stimmen sie die uralten koptischen Bittgesänge an: der päpstliche Chor und mehrere tausend Gläubige in und vor der Kairoer Markus-Kathedrale. Über dreieinhalb Stunden dauert die feierliche Messe, bis schließlich eine Kinderschar vor den Altar tritt, aus der ein Junge ausgesucht wird.

Bischof Pachomios, seit dem Tod von Papst Schenouda III. im März der kommissarische Leiter der koptischen Kirche, verbindet dem Jungen mit einem schwarzen Tuch die Augen. Ein letztes Mal fordert der Geistliche die Gemeinde auf, Gott in Gebeten um Beistand zu bitten. Dann lässt er den Sechsjährigen "blind" aus einer gläsernen Wahlurne eine der drei Plastikkugeln ziehen, in denen die Namenszettel der Kandidaten stecken. Sekunden später hat die koptische-orthodoxe Kirche, die größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten,  ein neues Oberhaupt: Es ist Tawadros II.,  der 118. Papst von Alexandria und Patriarch des heiligen Stuhles von St. Markus.

Vorauswahl war  "Männersache"

Über 2400 Wahlleute hatten bereits eine Woche zuvor die Kandidaten der Endrunde ausgewählt. Unter ihnen waren Priester, Mönche, aber auch zahlreiche Laienvertreter der koptischen Kirche. Nur 5 Prozent der Wahlleute waren Frauen. "Wir sollten daran arbeiten, dass sich solche Regeln ändern", meint die koptische Journalistin Salwa Stephen. "Der Papst ist für alle da. Und die Jungfrau Maria hat auch mit den Jüngern Jesu gebetet. Es gibt also keinen Grund zu sagen, dass Frauen zu Hause bleiben sollten, wenn so eine wichtige Entscheidung ansteht."

Trauernde Koptinnen (Foto: DW/Amira Rahman)

Sie hatten bei der Auswahl des neuen Papstes nur wenig zu sagen: Junge Koptinnen

Doch auch die zahlreichen weiblichen Zuschauer begrüßen die Wahl des neuen Papstes: "Bischof Tawadros ist ein weiser  Mann", sagt eine der Kirchenbesucherinnen. "Er war ein Schüler von Papst Schenouda III., seinem verstorbenen Vorgänger." Auch dem Interims-Papst Pachomios stand er bereits als Mitarbeiter zur Seite.

Das ungewöhnliche Wahlverfahren, die sogenannte "Altar-Lotterie", nehmen die Gläubigen als "Gottesurteil" an. "Das Kind stand symbolisch wie ein junger Engel da", so eine Koptin. "Alle drei Kandidaten waren gut, aber wir wissen, dass Gott die richtige Wahl getroffen hat."

Hoffnungsträger Tawadros

Kopten demonstrieren in Kairo gegen ihre Unterdrückung (Foto: DW/B. Marx)

Kopten demonstrieren in Kairo gegen ihre Unterdrückung.

Tawadros selbst erreichte die Nachricht von seiner Wahl in einem Kloster. Bevor sich der studierte Apotheker für ein Leben als Mönch entschied, leitete er eine Arzneimittel-Fabrik. Zuletzt war Tawadros Bischof von Baheira im Nildelta. Am 18. November wird er in Kairo sein Amt antreten.

Die Erwartungen an den neuen Kirchenvater sind hoch. Seit dem Sturz Mubaraks haben die Gewaltübergriffe gegen die christliche Minderheit in Ägypten deutlich zugenommen. Seitdem die Muslimbrüder  das Land führen, fühlen sich die Kopten noch mehr unterdrückt als schon zuvor. Und mit der neuen Verfassung könnte alles noch schlimmer werden, befürchtet Gamal el Mendali. Er steht in einer Männerrunde vor der Kathedrale: "Wenn wir sagen, das ist hier ein islamischer Staat, wohin sollen dann die Millionen Kopten? Es geht nicht, dass wir nach der islamischen Scharia regiert werden sollen. Unsere Verfassung soll zu jedem Glauben passen."

Dass Konflikte zwischen Muslimen und Kopten in Ägypten durchaus zum Alltag gehören, beschreibt der Handwerker Fadi Hanna mit einem Beispiel aus seinem Arbeitsleben. Als er einmal zu spät gekommen sei, habe ihn sein muslimischer Chef darauf aufmerksam gemacht, dass er es sei, der Fadi Hanna sein "tägliches Brot" gebe. Der Kopte entgegnete, es sei Gott der ihm sein "tägliches Brot" gebe. Dann habe sein Chef wissen wollen, wer dieser Gott sei. Auf die Antwort "Jesus ist mein Gott" habe der Mann ihn entlassen und ihm gedroht: "Hau ab oder ich schneide dir die Kehle durch".

Viele Kopten haben Ägypten bereits verlassen. Für Hanna kommt das nicht in Frage. Er werde in seiner Heimat bleiben, auch wenn Blut fließe. Doch genau das, so hoffen die Kopten,  soll in Zukunft nicht mehr passieren. Symbolisch ließen die Geistlichen nach der Papstwahl in Kairo weiße Friedenstauben hochsteigen. "Wir leben in einer Zeit, in der wir viele Probleme haben", meinte die junge Koptin Ingy Kamel. "Papst Tawadros wird uns ermutigen und uns Kraft geben."

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