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Wirtschaft

Neuer Kopf für New Yorks Börse

John Thain übernimmt den Chefsessel im Säulentempel der skandalgeplagten New Yorker Börse. Dort erwarten ihn eine Menge ungelöster Probleme. Ob er die erhofften Reformen schafft, ist fraglich.

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Der 48-Jährige will eine Effizienz-Offensive starten

Skandale erschütterten im Jahr 2003 die New Yorker Börse an der Wall Street. Unter anderem machte der damalige Börsenvorsitzende Richard Grasso Schlagzeilen. Der Grund: Er hatte sich ein Gehalt in einer Gesamthöhe von mehr als 180 Millionen Dollar zugebilligt. Besonders nach den Bilanzskandalen um Enron, Worldcom und Tyco erregen sich die Gemüter in den USA schnell über solche Großzügigkeit in den obersten Etagen.

New York Stock Exchange

New Yorker Börse

Investoren, Regulierungsbehörden und Politiker hatten insbesondere das Verfahren kritisiert, mit dem die Bezüge des Börsenchefs festgelegt wurden. Am Ende ging Grasso und John Reed wurde Interimspräsident. Jetzt folgt der nächste: John Thain (Foto) übernimmt ab 15. Januar 2004 als neuer Börsenchef einen Teil der Aufgaben des Interimspräsidenten. Er gilt als analytisch, detailversessen und integer. Von dem Mann mit den zwei Uni-Diplomen erhoffen sich viele die notwendigen Reformen an der Börse.

Erste Reformen

Einige Änderungen gab es bereits. So wurde der Aufsichtsrat von 27 auf 8 Personen verkleinert. Auch die Struktur der Unternehmensführung wurde verändert. Um in Zukunft zu vermeiden, dass eine Person so viel Macht wie Grasso auf sich vereinen kann, wurde dessen Amt aufgeteilt. Nun gibt es einen Unternehmenschef (Chief Executive Officer - CEO) und einen Vorsitzenden des Direktoriums. Als CEO ist Thain künftig für das operative Geschäft zuständig. Chairman bleibt vorerst der Interimspräsident Reed. Seine Aufgaben umfassen die allgemeine Aufsicht und die Selbstregulierungsaufgaben der Börse.

Wall Street New Yorker Börse Parketthandel

Wall Street New Yorker Börse Parketthandel

Institutionelle Anleger konnten von diesen Reformen nicht völlig überzeugt werden. Die Aufsichts- und Geschäftsfunktionen seien noch immer nicht voneinander getrennt, sagte Sean Harrigan, Präsident des kalifornischen Pensionsfonds für Beamte (Calpers). Die Trennung der Spitzenpositionen bezeichnete er jedoch als einen "positiven Schritt". Auch der Wirtschaftsprofessor Joel Selgiman kritisiert: "Erstens: Warum sind Aufsichts- und Geschäftsfunktion immer noch nicht getrennt? - Die Börse reguliert und macht Geschäfte mit den Unternehmen, die an ihr gelistet sind. Zweitens: Warum lässt der neue Vorstand immer noch keinen Platz für die öffentlichen Investoren?"

Reformbedarf

Weiterer Reformbedarf besteht zudem auf dem Börsenparkett. Das Handelssystem der New Yorker Börse gilt als hoffnungslos veraltet. Viele Geschäfte werden immer noch nicht elektronisch, sondern über Händler aus Fleisch und Blut, so genannte Specialists getätigt. Das bedeutet:

New York Stock Exchange wartet auf Zinssenkung

Handel mit den specialists auf dem Parkett der New Yorker Börse

Möchte jemand Aktien kaufen oder verkaufen, gibt er einem Brokerhaus einen entsprechenden Auftrag. Das Brokerhaus gibt den Auftrag weiter an den "Floor Broker" auf dem Parkett. Der wiederum hastet zu einem der 443 Specialists und teilt seinen Auftrag mit Rufen oder Gestikulieren dem Spezialisten mit. Die Specialists wickeln im Auftrag von sieben Firmen die Transaktionen ab.

Verlockung zum Missbrauch

Das Ganze ist ein relativ langsames System und öffnet die Türen für Missbrauch. So ermittelt die Börsenaufsicht bereits gegen mehrere Specialists-Firmen wegen unlauterer Handelspraktiken. Eine Umstellung auf Handel per Computer würde dagegen für mehr Transparenz, Schnelligkeit und geringere Gebühren sorgen.

Thain gab bei seiner Vorstellung im Dezember 2003 bekannt: Zu seinen Aufgaben gehöre es sicherzustellen, dass die New Yorker Börse einer der effizientesten Handelsplätze der Welt bliebe. Das könne einen gewissen Grad an elektronischem Handel beinhalten, doch das bliebe abzuwarten. Ob Thain tatsächlich den Handel reformiert? Immerhin ist eine der Spezialists-Firmen eine Tochterfirma seines ehemaligen Arbeitgebers, der Investmentbank Goldman Sachs, für den Thain fast 25 Jahre gearbeitet hat. Außerdem hält Thain Goldman-Sachs-Aktien im Wert von mehreren Millionen Dollar.

Zumindest scheint Thain genug Vermögen zu haben. Was seinen Wechsel zur New Yorker Börse erklärt, denn dort verdient er nur noch einen Bruchteil seines vorigen Gehalts als Präsident des Brokerhauses Goldman Sachs. Somit muss man bei ihm wohl nicht befürchten, dass er sein Gehalt ungebührlich aufstockt.

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