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Digitales Leben

Neuer Internetstandard IPv6 braucht Zeit

Im Internet findet eine Technik-Revolution statt - und kaum einer merkt etwas davon. Nach dem Start des neuen Standards IPv6 für Web-Adressen hat sich für die meisten Internetnutzer nichts verändert.

Netzwerkkabel in einem Verteiler (Foto: dpa)

Netzwerkkabel

An den Erfolg ihrer Erfindung haben die Konstrukteure des Internets offenbar nicht wirklich geglaubt. Jedenfalls nicht in der Dimension, wie wir es heute erleben. Als das Fundament für das Internet gelegt wurde, hat man beschlossen: Die Computer im Netz sollen sich untereinander mithilfe von vier Ziffernpaaren ansprechen, der so genannte IPv4-Standard war geboren. Maximal 4,3 Milliarden Computer können sich so gleichzeitig im Internet tummeln. Klingt viel, ist es aber nicht - denn der Adressvorrat ist heute praktisch aufgebraucht.

IPv6 - schon 14 Jahre alt

Johannes Endres, Redakteur der Computerzeitschrift c't (Foto: Heise Zeitschriften Verlag)

Johannes Endres von der Computerzeitschrift c't: "IPv6 gibt es schon lange"

Erkennbar war das schon lange, sagt Johannes Endres, Redakteur der Computerzeitschrift c't: "Das hat man schon in den frühen 90er Jahren gemerkt und dann eine neue Technik entwickelt, bei der längere Nummern benutzt werden." Der Name für diese Technik: IPv6. Hier gibt es nun die unglaubliche Zahl von 340 Sextillionen verschiedenen Adressen. Eine Menge, mit der man jedem Sandkorn auf der Welt eine eigene Internet-Adresse verpassen könnte. Seit 1998 ist IPv6 praktisch fertig entwickelt - doch dann passierte lange Zeit erst mal nichts. "Im Prinzip hat sich die ganze Industrie wieder gemütlich schlafen gelegt, in dem Bewusstsein: Wenn es Probleme gibt, dann haben wir ja eine Lösung", so Endres.

Internetnutzer sollen möglichst nichts merken

Die Probleme sind jetzt da: Praktisch alle Adressen nach dem alten IPv4-System sind vergeben; es gibt kaum noch Ausbau- oder Ausweichmöglichkeiten; die neue Technik muss dringend Einzug halten. Davor scheuen viele Unternehmen noch zurück. Johannes Endres: "Der technische Aufwand ist schon nennenswert; man muss IPv6 parallel zu IPv4 einführen. Und da sie nicht direkt miteinander kommunizieren können, ist es praktisch ein paralleles Internet zu dem, was wir schon haben."

Große Provider in Deutschland wie die Telekom oder Kabel Deutschland haben bisher nur Tests zu IPv6 gemacht; Endkunden werden nach wie vor über das alte System bedient. Erfolgt irgendwann der Umstieg, werden Kunden im Idealfall gar nichts davon merken. "In den Computern, den Betriebssystemen ist IPv6 schon lange integriert, aktuelle System kommen sofort damit klar." Was allerdings passieren kann: Ältere Geräte, die für den Anschluss ans Internet verantwortlich sind, wie zum Beispiel Router, funktionieren nicht mehr und müssen ausgetauscht werden. Insgesamt aber, so hoffen die Experten, wird der technische Umstieg im Laufe der kommenden Jahre weitgehend geräuschlos vonstatten gehen.

Auf dem Weg zum "Internet der Dinge"

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Neue IP-Adressen für das Internet

Vorreiter bei dieser Entwicklung könnte Asien werden. Dort ist die Adress-Knappheit eine echte Wachstumsbremse für das Internet; der Druck dadurch größer als in Deutschland oder anderen westlichen Ländern. Mit der Zeit wird sich die neue Technik aber weltweit durchsetzen, denn eine Alternative gibt es aus technischer Sicht nicht; dafür bringt IPv6 aber viele neue Möglichkeiten. So träumt die Branche seit einigen Jahren vom "Internet der Dinge". Kühlschränke, Heizungen, Autos - praktisch jedes Gerät, das elektrisch betrieben wird, soll sich mit dem Internet verbinden lassen. Es wird dann möglich sein, dieses Gerät - zum Beispiel über ein Smartphone - aus der Ferne zu steuern, seine aktuelle Position oder den Status abzufragen. Vom Supermarkt aus kann man per Handy den Kühlschrank fragen, ob und wie viel Milch noch zuhause ist. Erst mit IPv6 wird es mit relativ wenig technischem Aufwand möglich sein, so etwas einzurichten.

Datenschützer sind skeptisch

Peter Schaar, der Bundesbeauftragte fuer den Datenschutz (Foto: AP)

Datenschützer Peter Schaar warnt vor Risiken

Nicht ganz so angetan von IPv6 sind dagegen die Datenschützer. Ihre Bedenken: Die neue Technik macht es möglich, jedem Nutzer feste Adressen zuzuordnen. Peter Schaar, Bundesdatenschutzbeauftragter: "Die neuen Adressen haben das Potential, zu 'Autokennzeichen' für jeden Internetnutzer zu werden und zwar unabhängig davon, wie viele Geräte der Einzelne im Internet verwendet. Das ist vor allem für jene von hohem Interesse, deren Geschäfte auf der möglichst lückenlosen Registrierung des Nutzerverhaltens und der Bildung von Verhaltensprofilen basieren." Mit anderen Worten: IPv6 kann dazu führen, Internetnutzer noch ein Stück transparenter zu machen. Dass die neue Technik diese Möglichkeit bietet, bezweifelt niemand. c't-Redakteur Johannes Endres glaubt aber nicht, dass es so kommen wird: "Was wir sehen werden ist, dass die IPv6-Adressen genauso dynamisch und variabel zugeteilt werden wie jetzt die IPv4-Adressen. Die Möglichkeit, solche Adressen fest zuzuteilen, ist da. Aber es gibt für die Provider eigentlich gar kein Interesse, das zu tun."

Neue Technik, neue Möglichkeiten - auch für den Datenschutz

Zudem bietet die neue Technik auch in diesem Bereich neue Möglichkeiten: Ein Teil der Internetadresse kann verschlüsselt werden, so dass sogar eine größere Anonymität machbar ist als mit dem alten System. Allerdings muss diese Verschlüsselung zunächst aktiviert werden. Bundesdatenschutzbeauftragter Peter Schaar will erreichen, dass genau dies zum Standard wird: "Entscheidend ist, dass für den User eine datenschutzfreundliche Einstellung des Internetprotokolls präsentiert wird, die ein Tracking und Tracing eben nicht standardmäßig ermöglicht. Sollte die Wirtschaft die Empfehlungen der Datenschützer umsetzen, kann das Risiko für die User deutlich verringert werden."

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