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Filme

Neuer Deutscher Film

50 Jahre nach dem Oberhausener Manifest: ein Blick zurück auf Filme und Regisseure. Der Heimatfilm der 50er Jahre wurde auf den Kopf gestellt. Das gesellschaftliche Engagement der Regisseure stand im Vordergrund.

Es war eines der wichtigsten Werke des Neuen Deutschen Films. Zum einen, weil der Film seine Botschaft so zugespitzt auf den Punkt brachte, zum anderen weil er das deutsche Genre schlechthin, den Heimat-Film, so radikal auf den Kopf stellte. Natürlich wurde "Jagdszenen aus Niederbayern" Ende der 1960er Jahre zum Skandalfilm, erregte die Gemüter und spaltete das Publikum. Peter Fleischmanns Debüt lohnt ein Wiedersehen nach 33 Jahren daher auf jeden Fall.

Szene aus dem Film Jagdszenen aus Niederbayern mit Martin Sperr (Foto: Copyright EURO-Video)

Gehetzt von der Dorfgemeinschaft: Schauspieler und Autor Martin Sperr umringt von Polizei und Meute

Als "Neuen Deutschen Heimat-Film" oder als "Linken Heimat-Film" bezeichnete man eine Handvoll Werke, die in jenen Jahren in die Kinos kamen und Provinz und ländliches Leben ganz anders definierten, als das die vielen Wald- und Wiesenfilme der 1950er Jahre getan hatten. Fleischmann zeigt dem Zuschauer eine bäuerliche Welt der Niedertracht, des Neids und der Massenhysterie. Das nach einem Theaterstück von Martin Sperr entwickelte Drehbuch Fleischmanns zeichnete eine fast schon klassische Geschichte der gesellschaftlichen Ausgrenzung nach.

Hetzjagd im deutschen Wald

Der junge Abraham kommt nach einem längeren Aufenthalt in der Stadt zurück in sein bayrisches Heimatdorf. Den Gerüchten, er sei homosexuell und habe deswegen auch im Gefängnis gesessen, begegnet er nur defensiv. Die bäuerliche Gemeinschaft reagiert zunehmend mit Ablehnung. Ein sexuell freizügiges Mädchen beschuldigt Abraham darüber hinaus, von ihm schwanger zu sein. Die Lage eskaliert, im Affekt tötet Abraham das Mädchen. Polizei und die versammelte Dorfgemeinschaft hetzen den jungen Mann schließlich wie ein Stück Wild im nahe gelegenen Wald.

Szene aus dem Film Jagdszenen aus Niederbayern mit Angela Winkler (Foto: Copyright EURO-Video)

Verführerisch und gefährlich: die blutjunge Angela Winkler in "Jagdszenen aus Niederbayern"

Fleischmanns Parabel über dörfliche Selbstgefälligkeit und Engstirnigkeit ließ in seiner Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Das erschreckt auch heute noch beim Wiedersehen des Films. Manches wirkt zynisch. Doch die Leistung des Regisseurs wird auch heute noch deutlich: Das Entstehen faschistoider Mechanismen wird plastisch dargestellt. Im Film peitscht sich die Masse gegenseitig hoch und "erlegt" den außerhalb der Norm stehenden gesellschaftlichen Außenseiter. Dass "Jagdszenen in Niederbayern" ausgerechnet im Jahr 1969 in die Kinos kam, war natürlich kein Zufall. Er war ein wichtiger Beitrag (des Kinos) zum kulturellen Umbruch der Zeit. Dass er dabei des deutschen liebstes Filmgenre, den Heimatfilm, demaskierte, trug zum Skandal bei.

Aufbruch vor 50 Jahren

50 Jahre nach Unterzeichnung des "Oberhausener Manifests" lohnt ein Blick auf diese ungemein fruchtbare Epoche des deutschen Kinos, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre einsetzte und zwei Jahrzehnte das erfüllte, was die Oberhausener eingefordert hatten: ein Kino, das sich wieder für das wahre Leben interessierte, das eintauchte in die Biografie von Menschen, dass authentische Charaktere aus dem realen Leben zeigte. Und dass auch reale Welt und Poesie verknüpfte, dabei formal neue Wege ging. Eine gute Gelegenheit sich zehn Regisseuren dieses kinematografischen Aufbruchs zu nähern, bietet jetzt die DVD-Edition "Regisseure des Neuen Deutschen Films" von Peter Buchka.

Rainer Werner Fassbinder (Foto: Kick Film)

Rainer Werner Fassbinder

Buchka war viele Jahre Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" und fertigte zwischen 1988 und 1998 zehn einstündige Porträts einiger der wichtigsten Regisseure jener Zeit an: Volker Schlöndorff, Percy Adlon, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Edgar Reitz, Reinhard Hauff, Werner Herzog, Alexander Kluge, Peter Lilienthal und Margarethe von Trotta. Ganz nebenbei bieten die Beiträge, die damals fürs Bayrische Fernsehen entstanden, einen wehmütigen Blick auf eine Zeit, in der das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch viel Muße und Geduld in Kultursendungen investierte.

Weltanschaulicher Bruch

Lange Interviews werden dabei von Ausschnitten der Filme der Porträtierten ergänzt. Buchka näherte sich den Regisseuren, indem er diesen zunächst einmal zuhörte. Aus heutiger Sicht besonders interessant: Der weltanschauliche Bruch der Zeit wird in den Beiträgen sichtbar. Die Generation der damaligen Filmemacher, die heute inmitten einer jüngeren Regiegeneration wie Dinosaurier wirkt, hatte noch Ideale. "Für eine neue Generation ist der Wahrheitsanspruch völlig passé", sagt der inzwischen 80-jährige Alexander Kluge, "als Erfahrung und damit als Sehnsucht gar nicht mehr da."

Werner Herzog (Foto: Kick Film)

Werner Herzog

Es waren die Auswirkungen des gesellschaftlichen Umbruchs der Studentenrevolte, die sich im Kino der Zeit widerspiegelte. Auch die bewegten Jahre, die darauf folgten, der "deutsche Herbst", die Rückbesinnung auf deutsche Traumata, der Holocaust, werden immer wieder behandelt. Danach dann betrat eine Regiegeneration die Bühne, (Doris Dörrie, Sönke Worthmann u.a.), die wieder mehr auf Unterhaltung setzte, auf Komödien und leichtere Kost, auf Genrefilme. Fassbinder war bereits 1982 gestorben. Die künstlerische Kraft der anderen neun Regisseure sollte noch ein paar Jahre vorhalten. Heute ist Werner Herzog (und mit Abstrichen Schlöndorff, von Trotta, Wenders und Reitz) eigentlich der Einzige,  der mit vielfältiger Kreativität noch an die Jahre von damals erinnert.

Peter Fleischmann: "Jagdszenen aus Niederbayern", D. 1969, mit zahlreichen Extras, Int. mit P. Fleischmann, u.a., erschienen in der Reihe "Kino Kontrovers" beim Anbieter Euro Video; die Box "Peter Buchka: Regisseure des Neuen Deutschen Films" ist bei Kick Film erschienen.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Angela Müller

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