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Wissen & Umwelt

Neue Therapie gegen Erdnussallergie

Menschen, die allergisch auf Erdnüsse reagieren, müssen vorsichtig sein: Denn selbst kleinste Mengen können Übelkeit oder Atemnot auslösen. Eine neue Therapie der Berliner Charité könnte Allergikern helfen.

Nüsse sind für den 15-jährigen Lukas Michel schon seit frühster Kindheit tabu, denn bereits als Kleinkind wurde ihm durch kleinste Mengen übel. Lange war ihm und seinen Eltern unklar, dass er speziell auf Erdnüsse reagierte. Doch vor rund zwei Jahren wurde das plötzlich deutlich. "Ich habe damals einen Schokoriegel in der Schule gegessen, von dem mir so schlecht wurde, dass ich den Unterricht verlassen musste", erzählt Lukas heute. Auf dem Heimweg, für den er den Bus nahm, verschlimmerte sich sein Zustand zunehmend. "Zunächst musste ich mich an der Bushaltestelle hinlegen, weil mir schwindelig war. Im Bus habe ich mich dann erbrochen", sagt Lukas.

Nur mit Mühe und Not schafft er es damals nach Hause. Die Kinderärztin empfiehlt anschließend einen Allergietest, für den Lukas zusammen mit seinen Eltern an die Berliner Charité fährt. Die Untersuchung dort bringt endlich Klarheit: Lukas leidet an einer Erdnussallergie. Selbst kleinste Mengen Erdnuss – in Kuchen, Cornflakes oder Schokoriegeln etwa – können allergische Symptome auslösen. Ständige Umsicht beim Essen ist daher mittlerweile oberstes Gebot. "Selbst an der Eisdiele muss ich vorsichtig sein", sagt Lukas. Der Grund: An den Eisportionierern können kleinste Reste Nusseis sein, auf die der Teenager heftig reagiert.

Gewöhnung statt Abstinenz

Eine Heilung der Erdnussallergie ist bisher nicht möglich. Dennoch kann Lukas hoffen, dass seine Allergie nachlässt. Denn seit rund eineinhalb Jahren nimmt er an einer Studie der Berliner Charité teil. Die Forscher dort wollen eine Therapie gegen die Erdnussallergie entwickeln. Das Ziel: Gewöhnung statt Abstinenz. Die Methode: orale und medizinisch kontrollierte Einnahme winzigster Mengen Erdnuss.

Berlin Charité Campus Virchow-Klinikum (Foto: Charité Berlin)

Das Virchow-Klinikum ist Teil der Berliner Charité

"Mit der oralen Immuntherapie wollen wir den Schwellenwert heraufsetzen, bei dem eine Reaktion eintritt", erläutert Medizinerin Kirsten Beyer. "Das heißt, vorher hat der Patient vielleicht auf ein hundertstel einer Erdnuss reagiert. Und wir wollen erreichen, dass der Patient mindestens eine Erdnuss verträgt, um ihn so gegen versehentliche Reaktionen zu schützen."

Pilotstudie erfolgreich

Insgesamt 60 Kinder nehmen an der aktuellen Studie teil. Anfangs bekommen sie täglich rund zwei Milligramm Erdnuss, untergemischt in einen Schokopudding. Um die Studie abzusichern, ist ein Teil der Kinder außerdem in einer Placebogruppe, erhält also einen Pudding ohne Erdnuss. Bei den anderen Teilnehmern wird die Dosis alle 14 Tage erhöht, bis etwa 500 Milligramm erreicht sind – was in etwa einer ganzen Erdnuss entspricht.

Eine erfolgsversprechende Pilotstudie mit 22 Kindern gab es bereits. Bei ihr war das Ziel ebenfalls, die Kinder schrittweise an Erdnüsse zu gewöhnen. Und das Ergebnis lässt aufhorchen. "Von den 22 Patienten haben es 14 geschafft, auf den Verzehr einer Erdnuss gesteigert zu werden", sagt Kinderärztin Katharina Blümchen. Ein bei der Erdnussallergie bisher einmaliger Erfolg – von dem die Forscher aber noch nicht wissen, ob er sich auch auf andere Lebensmittelallergien übertragen lässt. Letztlich bleibt daher vorher nur eins: Therapien, die auf den Effekt der Gewöhnung setzen, müssen bei jeder Lebensmittelallergie neu ausgerichtet und getestet werden.

Immunsystem im Ausnahmezustand

Bei der Erdnussallergie ist eines allerdings bereits klar: Das Immunsystem scheint sich nach und nach an die höhere Erdnussdosis zu gewöhnen. Dabei spielen vor allem die so genannten T-Zellen und die Zytokine eine Rolle: Bei den T-Zellen handelt es sich um eine Gruppe weißer Blutkörperchen, die das Immunsystem vor Angreifern schützen. Dafür schütten sie spezielle Eiweiße aus – die Zytokine. Sie bekämpfen Krankheitserreger. Essen Allergiker geringe Mengen Erdnuss, wird dieses System aktiviert und durcheinander gewirbelt. Warum, ist bisher unbekannt – doch durch die schrittweise Gewöhnung an Erdnuss scheint sich das Immunsystem zu beruhigen.

Erdnussflips in geöffneter Tüte (Foto: http://www.flickr.com/photos/31153174@N00/4049687754)

Gefährliche Würmchen: Schon ein Erdnussflip kann Allergikern schwer schaden

"In unserer Pilotstudie haben wir bereits gesehen, dass die T-Zellen durch die Dosissteigerung praktisch zum Schlafen gebracht werden", erläutert Katharina Blümchen. Außerdem konnten die Forscher nachweisen, dass weniger Zytokine ausgeschüttet wurden. "Was genau sonst noch passiert, ist bisher unbekannt, da sind wie noch am forschen", ergänzt Blümchen.

Hoffnung für Erdnussallergiker

Antworten auf diese Fragen soll auch die aktuelle Studie geben. Und die deutet bereits vor Abschluss darauf hin, dass sich die Ergebnisse der Pilotstudie wiederholen. Sprich: Das Prinzip Gewöhnung statt Abstinenz scheint auch diesmal zu funktionieren. Eine gute Nachricht für alle Erdnussallergiker, von denen es mittlerweile viele gibt. "In einer europäischen Studie konnten wir gerade zeigen, dass in Deutschland bereits jedes zweihunderste Kind eine Erdnussallergie hat, die zu klinischen Reaktionen führt", sagt Kirsten Beyer. Ein auch für die Wissenschaftler überraschendes Ergebnis. Schließlich war die Erdnussallergie im Kindesalter in Europa lange Zeit kaum bekannt.

Warum die Erdnussallergie so stark zugenommen hat, wissen die Forscher nicht. Im Kampf gegen die Allergie aber gibt es erste Erfolge: Für einige Kinder ist die aktuelle Studie bereits beendet – die Erdnussallergie hat bei mehreren von ihnen deutlich nachgelassen. Allerdings: Von einer Selbsttherapie rät Katharina Blümchen dringend ab. "Wir hantieren anfangs mit dem zweihundertfünfzigsten Teil einer einzigen Erdnuss. Das sind fast homöopathische Dosen, die man selbst gar nicht so genau abwiegen kann", erklärt die Ärztin. Und ihre Warnung ist begründet: Können selbst geringe Mengen Erdnuss doch schwerste Reaktion auslösen.

Allergiereaktionen haben nachgelassen

Nebenwirkungen, die bei Lukas Michel bisher fast vollständig ausgeblieben sind. Und nicht nur das: Seine Studie ist mittlerweile aufgedeckt und er kann sicher sein, dass er nicht in der Placebogruppe war. Für ihn war die Teilnahme daher schon jetzt ein voller Erfolg, kann er doch kleine Mengen Erdnuss mittlerweile problemlos essen. "Erdnussflips oder Erdnussriegel sind für mich aber auch weiterhin tabu", sagt der Teenager. Und trotz erster Erfolge und vielversprechender Ergebnisse: Für eine grundsätzliche Entwarnung ist es zu früh – denn noch befindet sich die Erdnusstherapie in der klinischen Erprobung.