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Wissen & Umwelt

Neue Studie zum Verschwinden von Versuchstieren

Wenn eine winzige Maus bei einem Experiment verloren geht, hat das mitunter fatale Auswirkungen auf das Studienergebnis. Dass dies jedoch gar nicht so selten ist, prangern Forscher nun im Fachblatt "PLOS Biology" an.

Das Team hinter der Untersuchung, die im Fachblatt "PLOS Biology" erschienen ist, beschäftigte sich nicht etwa mit neuen, überraschenden Ergebnissen von Studien, sondern die Forscher um Constance Holman und Ulrich Dirnagl von der Charité in Berlin warfen einen Blick hinter bereits bekannte Forschungsarbeiten.

Sie betrachteten etwa 100 Untersuchungen, die neue Erkenntnisse oder Medikamente zu Krebs und Schlaganfällen hervorbringen sollten, konzentrierten sich dabei aber besonders auf die folgenden Fragen:

  • Was passiert mit den Versuchstieren - etwa den Ratten und Mäusen -, die für solche Untersuchungen gebraucht werden?
  • Inwiefern sind die Zahlen transparent und logisch?
  • Wie ausführlich wurde der Ablauf der Studie dokumentiert?

Dabei kam eine Studie heraus, die die Genauigkeit und Sorgfalt, die bei solchen Forschungen an den Tag gelegt wird, infrage stellt.

"In zwei Dritteln der Fälle - unabhängig davon, ob es um Schlaganfall- oder Krebsforschung ging - konnten wir nicht sagen, was mit den Tieren passiert ist - weil darüber nicht berichtet wurde", sagt Ulrich Dirnagl, Mitautor der Studie, im Gespräch mit der DW.

Ungereimtheiten bei der Anzahl der Tiere oder das schlichte Verlorengehen von Tieren können dabei zu einem großen Problem werden. Wissenschaftlern könnte man etwa unterstellen, dass sie bewusst Tiere aus einer bestimmten Gruppe vernachlässigen, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Anders ist das in Studien mit Menschen - denn hier wissen die Forscher in der Regel erst gar nicht, wer in welcher Gruppe ist.

"Wenn es nach Abschluss der Studie Gründe gibt, ein oder zwei Tiere auszuschließen - zum Beispiel, wenn sie eine besonders schwere Krankheitsausprägung zeigen - ist so etwas ein typischer Fall von Voreingenommenheit", sagt Dirnagl. Das heißt: Es handelt sich nicht unbedingt um böswillige Absicht, aber vielleicht spielt ein Wunschdenken des Forschers mit hinein.

Erst medizinischer Meilenstein, dann Nervengift

Vor einigen Jahren, erzählt Dirnagl, wurde er gebeten, eine Studie zu bewerten. Dort war zu Beginn die Rede von zehn Tieren. Am Ende waren es allerdings nur noch sieben Tiere, die der Behandlung erfolgreich unterzogen wurden. Dirnagl war irritiert: Was war mit den drei verbleibenden Tieren geschehen?

"Ich habe dem Herausgeber geantwortet, dass ich mir diese Untersuchung nicht ansehen brauche, solange ich nicht weiß, was mit den Tieren passiert ist."

Ein Jahr verging. Die Studie, die sinngemäß den Titel "Substanz X ist ein Neuroprotektivum bei Schlaganfällen" trug, also ein erfolgreiches Mittel beschrieb, wurde nie veröffentlicht.

Dann erhielt Dirnagl eine E-Mail von den Autoren, in der stand: "Vielen Dank, wir haben Ihren Kommentar sehr ernst genommen und uns die Studie noch einmal genauer angesehen. Wir haben herausgefunden, dass die Substanz, um die es geht, kein Neuroprotektivum ist - sondern ein Neurotoxin." Ein Nervengift.

Und die Autoren kamen dann auch zu dem Schluss, dass die drei Tiere, die sie von der Studie ausgeschlossen hatten, wahrscheinlich an dem Mittel gestorben waren.

Die Studie wurde daraufhin umbenannt zu "Substanz X ist ein Nervengift", erzählt Dirnagl.

"Das ist vielleicht ein extremes Beispiel, was jedoch nicht heißen muss, dass solche Fälle selten vorkommen. Bei unseren Untersuchungen haben eine beträchtliche Anzahl von Fällen gefunden, in denen die Zahl der Tiere nicht übereinstimmte."

Schummeln leicht gemacht

Es gibt gute Gründe, bestimmte Tiere oder Menschen von vorklinischen oder klinischen Studien auszuschließen: Zum Beispiel, wenn sie im Laufe der Studie sterben, oder ihre physiologischen Parameter sie letztlich von einer Untersuchung ausschließen. Bei Menschen kann auch ein Umzug in eine andere Stadt ein solcher Ausschlussgrund sein.

Und auch wenn es verbindliche Richtlinien gibt, ob ein Tier aus einer medizinischen Studie ausgeschlossen werden kann oder nicht, vertrauen Fachblätter bei der Veröffentlichung oft blind auf die Ehrlichkeit der Studienautoren.

"Es existieren Regeln dafür, nur ist es ein Problem, dass sie nicht durchgesetzt werden", sagt Dirnagl. "Wenn die Autoren ein Paper einreichen, bestätigen sie mit einem simplen Klick die 'Einhaltung der Richtlinien'."

In 70 Prozent der untersuchten Fälle wurden diese Richtlinien jedoch nicht so ernst genommen, schreibt das Team der Berliner Charité.

Die Gegenprobe

Die Wissenschaftler haben auch mithilfe von theoretischen Berechnungen geprüft, wie sich das Vernachlässigen von ein, zwei, drei oder mehr Tieren auf das Ergebnis von einigen Studien auswirkt.

"Das war sogar für uns erstaunlich, wie dramatisch der Effekt sein kann. Selbst das Weglassen von ein oder zwei Tieren kann das Ergebnis völlig verändern", sagt Dirnagl.

"Spektakuläre Ergebnisse"

Wissenschaftler neigen einfach oft zu "spektakulären Ergebnissen", die sie mit ihren Studien hervorbringen möchten, sagt Dirnagl - denn die führen eher zu Professuren oder Finanzierungen.

Die Objektivität der medizinischen Forschung wurde zuletzt im August 2015 auf den Prüfstand gestellt, als in der Zeitschrift "Science" eine Studie erschienen war, die zeigte, dass die Mehrheit psychologischer Studien nicht wirklich nachvollziehbar ist.

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