1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Globale Zusammenarbeit

Neue Studie: Hat Gewalt Tradition?

Morde, Vergewaltigungen, Verstümmelungen - in Mexiko, El Salvador oder Guatemala keine Seltenheit. Ist die Gewalt ein Erbe der Vergangenheit, politischer oder rein krimineller Natur?

Allein in Mexiko wurden nach UN-Angaben im Jahr 2010 mehr als 20.000 Menschen ermordet. In Guatemala kamen durchschnittlich 41 Morde auf 100.000 Einwohner, in El Salvador waren es sogar 66. Zum Vergleich: In Deutschland lag dieser Wert gerade mal bei 0,8.

Alle drei Länder haben in jüngerer Vergangenheit politische Konflikte erfahren: In El Salvador und Guatemala herrschten in den 80er und 90er Jahren gewaltsame Bürgerkriege. Mexiko erlebte Anfang der 90er Jahre einen bewaffneten Aufstand der Zapatisten gegen die Regierung.

Bewaffnete Konflikte wirken nach

Sabine Kurtenbach (Foto: Privat)

Sabine Kurtenbach hat die Studie verfasst

Die Konflikte in diesen Ländern gelten fast alle seit mindestens einem Jahrzehnt als beendet. Die Gewalt wird heute vornehmlich als unpolitisch und kriminell motiviert wahrgenommen. Dies sei ein Grund dafür, dass der Kontinent in Diskussionen über Nachkriegs- und Postkonfliktgesellschaften bislang kaum eine Rolle spiele, sagt Sabine Kurtenbach, Autorin der Studie "Die Besonderheiten der Postkonfliktsituation Lateinamerikas".

In der Erfahrung von Krieg oder bewaffnetem Konflikt sieht sie keine ausreichende Erklärung für das hohe Maß an Gewalt in der Region, denn sonst müssten alle Nachkriegs- und Postkonfliktgesellschaften derartige Probleme haben.

Die Ursachen von Gewalt sind der Studie zufolge vielschichtig: In Ländern wie El Salvador und Guatemala stellt die Erfahrung von Krieg und bewaffnetem Konflikt einen wichtigen Faktor dar. So sei etwa die gewaltsame Politik der Regierungen mit der fehlenden Bereitschaft einhergegangen, die starke Kluft zwischen Arm und Reich zu beheben. Die soziale Ungleichheit sei nach wie vor ein wesentlicher Faktor für das hohe Gewaltniveau in Lateinamerika.

Wachsende Städte und schwacher Staat

Andere Faktoren sind die schnelle Urbanisierung und die Auflösung traditioneller Sozialbindungen durch Landflucht oder Migration. Kriminelle Jugendbanden übernehmen häufig eine Ersatzfunktion für die Familie.

Mitglieder der Mara 18-Bande (Foto: picture alliance)

El Salvador: Mitglieder der Mara 18-Bande in Haft

Im Gegensatz zur gewöhnlichen Land-Stadt-Migration sei Migration nach bewaffneten Konflikten aber wesentlich problematischer, da meistens traumatisierte Menschen einer Region betroffen sind.  "Das macht die Verstädterung noch einmal komplizierter als wenn sie klassisch, aufgrund sozialen Wandels passiert", erläutert Sabine Kurtenbach. Dies erhöhe das Gewaltrisiko, da der Staat den Migranten meist keine ausreichende Infrastruktur bereitstellen könne.

Auch die organisierte Kriminalität, wie der internationale Drogenhandel, hat zu einem Anstieg der Gewalt geführt. "Transnationale Netzwerke breiten sich nicht einfach im luftleeren Raum aus, sondern dort, wo es lokale Gegebenheiten gibt, die dies begünstigen", erklärt Sabine Kurtenbach. Ein schwacher Staat mache dies möglich, vor allem wenn das Justizsystem nicht richtig funktioniere.

Peter Imbusch, Experte für Konflikt und Gewaltforschung der Uni Wuppertal, macht deutlich: "Dort, wo Gewalt kaum verfolgt und sanktioniert wird oder staatliche Institutionen Gewalt selbst als legitimes Mittel betrachten, werden Anreize geschaffen, Gewalt anzuwenden."

Zapatisten-Anführer Marcos (Foto: AP)

Mexiko: Zapatisten-Anführer Marcos bei einem Auftritt

In Postkonfliktgesellschaften sowie auch in ehemaligen Militärdiktaturen kommt Sabine Kurtenbach zufolge hinzu, dass der staatliche Sicherheitsapparat an den Konflikten beteiligt war. Demnach stelle sich in besonderem Maße die Frage der Reformierbarkeit des Sicherheitssektors. Konkret betreffe dies vor allem die Verkleinerung der Streitkräfte, die Entmilitarisierung der Polizei, die Unterordnung des Militärs unter zivile Institutionen sowie die Stärkung der Justiz. Mexiko, Guatemala und El Salvador kämpfen nach wie vor damit, geplante Reformen auch umzusetzen.

Entstehen von Gewaltkulturen

Entscheidend für die Entwicklung des Staates nach Konfliktende ist der Grad der Aufarbeitung. Denn nur dadurch, sagt Sabine Kurtenbach, verständige sich eine Gesellschaft auch darüber, dass Gewalt kein legitimes Mittel mehr ist.

Dass aber mit Beendigung eines bewaffneten Konflikts nicht notwendigerweise auch die Gewaltbereitschaft nachlässt, sieht auch Peter Imbusch so. Er verweist auf das Phänomen von Gewaltkulturen: "Die Gewalt entsteht nicht dadurch, dass es sich bei einer Gesellschaft um eine Postkonfliktgesellschaft handelt, aber offenbar ist Gewalt dort in irgendeiner Form virulent." Es gebe aber auch Strukturen, die Gewalt grundsätzlich begünstigten. So die Kultur des "Machismo", in der Gewalt als ein legitimes Mittel gesehen wird, um sich zu wehren.

Ansatzpunkt für Entwicklungshilfe

Graffiti-Mauer in Bogota (Foto: DW/ Nicolas Martin)

Kolumbien: Stadtverschönerung für mehr Sicherheit

Der Kampf gegen Gewalt in der Region kann dem Konfliktforscher zufolge damit nur langfristig gewonnen werden. Wichtig seien die Entschärfung sozialer Brennpunkte durch neue Ausbildungs- und Freizeitmöglichkeiten. Hier bestünden gute Möglichkeiten für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit. Außerdem könnten stadtplanerische Maßnahmen die Situation verbessern, wie etwa in der kolumbianischen Hauptstadt Botogá. Dort haben die Bürgermeister unterschiedlicher politischer Richtungen über Jahre erfolgreich daran gearbeitet, öffentliche Räume zurückzugewinnen. Unter anderem wurden dunkle Straßen und Plätze besser beleuchtet. Die Menschen trauten sich so wieder auf die Straße.

Beide Experten sind sich einig: Repressionsmaßnahmen durch den Staat greifen, wenn überhaupt, nur bedingt. Oft führten derartige Maßnahmen eher zu einer Eskalation der Konflikte. Dies verdeutlicht auch der Kampf der mexikanischen Regierung gegen die Drogenkartelle. Seit 2006 kamen im Drogenkrieg mindestens 50.000 Zivilisten in den Auseinandersetzungen zwischen Militär und rivalisierenden Drogenkartellen gewaltsam ums Leben.