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Wirtschaft

Neue Schuldenspirale für die Dritte Welt

Während die Industriestaaten das Schlimmste der Wirtschaftskrise hinter sich glauben, bahnt sich in den Entwicklungsländern eine neue Schuldenkrise an, meint Rolf Wenkel in seinem Kommentar.

Rolf Wenkel, Wirtschaftsredaktion Deutsche Welle (Foto: DW)

Rolf Wenkel, Wirtschaftsredaktion Deutsche Welle

Kaum ein Wort ist auf der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Istanbul so häufig in den Mund genommen worden wie der Begriff "Exit“. Gemeint ist damit der Ausstieg aus allen Maßnahmen, die mit dazu beigetragen haben, dass der Höhepunkt der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise in vielen Ländern, vor allem in den Schwellenländern Ostasiens, bereits überwunden werden konnte.

Das klingt auf den ersten Blick paradox. Denn in vielen anderen Regionen dieser Welt tobt die Krise noch, und vor allem den Entwicklungsländern stehen die größten Probleme vermutlich noch ins Haus. Denn sie leiden unter ausbleibenden Direktinvestitionen, sinkenden Exporterlösen und zunehmenden Kapitalabflüssen - Kapital, das unter den Rettungsschirmen der Industrienationen sicherer und rentabler angelegt wird. Diese Entwicklung wird bei vielen der ärmsten Länder noch zu massiven Zahlungsbilanzproblemen führen. Damit aber werden sie zum Patienten der Finanzfeuerwehr IWF und zum Dauerkunden der Weltbank. Aber wenn das so ist, warum diskutieren die Experten, Finanzminister und Notenbankgouverneure in Istanbul schon jetzt schon über den Ausstieg?

Lehren aus 9/11

Die Antwort auf diese Frage ist ein Teil der Lehren, die die Experten aus der jüngsten Finanzkrise gezogen haben. Sie sehen nämlich - neben den globalen Handelsungleichgewichten - die expansive Geldpolitik der USA nach den Terroranschlägen vom 11. September als Ursache der Immobilienkrise in den USA und der daraus erwachsenen weltweiten Finanzkrise an. Es war zwar richtig, nach dem 11. September den Geldhahn aufzudrehen, um eine weltweite Rezession zu vermeiden. Aber es war falsch, zu vergessen, den Hahn rechtzeitig wieder abzudrehen. Das hätte spätestens dann geschehen müssen, als erkennbar war, dass die Rezession ausbleibt oder zumindest glimpflich verläuft. So aber hat die überschüssige Liquidität erst dazu geführt, dass sich auf den Immobilien- und Kreditmärkten gigantische Blasen bilden konnten.

Verpasst man also den rechtzeitigen Ausstieg, legt man im Grunde schon den Keim für die nächste Krise. Das gilt nicht nur für die Regierungen der Industrieländer, die gewaltige Summen für die Ankurbelung der Konjunktur mobilisiert haben. Das gilt nicht nur für die Banken, die einerseits von Staatsgarantien profitieren und andererseits schon wieder Geld verdienen und munter Boni ausschütten. Und das gilt nicht nur für Notenbanken und ihre faktische Nullzinspolitik. Sondern das muss auch für den Internationalen Währungsfonds gelten.

Ungleiche Verteilung

Dessen Chef Dominique Strauß-Kahn wird nicht müde, die Weltgemeinschaft davor zu warnen, die Krise vorschnell für beendet zu erklären. Das ist zwar richtig, aber natürlich auch ein Teil seiner Strategie, um im Geschäft zu bleiben und die erheblichen Mittelaufstockungen zu rechtfertigen. Andererseits sollte sich die Finanzfeuerwehr IWF darüber im klaren sein, dass zu viel Löschwasser auch Schäden anrichten kann. Irgendwann müssen auch ihre zusätzlich gewährten Mittel zurückgeführt werden.

Anders liegt der Fall bei der Weltbank, deren Aufgabe der Kampf gegen die Armut ist. Ihre Mittel sind nicht wie bei ihrer Schwester IWF um 500, sondern nur um 100 Milliarden Dollar aufgestockt worden. Ein Zeichen dafür, dass im Westen der Kampf gegen die Armut momentan keine Priorität mehr hat. Ein fatales Zeichen. Denn die wirkliche Krise kommt erst noch, und sie kommt in die Entwicklungsländer, sie kommt nach Afrika. Die Verursacher sitzen im Norden, die schlimmsten Folgen müssen die Ärmsten im Süden ausbaden. Schon jetzt deutet sich an, dass die Weltbank-Tochter International Finance Corporation IFC spätestens 2011 auf einen Kapitalengpass zusteuert, weil die Nachfrage rasant steigt. Denn die Entwicklungsländer müssen Kredite für eine Krise aufnehmen, die sie nicht verursacht haben. Möglicherweise bahnt sich hier schon wieder eine neue Schuldenspirale an.

Autor: Rolf Wenkel
Redaktion: Zhang Danhong