1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Neue Regisseurinnen braucht das Land

Die Schwestern Martina und Monika Plura sind Regisseurinnen - und damit immer noch Ausnahmen in einer Männerdomäne. Mit einem Workshop für den weiblichen Nachwuchs wollen sie das ändern.

Vertieftes Schweigen. Emsig kritzeln Stifte und Kugelschreiber über das Papier. An langen Seminartischen sitzen zwölf junge Frauen im Alter zwischen 16 und 22 Jahren. Dem kahlen Unterrichtsraum sieht man nicht an, daß er zu einer der künstlerischen Hochburgen in Deutschland gehört: der Kölner Kunsthochschule für Medien. Ab und zu schaut eines der Mädchen kurz hoch und folgt mit innerem Blick seinen Gedankenwegen. Keine spricht. Am Kopfende tauschen sich die beiden Kursleiterinnen mit gedämpfter Stimme darüber aus, wann die Gruppe ins Studio gehen soll. Monika und Martina Plura sind nicht viel älter als die meisten ihrer Teilnehmerinnen, aber bereits erfolgreiche Filmemacherinnen.

Iranische Mädchen, die beim Regieworkshop mitgemacht haben. Foto: Charlotte Krauss

Iranische Mädchen beim Überarbeiten ihres Skripts

Beide studieren noch, an unterschiedlichen Filmhochschulen: Martina Regie in Köln, Monika Kamera in Hamburg. Mit elf Jahren drehten die Zwillinge ihren ersten Film beim Offenen Bürger-Kanal in ihrer Heimatstadt Neuwied. Danach liehen sie sich einfach so oft es ging eine Kamera aus. Als die beiden von ihren bescheidenen Anfängen als Filmemacherinnen erzählen, entspannen sich die Mienen der Mädchen. Alle sind noch unsicher,  was in dieser Weiterbildung auf sie zukommt.

Mehr weiblicher Blick ins Filmgeschäft

"Erste Einführung in das Regiehandwerk" steht auf dem Seminarplan des mehrtägigen Workshops. Seit sieben Jahren ist diese Form der Weiterbildung schon Tradition auf dem Internationalen Frauenfilmfestival, das im April in Köln und Dortmund stattfand. "Wir wollen das Interesse von Mädchen und jungen Frauen an diesem Beruf fördern, um einfach mehr Frauen und vor allem den weiblichen Blick in die Branche zu holen", erklärt Eva-Maria Marx, die als Medienpädagogin das Konzept entwickelt hat.

Doch aller Anfang ist schwer. Als Aufgabe hat Profi-Regisseurin Martina eine Szene aus ihrem letzten Spielfilmprojekt mitgebracht: ein Mann auf einer Parkbank, ein Kind kommt dazu, spricht ihn an. Eine knappe Seite mit spartanischen Dialogen, keinerlei Regieanweisung. Bei der ersten Ideenrunde wird deutlich, dass Kreativität nicht auf Knopfdruck entsteht. "Man musste sich das am Anfang auf jeden Fall ein paar Mal durchlesen und sich Gedanken machen", berichtet eine Teilnehmerin. "Man braucht wirklich erstmal eine Situation und muß sich überlegen, welche Charaktere das sein sollen. Ob das Kind zum Beispiel frech oder schüchtern ist."

Mädchen warten auf den großen Auftritt vor der Kamera Foto: Charlotte Krauss

Warten auf die Übungen vor der Kamera

Anleitung zum szenischen Denken

Während alle konzentriert über ihren Szenen brüten, erzählen die beiden Schwestern zwischendurch, wie sie überhaupt zum Film gekommen sind. Alle staunen: ihre filmische Biographie ist beeindruckend lang. Bis zum Ende ihrer Schulzeit hatten sie schon mehr als 60 Kurz- und Spielfilme im Kasten. Vater, Mutter, Oma: die gesamte Familie musste als Statisten für die beiden Filmenthusiasten herhalten. Martina schaut ihre Schwester verschwörerisch an. Beide lachen. Ein ansteckendes Lachen.

Allmählich lockert sich die Stimmung in der Gruppe auf. Ayda, eine junge iranische Frau, die später gern Filmfestivals organisieren möchte, tauscht sich gestikulierend mit ihrer Tischnachbarin aus, wie sie die Szene angehen könnten. Emily, die schon erste Film-Erfahrungen bei einer Summer School in Dortmund sammeln konnte, überlegt mit einem anderen Mädchen, wie sie sich das später vor der Kamera vorstellen könnten. "Das kann in einer ganz deprimierenden Stimmung spielen. Einer wartet, ist unglücklich. Oder es sind zwei verliebte Menschen. Dann sieht die Szene schon ganz anders aus."

Am nächsten Tag geht's ins große Studio der Hochschule für Kunst und Medien. Hier üben sonst die Filmstudenten. Auf diesem Weg lernen die Mädchen gleich eine Filmhochschule von innen kennen. Martina hat alles schon aus dem technischen Studentenfundus organisiert: Kameras, Licht und Requisiten. "Ihr müsst an jede Kleinigkeit denken. Alles gehört zum Szenenbild, bis zum Papierkorb, der mit im Bild ist und auch zur Geschichte gehört,"  erinnert sie die Gruppen.

Szenenarbeit – es wird ernst im Studio

Das wichtigste Handwerkszeug eines Regisseurs steht heute im Mittelpunkt des Workshops: die Arbeit mit Schauspielern. Aber für das Regieführen braucht man gute Nerven und vor allem einen Plan. Wie die Szene genau aussehen soll, muß bis in die kleinste Sprachnuance überlegt sein. "Der Dialog, den sie uns gegeben haben, war quasi nackt. Es gab keine Vorlage oder irgendwelche Hinweise, wie das klingen sollte", stöhnt eins der Mädchen.

Höchste Aufmerksamkeit ist gefordert. Die beiden Dozentinnen haben noch eine Hürde in die Aufgabenstellung eingebaut: alle müssen selbst vor die Kamera und eine der Rollen spielen. "Da merkt man erst wie schwer das ist: Es war ja wirklich nur sehr wenig Text. Aber die meisten von uns hatten echt Probleme, sich den zu merken,""berichtet Marie-Claire, die schon Erfahrung vom Theater mitbringt. "Ich fand es als Regisseur interessant, genau zu vermitteln, wie man sich die Szene im Kopf vorstellt. Und dann zu sehen, wie es im Studio umgesetzt wird", gibt Anna in der Abschlussrunde am nächsten Tag ihre Erfahrungen wieder.

Gruppenfoto Regiekurs bei der Präsentation im Studio der KHM Köln Foto: Charlotte Krauss

Die Teilnehmerinnen haben den Workshop erfolgreich abgeschlossen

Lieber hinter als vor der Kamera

Spaß hat es allen gemacht, das kommt deutlich an. Durch die Rollenspiele, die Martina und Monika Plura ideenreich begleitet und professionell angeleitet haben, wurden alle schon mal auf den schwierigen Beruf des Regisseurs vorbereitet. Das Schwerste waren allerdings die Minuten vor der Kamera, meint Hanna: "Das war extrem komisch. Wenn man weiß, alle gucken zu und dann denkt man: 'Oh Gott, wenn ich jetzt den Text vergesse oder etwas falsch mache. Aber im Endeffekt kannten wir uns alle und dadurch ging es noch." Mit einem kurzen Seitenblick auf die beiden Plura-Schwestern schiebt Hanna, die schon im letzten Jahr einen Mädchen-Workshop auf dem Frauenfilmfestival mitgemacht hat, noch schnell nach: "Deshalb wollen wir auch alle Regisseur werden, damit wir hinter der Kamera stehen können."