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Fokus Osteuropa

Neue rechtsradikale Gruppierung in Bulgarien

Die rechtsradikale Parteienlandschaft in Bulgarien ist zersplittert. Nun soll eine neue Vereinigung gegründet werden. Sie will die bulgarischen Nationalisten im Kampf gegen EU- und NATO-Integration vereinen.

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Nationalisten-Demonstration in Sofia (Juli 2005)

Die Befürchtungen, dass nationalistische Parolen in Bulgarien weiterhin Anklang finden, scheinen sich zu bewahrheiten. Anfang März soll eine neue Vereinigung gebildet werden, die gegen die „Entbulgarisierung des Vaterlandes“ kämpfen und sich als Gegenformation zu der nationalistischen, rechtsradikalen Partei „Ataka“ (Attacke) von Volen Siderov aufspielen will.

Die neue Vereinigung soll „Gvardija“ (deutsch: „Garde“) heißen. Ihr Vorsitzender wird der ehemalige Chef der Bulgarischen Nationalen Union, Bojan Rassate, sein. „Rassate“ ist ein geschichtsträchtiges Pseudonym: Vladimir Rassate war der Sohn des bulgarischen Königs Boris, der im IX. Jahrhundert die christliche Religion in Bulgarien einführte. Während seiner kurzen Herrschaft versuchte Vladimir Rassate die Einführung des Christentums als offizielle Staatsreligion zu revidieren, womit er dem steigenden Einfluss des byzantinischen Klerus in Bulgarien einen Riegel vorschieben und zugleich die heidnischen Bräuche der Bulgaren wieder beleben wollte. Wegen seines Widerstands gegen das Christentum wurde er von seinem Vater Boris geblendet.

Bojan Bojanov, wie sein richtiger Familienname lautet, hat – laut Medienberichten - sein Studium an der Neuen Bulgarischen Universität in Sofia abgebrochen. Gegen ihn wird seit 1999 polizeilich ermittelt. Außerdem wurde er 2002 wegen Körperverletzung an einem Roma angeklagt.

Im Jahr 2001 war Bojanov Mitbegründer der überparteilichen Organisation „Bulgarische Nationale Union“, die bisher lediglich durch ihre Unterschriftenaktion mit der rhetorischen Frage „Wer zahlt die Stromrechnung der Zigeuner“ und mit der Aufforderung „Lasst uns Bulgarien [ethnisch] säubern“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Im Laufe der Jahre profilierte sie sich zum wichtigsten Anwärter auf die Führungsposition aller nationalistischen Formationen in Bulgarien.

Bulgarische Werte statt EU-Integration

Wichtige und emblematische Entscheidungen wurden auf einer gemeinsamen Sitzung von in- und ausländischen Nationalisten im September 2004 getroffen. Die Bildung einer Einheitsfront der bulgarischen Nationalisten gegen die Globalisierung, gegen die NATO, gegen das gegenwärtige Integrationsmodell der EU, gegen die Korruption der bulgarischen Politiker und für die Wiederbelebung der traditionellen bulgarischen Werte – das waren damals ihre wichtigsten Parolen.

Die Versammelten setzten sich für eine Intensivierung der Kontakte der bulgarischen Nationalisten mit Gleichgesinnten aus dem Ausland, und – wohl gemerkt – nicht für die Durchsetzung der Idee des nationalen Sozialismus, sondern für die des „sozialen Nationalismus“ ein.

Unterstützung von Nationalisten aus dem Ausland

Weitaus beachtenswerter sind die internationalen Gäste, die an der Sitzung am Pjassatschnika-See teilgenommen haben. Nach den Worten von Bojan Rassate wird seine Vereinigung von acht nationalistischen Organisationen aus Europa unterstützt. Dies seien das „Deutsche Kollegium“, die NPD (Nationaldemokratische Partei), der „Freie Widerstand“, der belgische „Vlaams Block“, die spanische „La Falange“, die rumänische „Noua Dreapta“ und die holländische „Nationale Alliantie“, deren Gesamtmitgliederzahl 700.000 Menschen übersteige.

Gegenüber der bulgarischen Zeitung „Politika“ (Politik) erklärte Rassate, dass er, genauso wie die traditionellen Parteien in Bulgarien, stolz auf seine Kontakte mit gleich gesinnten europäischen Parteien sei. Die Blauen (die bulgarischen Konservativen) seien Mitglieder in der Europäischen Volkspartei, die Roten (die bulgarische Sozialisten, ehemaligen Kommunisten) der Europäischen Sozialisten, und seine Partei, die Nationalisten, sei Mitglied in der „Front für Gemeinsamen Widerstand“.

Bei den bulgarischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2005 trat Bojanov/Rassate noch als Bündnispartner der national-populistischen Partei „Ataka“ an, die zur viertstärksten Kraft im bulgarischen Parlament wurde. Volen Siderov, der Parteivorsitzende von „Ataka“, beschrieb Bojanov damals als „einen jungen Mann, mit einer klaren und stark nationalistisch geprägten Vision von der Gesellschaft und der Welt, einen Mann, der nichts gegen die staatliche Ordnung, die Gesetzlichkeit und die Autorität der staatlichen Institutionen haben könnte.“ Der Patriotismus sei, so Siderov weiter, die zweite Natur von Rassate, der von Vaterlandsliebe geprägt und vom Wunsch nach einem prosperierenden Bulgarien beseelt sei.

Fackelzüge und Faustkämpfe

Heute, nach der Trennung der Bulgarischen Volksunion von der im Parlament vertretenen „Ataka“, hissten ihre Nachfolger auf dem Berggipfel Mussala die bulgarische Nationalfahne, gerieten in Faustkämpfe mit Abgeordneten von Siderovs Partei, erschienen mit geladenen Gewehren vor anderen Parteizentralen, gedachten mit einem Fackelzug des Todestages des Vorsitzenden der ehemaligen Bulgarischen Nationalen Legionen, des Generals Hristo Lukov, der übrigens auch ein leidenschaftlicher Anhänger des Nationalsozialismus war. Danach beschlossen die Anhänger Rassates nach einem angeblich abgehaltenen „Referendum“, an dem fast 20.000 Leute teilgenommen haben sollen, die Gründung einer neuen Vereinigung mit dem Namen „Gvardija“.

Georgi Papakochev, Sofia

DW-RADIO/Bulgarisch, 21.2.2006, Fokus Ost-Südost

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