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Deutschland

Neue Potenziale und alte Versäumnisse

Der Zustrom hoch qualifizierter Zuwanderer hilft Deutschland. Doch wie lange bleiben sie, und was ist mit den "Altlasten verpasster Integrationspolitik", fragen Berliner Wissenschaftler in einer Studie.

Unter allen OECD-Staaten liegt Deutschland mittlerweile auf Platz zwei der größten Einwanderungsländer. Die Statistik weist 440.000 mehr Zuwanderer als Abwanderer für 2013 aus, angelockt vom deutschen Arbeitsmarkt, der nicht nur durch die Wirtschaftskraft attraktiv ist. Experten loben mittlerweile auch die von der Politik geschaffenen liberalen und offenen Zuzugsmöglichkeiten, die beispielsweise das in der Vergangenheit von Unternehmern gern geforderte "Punktesystem wie in Kanada" überflüssig machten.

Arbeitssuchende Ausländer sind heute im Durchschnitt besser qualifiziert als der Schnitt der einheimischen deutschen Bevölkerung. Insbesondere Migranten aus den süd- und osteuropäischen Staaten füllen nicht nur die wachsende Lücke im hiesigen Arbeitsmarkt, sondern mit ihren Abgaben auch die Steuer- und Sozialkassen. Unter dem Titel "Neue Potenziale" verweist das #link:http://bit.ly/1orZQvY:Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung# in einer neuen Studie darauf, dass in den vergangenen Jahren 37 Prozent der Zuwanderer einen Hochschulabschluss besitzen.

Dieser Trend halte weiter an und unterscheide sich wesentlich von der Gastarbeiter-Zuwanderung der 1950er und -60er Jahre in der damaligen Bundesrepublik. Besonders hoch ist der Akademiker-Anteil bei Migranten aus Fernost - fast jeder Zweite hat einen Hochschulabschluss. Auch aus anderen Weltregionen, beispielsweise Afrika, kommen Hochqualifizierte nach Deutschland.

"Hochmobile Zuwanderer" auf dem Absprung?

Franziska Woellert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung - Foto:

Migrationsexpertin Woellert: "Zuwanderer werden den Fachkräftemangel nicht dauerhaft aufhalten"

Allerdings dämpft die Studie den Jubel über den Wandel Deutschlands zum modernen Einwanderungsland. Vor allem aus zwei Gründen: Zum einen werde die momentane starke Zuwanderung kaum auf die Dauer anhalten, sagt Franziska Woellert, Mitautorin der Untersuchung. Denn sobald sich die wirtschaftliche Lage gerade in den südeuropäischen Ländern wieder verbessere, werde dieser Zustrom wieder versiegen. "Und gerade diese Migranten, die heute kommen, sind nicht nur häufig hochgebildet, sondern die sind auch hochmobil. Sodass man nicht sagen kann, das wird den Fachkräftemangel in Deutschland wirklich dauerhaft aufhalten."

Um diese Migranten zu halten, müsse sich Deutschland international stärker als modernes Einwanderungsland positionieren und seine Willkommenskultur zu einer Selbstverständlichkeit machen, heißt es in der Studie. Hindernisse für Zugezogene, hierzulande sesshaft zu werden, seien beispielsweise das undurchschaubare föderale Bildungssystem, das Staatsbürgerschaftsrecht, die noch immer nicht gut funktionierende Anerkennung von Berufsabschlüssen. Auch der Umstand, dass für Integration "das von Sicherheitsinteressen geleitete Innenministerium" zuständig ist, wird kritisiert.

Nur türkische Mädchen sind lerneifrig

Wenig erfreulich ist zudem das, was das Berlin-Institut über die Integration der in Deutschland befindlichen Zuwanderer herausgefunden hat. Alte Probleme der Integration bleiben ungelöst, besonders bei der großen türkischen Zuwanderer-Gruppe. Viele der einst nach Deutschland geholten Gastarbeiter, mittlerweile im Rentenalter, haben ihren geringen Bildungsstand an die Nachkommen der 2. und 3. Generation "vererbt". Jeder Vierte hat keinen Schulabschluss. Die Wissenschaftler sprechen von "Altlasten verpasster Integrationspolitik".

Migrantin mit Kind - Foto: Britta Pedersen (dpa)

Migrantin mit Tochter: Kinderreichtum schwindet

Bemerkenswert ist aber der hohe Bildungsvorsprung, den türkische Mädchen gegenüber ihren männlichen Altersgenossen haben. Eine Erklärung liefert Murat Vural, der den interkulturellen Förderverein "Chancenwerk" gegründet hat: Die türkischen Mädchen versuchten, durch großen Lerneifer ihrer traditionellen Rolle in der Familie möglichst schnell zu entkommen.

Insgesamt habe es in den vergangenen Jahren aber nur eine "leichte Verbesserung" der Lebenslage der Migranten gegeben, heißt es in der Studie des Berlin-Instituts. Diese sei vor allem dem Arbeitsmarkt zu verdanken. Die Untersuchung stützt sich auf das aussagekräftigste Datenwerk, das derzeit verfügbar ist: den Mikrozensus. Der jüngste stammt von 2010. Er erfasst ein Prozent aller Haushalte in Deutschland und erfragt seit 2005 auch einen möglichen Migrationshintergrund.

Insgesamt machen Zuwanderer mittlerweile rund 20 Prozent der deutschen Bevölkerung aus und sorgen immerhin für ein Drittel des Nachwuchses. All zu viel Hoffnung, dass mit Kinderreichtum gesegnete Migrantenfamilien künftig die Arbeitskräftelücke in Deutschland füllen, macht die Statistik allerdings nicht. Die Zugewanderten passen sich den Einheimischen an und setzen immer weniger Kinder in die Welt.

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