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Welt

Neue Hoffnungen für Nigerias Terror-Opfer?

In sechs Monaten könne er Boko Haram schlagen, verspricht Nigerias neuer Präsident Buhari. Die DW-Korrespondenten Adrian Kriesch und Jan-Philipp Scholz haben Flüchtlinge gefragt, ob sie an einen schnellen Sieg glauben.

Mehr als 20 Frauen, Männer und Kinder sitzen auf Bastmatten in dem kleinen Innenhof von Ibrahim Abdullahi. Für die meisten von ihnen ist das seit Monaten Alltag: sitzen und warten. Sie mussten fliehen, als Kämpfer der Terrorgruppe Boko Haram ihre Dörfer im Nordosten Nigerias angriffen. Seitdem sind die Flüchtlinge bei ihrem Verwandten Abdullahi untergekommen, der in der nordnigerianischen Großstadt Kaduna einen Job bei einer Nichtregierungsorganisation hat.

Die Regierung ist seit Jahren überfordert

Sie teilen ihr Schicksal mit rund 1,5 Millionen anderen Nigerianern, die laut Schätzungen von Hilfsorganisationen wegen des Terrors ihre Heimat verlassen mussten. Die meisten von ihnen wohnen seitdem bei Familienangehörigen in anderen Landesteilen. Die nigerianische Regierung ist seit Jahren mit dem Problem überfordert. Die ohnehin knappen Gelder, die zur Flüchtlingshilfe bereitgestellt werden, versickern in korrupten Kanälen, Flüchtlingslager sind überfüllt, es fehlt an Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung.

Flüchtlinge aus dem Nordosten Nigerias Copyright: DW/Scholz/Kriesch

Flüchtlinge aus dem Nord-Osten Nigerias in Kaduna

Auch für die Flüchtlinge bei Ibrahim Abdullahi wird das Essen regelmäßig knapp, die Matten bieten kaum genug Platz zum schlafen. Immer wieder hat Nigerias neu gewählter Präsident Muhammadu Buhari, selbst ein Muslim aus dem am stärksten vom Terror betroffenen Norden des Landes, im Wahlkampf die Situation der Flüchtlinge angeprangert. Im ersten halben Jahr seiner Amtszeit wolle er für Sicherheit im ganzen Land sorgen und den Vertriebenen so die Möglichkeit geben, in ihre Heimatorte zurückzukehren, so Buharis großes Versprechen.

"Ein Muslim kann die Sicherheitsprobleme besser lösen"

Ob sie das glauben sollen, darüber sind die Flüchtlinge in Kaduna geteilter Meinung. "Ich glaube daran, dass wir schon bald wieder zurückgehen können", meint Yagana Umar, eine junge Frau aus Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno. Ihre Sitznachbarin Asabe Abubakar, die ihren fünfjährigen Sohn auf dem Schoß hält, ist skeptischer. Sie wolle ja auch gerne daran glauben, aber: "Politiker haben schon viel versprochen und dann nichts unternommen." In der Tat, Nigerias scheidender Präsident Goodluck Jonathan, ein Politiker aus Nigerias ölreichem, christlich geprägtem Süden, schien sich lange Zeit kaum für das Schicksal der Menschen im Nordosten des Landes zu interessieren. Nach der Entführung von beinahe 300 Schülerinnen vor fast genau einem Jahr war er nicht bereit, die betroffenen Familien in ihrer Heimat Chibok zu besuchen.

Pastor Yohanna Buru Copyright: DW/Scholz/Kriesch

Pastor Yohanna Buru: "Ein Muslim als Präsident hat bessere Chancen gegen Boko Haram"

Pastor Yohanna Buru, der mit seinem muslimischen Kollegen Imam Lawal Maduru eine gemeinsame, religionsübergreifende Hilfsaktion für die Flüchtlinge in Kaduna ins Leben gerufen hat, glaubt, dass Muhammadu Buhari erfolgreicher als sein Vorgänger sein wird: "Ein Muslim kann einfach besser mit den Problemen hier fertig werden", so der Pastor. Buhari kenne die Sorgen der Menschen im muslimischen Norden besser. Er sei ja letztes Jahr sogar selbst fast ein Opfer des Terrors geworden, als mutmaßliche Boko Haram-Kämpfer ihn im Wahlkampf angriffen. "Ich bin mir sicher: Buhari wird alles Menschenmögliche tun, um das Terror-Problem in Nigeria zu lösen", so Pastor Buru.

Mit Boko Haram verhandeln?

Dass das Menschenmögliche reichen wird, um Boko Haram innerhalb der angekündigten sechs Monate zu besiegen, hält Terror-Experte Jibo Ibrahim für unwahrscheinlich. "In sechs Monaten kann man vielleicht die meisten ihrer Basen zerstören", so der Politikwissenschaftler des nigerianischen Center for Democracy and Development. Die vielen radikalisierten jungen Männer, die bereit seien, bei Selbstmordattentaten ihr Leben zu opfern, könne man aber nicht so schnell besiegen. Gegen Boko Haram brauche es eine Doppelstrategie, so Ibrahim. "Erst muss man sie militärisch empfindlich schwächen - und dann muss man ihnen ein Verhandlungsangebot machen." Nur, wenn die Führungsriege der Terrorgruppe es als ihre letzte Chance sehe, den Kampf aufzugeben, könne es in Nigeria wirklich Frieden geben.

Imam Lawal Maduru Copyright: DW/Scholz/Kriesch

Arbeitslosigkeit sei die Wurzel des Terrors, sagt Imam Lawal Maduru

Imam Lawal Maduru, der jede Woche zusammen mit Pastor Buru durch ganz Kaduna zieht, um die vielen christlichen und muslimischen Flüchtlingsfamilien zu besuchen, sieht das ähnlich. Allerdings müsse neben denen Erfolgen im militärischen Kampf und am Verhandlungstisch noch ein weiterer hinzukommen. "Die neue Regierung muss nun endlich gegen die Arbeitslosigkeit vorgehen", so der Imam. Diese sei noch immer der beste Nährboden für zukünftige Terroristen-Generationen. Wenn man den jungen Menschen im Norden Arbeit und Perspektiven böte, werde es für Boko Haram immer schwieriger, mit ihrer Ideologie des Hasses Gehör zu finden.

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