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Welt

Neue Hoffnung unter alten Narben

Zurück ins Leben: Ein Projekt brasilianischer Schönheitschirurgen hilft misshandelten Frauen. Die kostenlosen Eingriffe sollen dazu beitragen, die sichtbaren und unsichtbaren Wunden der Opfer häuslicher Gewalt zu heilen.

Die Schläge und Schüsse sind in ihre Haut eingebrannt. Die tiefen Narben erinnern an den Tag, an dem die Gewalt des Ex-Partners ihr Leben veränderte. Damit nicht genug: Die gesellschaftliche Stigmatisierung macht die betroffenen Frauen täglich erneut zum Opfer.

Nach Angaben der nationalen brasilianischen Gleichstellungsstelle ist in Brasilien jede zweite Frau häuslicher Gewalt ausgesetzt, davon über die Hälfte täglich. In 70 Prozent aller Fälle geht die Gewalt vom Ehemann oder Partner aus.

Ein gemeinsames Projekt der Brasilianischen Gesellschaft für Schönheitschirurgie (SBCP) und der Hilfsorganisation "The Bridge" aus São Paulo bietet den betroffenen Frauen nun die Möglichkeit an, sich kostenlos operieren zu lassen. Jaqueline Santos Oliveira und Roseneide Fernandes da Silva waren unter den ersten Frauen, die die Gelegenheit nutzten.

Jaqueline Santos Oliveira (Foto: Marina Estarque)

Jaqueline Santos Oliveira

Messerattacke auf offener Straße

"Wenn ich alle Eingriffe überstanden habe, werde ich mich endlich wieder komplett fühlen", sagt Jaqueline Santos Oliveira. Die 26-Jährige hat die erste OP bereits hinter sich. Vor vier Jahren hatte ihr Ex-Freund die junge Supermarktangestellte am helllichten Tage vor einer Tankstelle in São Paulo mit einem Messer angegriffen.

Schritt für Schritt fand Jaqueline nach diesem schrecklichen Erlebnis wieder zurück ins Leben. Doch die Schamgefühle verließen sie nie. Der tägliche Gang in den Umkleideraum ihrer Arbeitsstätte ist immer noch eine Qual für die junge Frau: "Seit vier Jahren ziehe ich keinen Bikini mehr an", erzählt sie. "Doch heute fühle ich mich schon besser."

19 Jahre Schmerzen

Roseneide Fernandes da Silva musste nicht nur mit dem Gefühl der Scham leben. Sie litt zudem 19 Jahre lang an den schmerzhaften Folgen des Mordversuchs ihres Ex-Mannes. Zwei Schüsse sollten ihrem damals nur 18-jährigen Leben ein Ende setzen. Es gelang ihr, das Gesicht mit ihrem zu Arm zu schützen, der von den Einschüssen zerfetzt wurde.

Jahrelang lag sie immer wieder im Krankenhaus. "Meine Haut infizierte sich, jedes Mal wurden mir Teile vom Arm bis aufs Fleisch entfernt", erzählt sie. Es blieb ein großes Loch, die Haut klebte nur noch am Knochen. "Die Ärzte setzten mir Nägel ein, doch mein Körper stieß sie immer wieder ab. Jedes Mal, wenn ich ins Krankenhaus kam, hatte ich das Gefühl, von Neuem verletzt zu werden."

Seit der Attacke konnte Roseneide, die als Kassiererin in einem Supermarkt arbeitet, ihre Arme nie wieder schließen. Nicht einmal der Ellbogen ließ sich beugen - es war zu schmerzhaft. Heute, mit 37 Jahren, wird die vierfache Mutter endlich operiert. "Als ich meinen Arm wieder bewegen konnte, habe ich auf dem Operationstisch geweint", erzählt sie.

Roseneide Fernandes da Silva (Foto: Marina Estarque)

Roseneide da Silva

Zwei Monate nach dieser OP sind die Narben zwar noch immer zu sehen. Doch Rosenaide geht es insgesamt besser: "Ich bin selbstbewusster geworden und habe kein Problem mehr damit, kurze Ärmel zu tragen. Es wird nie wieder so aussehen wie vorher, doch so wie es heute ist, ist es viel besser."

Seelische Wunden heilen

Eigentlich stehen Roseneide und Jaqueline nach brasilianischem Recht eine kostenlose medizinische Behandlung inklusive Schönheitsoperation zu. Doch die Wartezeiten für einen plastischen Eingriff betragen mehr als zwei Jahre. Das Projekt der Schönheitschirurgen aus São Paulo, das vor sechs Monaten in São Paulo begann, soll die Behandlungen beschleunigen. Elf Frauen wurden bereits operiert, weitere elf Eingriffe sind geplant.

"Wir versuchen die sichtbaren Narben zu heilen, gleichzeitig geht es den Frauen aber auch psychisch besser", sagt der Präsident der Brasilianischen Gesellschaft für Schönheitsoperationen, Prado Neto, im Gespräch mit der DW. Denn viele Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, litten noch Jahre nach dem Angriff an mangelndem Selbstwertgefühl und Stigmatisierung.

Staatssekretärin Lourdes Maria Bandeira von der nationalen Gleichstellungsstelle bestätigt dies. "Die paternalistische Weltanschauung in Brasilien trägt dazu bei, dass

Frauen für die an ihnen verübte Gewalt oft selbst verantwortlich

gemacht werden", erklärt Bandeira. Diese Auffassung sei immer noch weit verbreitet.

Auch Jaqueline bekam dies zu spüren. Ihre ersten negativen Erfahrungen machte sie direkt auf der Polizeiwache: "Alle meinten, es sei meine Schuld, wenn ich mich mit so einem 'Herumtreiber' abgebe. Viele sehen, dass ich eine alleinerziehende Mutter bin und man mich mit dem Messer verletzt hat und machen dann auch noch Witze darüber", erzählt sie.

Auf der Wache erfuhr sie, dass der Ex-Freund einen falschen Namen nutzte und bereits versucht hatte, eine andere Frau umzubringen. "Er hat sieben Mal auf seine Frau eingestochen, sie lag im Koma und konnte dann fliehen. Die Polizisten haben die ganze Zeit zu mir gesagt, ich würde mit irgendjemandem eine Beziehung eingehen ohne ihn zu kennen. Ich habe gesagt, dass dieser Mann nicht frei herum laufen darf."

Das Leben nach dem Trauma

Roseneide hat aus dieser Stigmatisierung ihre Konsequenzen gezogen und spricht das Thema nicht mehr an. "Das Schwierige ist, dass viele Leute die Wunde sehen und fragen. Am Anfang habe ich immer versucht, sie zu verstecken. Heute erzähle ich, dass es zwei Schüsse waren, aber ich erkläre keine Details. Ich schäme mich dafür. Wer würde sich nicht schämen?"

Sowohl Jaqueline als auch Roseneide haben zurück in ihr "normales Leben" gefunden, wie sie sagen. Doch auch nach den Operationen ist der Weg zur Genesung immer noch lang. "Jetzt habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl, lebendig zu sein", sagt Roseneide und kämpft mit den Tränen in den Augen. "Es geht mir gut, aber ich kämpfe weiter."

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