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Europa

Neue Hoffnung für italienische NS-Kriegsopfer

Die Entscheidung des Oberlandes-Gerichts Karlsruhe gibt den Hinterbliebenen Hoffnung: 70 Jahre nach einem brutalen Massaker im toskanischen Dorf Sant'Anna di Stazzema könnte es jetzt zu einer Anklage kommen.

August 1944: Männer der nationalsozialistischen Wehrmacht haben fast ein ganzes Dorf ausgerottet. 560 Einwohner wurden in dem abgelegenen toskanischen Bergdorf Sant'Anna di Stazzema erschossen oder mit Handgranaten umgebracht. Nur wenige überlebten. Einer von ihnen ist Enrico Peiri. Er verlor bei diesem Massaker seine gesamte Familie. Heute ist er der Vorsitzende der "Organisation der Angehörigen und Überlebenden des Verbrechens" und kämpft für Gerechtigkeit, zusammen mit der Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke. Jetzt soll wenigstens ein Verantwortlicher nach 70 Jahren zur Rechenschaft gezogen werden: Gerhard Sommer.

Gerhard Sommer war damals ein junger Offizier bei der SS. "Er kann sich nicht herausreden, dass er nicht direkt an dem Massaker beteiligt war. Er ist derjenige, der selbstständig den Befehl gegeben haben oder ihn in der Befehlskette weitergegeben haben muss", ist sich Gabriele Heinecke sicher. Für dieses Massaker wurde Gerhard Sommer zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt - in Italien. Doch seine Strafe hat der Hamburger bis heute nicht angetreten.

Vor einem italienischen Militärgericht in La Spezia wurde Gerhard Sommer im Jahr 2005 schuldig gesprochen, zusammen mit neun weiteren Angeklagten. Zudem sollte er Entschädigung an die Opfer und Hinterbliebenen zahlen. Parallel dazu waren 2002 auch in Deutschland Ermittlungen aufgenommen worden. Diese wurden aber 2012 von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft eingestellt. Die Begründung: Es fehlten Nachweise, dass die Panzergrenadierdivision das Dorf mit der klaren Absicht aufsuchte, eine Vergeltungsaktion durchzuführen.

Das größte Massaker Italiens

Gabriele Heinecken strebte 2012 mit ihrem Mandanten das Klageerzwingungsverfahren beim Oberlandesgericht in Karlsruhe an - mit Erfolg. Das Gericht entschied, dass gegen den damaligen Kompanieführer Sommer Anklage erhoben werden kann. Das Urteil des damals zuständigen Militärgerichts in La Spezia ist sehr detailliert. "Da findet man alle wesentlichen Punkte, die dafür notwendig waren, um den Tatverdacht für Herrn Sommer zu übernehmen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat sich hingegen über zehn Jahre dagegen gewehrt." Die Anwältin wirft im DW-Interview der Staatsanwaltschaft vor, dass sie die Sache verzögern würde, zu Gunsten des mittlerweile 93-Jährigen.

Nach Erkenntnissen der Historiker habe die 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ eine breite Blutspur in Italien hinterlassen. "Der Überfall war ein von langer Hand geplanter und an den Bandenbekämpfungsbefehlen von Hitler und Kesselring orientierter Schlag gegen die Zivilbevölkerung - mit allen Einheiten, die von vier Seiten auf Sant'Anna zumarschiert sind", rekonstruiert Heinecken.

In Sant'Anna di Stazzema steht eine ältere Dame an dem Denkmal für die Opfer der SS Massakers (Foto: AFP/ Getty Images)

das Denkmal in Sant'Anna di Stezza erinnert an die Opfer des Massakers

Sommer ist kein Einzelfall. Ulrich Sander, Bundesprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und Bund der Antifaschisten, kennt das Problem: "Man hat weder die damals Verurteilten nach Italien ausgeliefert, noch hat man in Deutschland die Verfahren wiederholt und nach deutschem Recht durchgeführt. Das hat uns sehr empört."

"Eine Verurteilung in Italien reicht nicht aus"

"Das Problem ist, dass eine Zustimmung der Verurteilten erforderlich ist", meint Andreas Brendel. Er ist Leiter der Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen. " Nach dem deutschen Strafrecht reichen die Beweise oft nicht aus, die Täter anzuklagen. Auch dann nicht, wenn diese schon in Italien verurteilt worden sind."

Besonders in Italien sorgte die letztliche Verfahrenseinstellung 2012 durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft für große Empörung. "Es war skandalös, dass die ganzen Verfahren, die in Italien durchgeführt wurden und zu Urteilen führten, sang- und klanglos in Deutschland eingestellt wurden - aus Mangel an Beweisen", so Ulrich Sander im DW-Interview.

Nur wenige NS-Offiziere, die an dem Massaker in Sant'Anna beteiligt waren, wurden in der Nachkriegszeit dafür verantwortlich gemacht. Der SS-Stürmbannführer Walter Reder, der die Massenmorde von Marzabotto und Sant'Anna di Stazzema anordnete, blieb dafür als einziger mehrere Jahrzehnte in Haft.

Ein Verfahren gegen die Zeit

Doch Zeit ist bei diesen Verfahren der entscheidende Faktor: Die Verurteilten sind alle in einem fortgeschrittenen Alter, zwischen Jahrgang 1916 und 1926. Gerhard Sommer ist jetzt 93 Jahre alt. Von den ursprünglichen zehn Verurteilten im Prozess wegen des Massenmordes in Sant'Anna sind nur noch drei am Leben. "Es geht um Gerechtigkeit", meint Ulrich Sander. "Diese Gerechtigkeit muss auch in so einem hohen Lebensalter noch gefunden werden."

Auch Gabriele Heinecken sieht erhöhten Handlungsbedarf: "Mein Mandant geht davon aus, dass nach Eintreffen der Akten in Hamburg schnell gearbeitet wird und dieses Verfahren durchgezogen werden kann." Gerhard Sommer sei im Mai ärztlich untersucht worden und mit leichten Einschränkungen verhandlungsfähig.

Mit der Aussicht, dass die Verantwortlichen von einst jetzt doch noch zur Rechenschaft gezogen werden könnten, sind die Hinterbliebenen und Überlebenden von Sant'Anna di Stazzema zufrieden. "Die Dorfbevölkerung ist erleichtert, dass sie überhaupt in ihrer Rolle als Menschen, die in dieser Art und Weise von ihrem Leben entwurzelt worden sind, ernstgenommen werden", sagt die Opferanwältin Gabriele Heinecken. "Sie waren natürlich enttäuscht, dass 2005 nichts passiert ist und es keinerlei Folgen für diejenigen, die für das Massaker verantwortlich waren, gab. Dass jetzt auch im Land der NS-Täter eine solche Entscheidung gefallen ist, hat meinen Mandanten sehr gefreut und sehr erleichtert. Es bedeutet für ihn und für die anderen Angehörigen und Überlebenden viel, weil sie sich ernstgenommen fühlen."

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