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Kultur

Neue Heimat Westdeutschland

40 Jahre ist es her, dass die ersten Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien in die Bundesrepublik kamen. Viele haben in Deutschland Familien gegründet. Als Rentner zieht es manche in ihre Heimat zurück.

Bahnhofsszene von 1972 (Quelle: DPA)

Dezember 1972 auf dem Frankfurter Hauptbahnhof: Gastarbeiter aus Jugoslawien fahren über Weihnachten in die alte Heimat

Pavle Konopek ist heute 63 und selbstständiger Unternehmer. Im Frühling 1969 kam er aus Srem, einer Region in Nordserbien, in einen Betrieb ins nordrheinwestfälische Solingen. In Jugoslawien hatte er Maschinenbau gelernt, in Deutschland dann Elektrotechnik studiert. Seine Frau ist wie er im damaligen Jugoslawien geboren, seine Kinder und Enkelkinder leben noch heute in der Bundesrepublik.

"Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil, ich habe einen großen deutschen Bekanntenkreis", lächelt Konopek und seine Augen glänzen dabei hinter dem goldenen Brillenrand: "Ich bin zwar in ein fremdes Land gekommen. Trotzdem war es mir nicht unangenehm. Zwischen den Begriffen Heimat und Vaterland gibt es ja einen großen Unterschied. Serbien bleibt für immer mein Vaterland. Heimat aber ist überall dort, wo man sich wohl fühlt und eine Existenz aufgebaut hat."

Anwerbeabkommen vor 40 Jahren

Konopek ist einer von den heute knapp 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die nach Angaben des Statistischen Bundesamtes einen ex-jugoslawischen Migrationshintergrund haben. Die meisten jugoslawischen Einwanderer kamen mit dem Anwerbeabkommen, das die Bundesrepublik am 12. Oktober 1968 mit der damaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien abgeschlossen hatte. Im Dezember vor 40 Jahren wurde der Vertrag in Bonn und Belgrad ratifiziert, am 4. Februar 1969 ist er in Kraft getreten. Das erste Anwerbeabkommen hatte die Bundesrepublik 1955 mit Italien abgeschlossen. Bis 1973 wurden so genannte Gastarbeiter aus dem Mittelmeerraum angeworben.

Savo Pejovic kam er vor genau 35 Jahren mit einem Dutzend Kollegen aus Pljevlja in Montenegro nach Soltau, in Niedersachsen. Er war 26 und zielstrebig. Nach sieben Jahren mit verschiedenen Jobs und nach einer entsprechenden Weiterbildung wurde er in Köln als Monteur sesshaft. Eine harte Arbeit: "Als wir hierher gefahren sind, dachten wir, die D-Mark würde wie Blätter von Bäumen herunterfallen", erzählt der zweifache Familienvater. "Es kam aber ganz anders. Doch man konnte nicht mehr zurück und wir mussten alle überlegen, irgendwie zurechtzukommen, jeder wie er konnte. Trotzdem war es damals noch viel leichter als heute, einen Job zu finden, Arbeit zu wechseln, in eine andere Stadt umzuziehen."

Gut ausgebildete Arbeitskräfte

Picknick (Quelle: DPA)

Mit dem Auto auf Heimatbesuch: Picknickszene an der Autobahn Richtung Jugoslawien (undatiert)

Fast 700.000 Serben, Kroaten oder Bosnier waren zwischen 1968 und bis zum Zerfall Jugoslawiens 1991 als Gastarbeiter nach Westdeutschland gekommen, wobei bei weitem nicht alle geblieben sind. In den zwei Jahrzehnten nach dem Inkrafttreten des Anwerbeabkommens überwiesen diese Gastarbeiter, nach Schätzungen, umgerechnet mehr als 15 Milliarden Euro an ihre Familien in Jugoslawien. Zum Aufschwung der deutschen Wirtschaft haben sie vor allem durch ihre gute Berufsausbildung beigetragen, meint der Leiter der Migrationsabteilung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Leo Monz.

Ob das vom deutschen Staat und Unternehmen genug gewürdigt wurde? "Mehr Anerkennung hätten wir da gerne gesehen", sagt Monz. "Vielleicht gibt es jetzt eine Möglichkeit, den Migrantinnen und Migranten zu sagen, dass wir anerkennen, was sie als Beruf oder informellen Kompetenzen aus ihrem Heimatland gebracht haben. Und, dass sie das auch im beruflichen Aufstieg und in der Beschäftigung umsetzen können."

Erste Generation im Ruhestand

Die ex-jugoslawischen Gastarbeiter der ersten Stunden scheiden langsam aus Berufsleben aus. Viele werden auch ihren Lebensabend in Deutschland, bei ihren hier gegründeten Familien verbringen. "Wir werden überlegen müssen, in wieweit Sozialversicherungsabkommen weiterentwickelt werden müssen", sagt Monz deshalb. "Wir werden sehen müssen, wie können wir die Rentner und Rentnerinnen unterstützen, damit sie in beiden Ländern zu Hause sind, dass sie ihre Familie und Freunde im Herkunftsland besuchen können – und umgekehrt. Wir müssen insgesamt unseren ganzen Systeme im Pflege- und Altenbereich darauf einstellen, dass es Menschen gibt, die auch andere Sprachen sprechen und andere Kulturen haben. Also, da müssen wir vielfältiger werden." Ein Teil der Migranten ist sich jedoch sicher, die Rente in der alten Heimat genießen zu wollen. So auch Milan Stanojevic. Vom Fließband in der Autoindustrie hat er es bis zum Konfliktberater der Arbeiterwohlfahrt in Gelsenkirchen gebracht. Ende 1970 verließ er als 20jähriger sein Dorf in der Nähe von Foca, in Bosnien-Herzegowina, mit Ziel Westdeutschland: "Ich hatte nur ein Köfferchen dabei. Darin waren ein Pulli, den meine Schwester gestrickt hat, ein Paar alte Schuhe, Socken und zwei Dosen Fleisch. Erst als der Zug losgefahren ist, habe ich begriffen, dass es ernst wird, dass ich weit weg fahren werde. Ich wurde nostalgisch und apathisch, begann an meine Eltern und Freunde zu denken. Ich war zwar nicht alleine. Wir waren insgesamt über 2.500. Doch die Apathie ist geblieben: Beim Fernsehen und Radio hören, beim Schlafen gehen. Heute noch sehe ich diese Bilder: Meine Eltern, das Haus, die Grabsteine. Ich wollte nur für ein Jahr weg, mir ein Mofa kaufen und zurückzukehren. Leider habe ich nach 38 Jahren noch immer kein Mofa. Dafür habe ich aber das Haus meiner Eltern renoviert."

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