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Stadt Land Mensch

Neue Heimat Herne

Erst wurden sie angeworben als Gastarbeiter, dann arbeitslos durch den Strukturwandel, heute sind sie als Gründer ein Jobmotor. Der Strukturwandel im Ruhrgebiet verlief mitten durch manche Migrantenfamilie.

Elf Zechen gab es früher in Herne, alle mit stolzen Namen: Mont Cenis, Friedrich der Große, Shamrock. Dazu die Stahlindustrie und damit so viel Arbeit, dass man sie in Herne alleine  gar nicht mehr bewältigen konnte. Das war in den 60er Jahren, das Anwerbeabkommen mit der Türkei wurde unterzeichnet und zig tausende Türken machten sich auf den Weg. Darunter auch die Väter von Muzaffar Oruc, Yunus Ulusoy und Necdat Özcan. Die wollten eigentlich nur zwei Jahre bleiben, Geld verdienen im reichen Deutschland und dann zurück in die Heimat. Frauen und Kinder blieben in der Türkei, es sollte ja nicht lange dauern, das Leben als Gastarbeiter in Deutschland.

Aus zwei Jahren wurden über vierzig

Aus zwei Jahren wurden zehn, dann zwanzig, heute sind die Türken der ersten Generation über vierzig Jahre in Deutschland. Frauen und Kinder sind nachgekommen, die dritte Generation ist hier geboren. "Mein Vater", erzählt Muzaffar Oruc, der Vorsitzende des Integrationsrates in Herne, "der kann höchstens noch vier oder sechs Wochen Urlaub in der Türkei machen. Die Ruhe hier, das alles ein System hat, das findet er so toll, das fehlt ihm dann."

Gastarbeiter aus der Türkei sitzen nach ihrer Schicht auf einer Bank auf dem Gelände der Zeche Neu-Monopol in Bergkamen im Kreis Unna (undatiert). Foto: dpa

Türkische Migranten der ersten Generation arbeiteten meist in Zechen und Stahlwerken im Ruhrgebiet.

"Herne ist die neue Heimat. Sechzig Prozent der Migranten hier sind Türken. Aber Herne ist nicht mehr, was es mal war. Die Montanindustrie, durch die es groß wurde, gibt es nicht mehr. Ersatz dafür ist schwer zu finden. Und von diesem Strukturwandel sind die türkischen Migranten besonders betroffen.

Die Türken, die ins Ruhrgebiet kamen, kamen natürlich in die Montanindustrie", erklärt Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien in Essen. "In dieser Branche waren sie überproportional beschäftigt und deshalb waren sie von ihrem Niedergang auch überproportional betroffen." Außerdem hatten die Migranten meist eine geringe berufliche Qualifikation, was es schwer machte, andere Jobs zu finden.

Gründungsboom in den 80ern

Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien in Essen Foto: DW-Archiv

Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien in Essen

Doch aus den Nachteilen, die durch den Strukturwandel für die Türken auf dem Arbeitsmarkt entstanden, machten viele eine Tugend: sie gründeten ihre eigenen Existenzen. "In den 80er Jahren gab es quasi einen Gründungsboom, es gab zunehmend Geschäfte und Betriebe, die von Migranten gegründet wurden", so Ulusoy. Anfangs waren das oft Dönerbuden oder kleine Gemüseläden. Heute gibt es einen bunten Branchenmix. Zwischen 2005 und 2010, so hat das Zentrum für Türkeistudien ermittelt, hat sich die Zahl der Selbständigen mit Migrationshintergrund um 20 Prozent erhöht.

Necdet Özcan hat bei seiner Geschäftsgründung auch gleich die alte Heimat im Blick gehabt. Der studierte Vertriebsingenieur handelt mit der Türkei. Sein Unternehmen begann als Ein-Mann-Betrieb, er lieferte Ersatzteile aus Deutschland in die Türkei. Heute hat er zehn Mitarbeiter, sein Vertrieb steht im Herner Stadtteil Wanne. Die meisten Angestellten sind türkische Migranten der zweiten und dritten Generation. "Die türkischen Kunden freuen sich über Ansprechpartner, die die gleiche Sprache sprechen", erklärt Özcan. Die deutschen Partnerfirmen wiederum schätzen die Kontakte des Unternehmers in die Türkei. "Mein Sohn macht gerade seinen Master als Vertriebsingenieur, dann steigt er ins Unternehmen ein."

Beschäftigungsmotoren im Strukturwandel

Ein türkischer Restaurant-Besitzer schneidet in Köln Fleisch von einem Dönerspieß. Foto: Oliver Berg (dpa)

Erste Gründungswelle: Dönerbuden und Gemüseläden

Türkische Betriebe sind längst zu Beschäftigungsmotoren im Strukturwandel geworden. "Die Zahl der Migranten, die sich selbständig machen, ist 1,3 mal so hoch wie die der Deutschstämmigen. Das ist etwas, worauf das Ruhrgebiet aufbauen kann. Das ist eine Zukunft", ist Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien überzeugt. Große ausländische Investoren, die viele neue Arbeitsplätze schafften, das habe die Erfahrung gezeigt, seien nur schwer in die Region zu locken. Die kleineren einheimischen Gründungen seien daher erst recht bedeutsam.

Schutz vor der Schrumpfung

Das Ruhrgebiet verlor im Strukturwandel aber nicht nur Industrie und Arbeitsplätze. Es verlor auch Menschen, es schrumpfte von 1961 bis heute um eine gute halbe Million Einwohner. Das ist etwa so viel wie die Einwohnerzahl von Duisburg. "Rund ein Drittel des Verlustes wurde aber durch die zugezogenen Türken wieder wettgemacht", so Yunus Ulusoy. Knapp acht Prozent der Ruhrgebietsbevölkerung ist türkischstämmig. "Da kann man sich vorstellen, wie es im Ruhrgebiet aussähe, gäbe es die Türken nicht." Die Türken seien außerdem im Schnitt jünger und damit auch konsumfreudiger als die deutschstämmige Bevölkerung und werden dadurch für die Wirtschaft immer wichtiger.

Muzaffar Oruc, Vorsitzender des Integrationsrates Herne Foto: DW-Archiv

Muzaffar Oruc, Vorsitzender des Integrationsrates

Yunus Ulusoy, Necdet Özcan und Muzaffar Oruc, drei Deutsch-Türken der zweiten Generation, aufgewachsen in Herne. Sie alle haben studiert und Karriere gemacht. "Doch damit", so der Integrationsratsvorsitzende Oruc, "sind wir Ausnahmen." Die fehlende Bildung ist für die türkischen Migranten immer noch der größte Hemmschuh, auch im Ruhrgebiet. "Diese zweite Generation schafft es kaum, die Defizite der meist gering gebildeten Zugewanderten aus den Zeiten der Gastarbeiteranwerbung auszugleichen", konstatiert das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Zehn Prozent der jungen türkischen Migranten haben keinen Schulabschluss. Das ist sieben mal mehr als bei den Einheimischen. Und diejenigen, die eine gute Bildung in Deutschland durchlaufen haben, gehen immer häufiger in die Türkei, wo die Wirtschaft boomt. "Die muss man natürlich auch hier halten", schimpft Muzaffar Oruc über die Entwicklung. Mehr Bildung für die Migranten in Herne, das steht ganz oben auf seiner  Agenda.

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