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Europa

Neue Heimat: Flüchtlingsheim Palermo

Flüchtlinge aus Afrika leben in großer Zahl in Italien. Viele suchen Arbeit und wollen weiter nach Norden. Thambo und Mamadou träumen in Palermo auf Sizilien von einem besseren Leben.

Flüchtling Thambo vor dem Flüchtlingsheim in Palermo (Foto: DW/Riegert)

Monatelange Flucht nach Sizilien: Thambo

"20 Stunden war ich auf dem Meer. 20 Stunden! Wasser lief in das Boot. Die Seenotretter kamen. Sie gaben uns Schwimmwesten und holten mich heraus. Jetzt bin ich glücklich, weil diese Helfer mein Leben gerettet haben." So schildert der 18 Jahre alte Flüchtling Thambo aus Mali seine Rettung durch die italienische Marine irgendwo in internationalen Gewässern zwischen Libyen und Sizilien. Das war im Juni. Jetzt lebt Thambo mit 37 weiteren jungen Afrikanern in einem Flüchtlingsheim der katholischen Hilfsorganisation Caritas in einem Vorort der sizilianischen Stadt Palermo.

Als er vom Aufnahmelager an der Küste hierher kam, hatte er nichts mehr. Inzwischen hat er aus Spenden wieder Kleidung und vor allem ein altes Mobiltelefon und Kopfhörer. Er kann Musik hören, per W-LAN im Flüchtlingsheim ins Internet. Telefonieren über das Mobilfunknetz kann Thambo nicht. Das wäre zu teuer. Aber er kann Freunden und seiner Mutter Nachrichten per "WhatsApp" schreiben. "Ich habe noch meine Mutter. Mein Vater ist gestorben, aber ich kann Kontakt zu meiner Mutter aufnehmen. Ich bin nicht verheiratet wie andere hier. Ich habe nur meine Mutter in Afrika zurückgelassen."

Ein langer Gang mit Türen zu beiden Seiten. (Foto: DW/Riegert)

Blick in das Flüchtlingsaufnahmelager der Caritas in Palermo. Aktuell wohnen 38 Flüchtlinge aus Afrika hier.

"Die Flüchtlinge steigen weiter in die Boote"

Thambo erzählt, er sei aus Mali durch die Wüste bis nach Libyen an die Küste gelangt. Unterwegs wurde ihr Sammeltaxi überfallen. Mitreisende wurden erschossen. In Libyen hat er gearbeitet, wurde aber von Arabern oft verprügelt. Irgendwie geriet er an einen Schleuser, der ihm einen Platz in einem alten Holzkahn verkaufte. In Europa, in Italien würde es schon besser werden, glaubte Thambo.

Ähnliche Fluchtgeschichten erzählen viele der jungen Männer in Palermo, auch Mamadou, der auch aus Mali stammt. Der 24-jährige Bauer wurde ebenfalls im Juni von der italienischen Marine im Rahmen der Operation "Mare Nostrum" aus dem Meer gefischt. Auf seinem überfüllten Fischerboot waren 115 Menschen. Nach zwei Tagen hatten sie kein Wasser und kein Essen mehr. Das Boot schlug leck, erzählt Mamadou. Nur wenige Stunden, bevor es gesunken wäre, kamen die italienischen Retter. "Ich habe gehört, dass sie "Mare Nostrum" stoppen wollen. Das ist ein großes Desaster. Auch wenn sie die Operation beenden, werden die Leute es trotzdem versuchen. Wenn sie nicht gerettet werden, werden die Boote kentern. Die Boote sind nicht besonders stabil. Sie werden nach zwei, drei Tagen untergehen", sagt Mamadou.

Flüchtling Mamadou. Im Hintergrund hängt ein Jesuskreuz an der Wand. (Foto: DW/Riegert)

Für Flüchtling Mamadou ist Deutschland das Traumland

Auch Mamadou gibt an, durch die Wüste nach Libyen geflohen zu sein. Dort habe er ein Jahr gearbeitet, aber auch im Gefängnis gesessen. Eines Tages sei er nachts auf ein Boot gebracht worden. In Mali sollte er sich Rebellen anschließen, konnte aber fliehen. "Ich bin weggelaufen, weil es in meinem Land eine Revolution gab, besonders in der Region, aus der ich komme. Eines Tages haben sie unser Dorf angegriffen. Sie nahmen uns mit in den Busch. Wir sollten für sie gegen die Regierungstruppen kämpfen." Mamadou hat noch zwei Brüder und zwei Schwestern. Was aus ihnen geworden ist, weiß er nicht genau.

Warten in Palermo

In Palermo heißt es für die Flüchtlinge abwarten. Sie müssen vor einer staatlichen Asyl-Kommission aussagen. Dann wird es bis zu einem Jahr dauern, bis über den Asylantrag entschieden ist, sagt Francesco Vizzini von der Caritas. Die jungen Afrikaner im Heim können in die Stadt gehen, wenn sie wollen. Einigen gelingt es, sich einen kleinen Hilfsjob zu suchen oder sich als Tagelöhner zu verdingen. Einige arbeiten stundenweise im Garten des Flüchtlingsheims.

Die Flüchtlinge sind in einem ehemaligen Altersheim untergebracht. Im Erdgeschoss unter ihnen leben noch Pflegebedürftige, die von katholischen Nonnen betreut werden. Die Nachbarin von gegenüber winkt freundlich von ihrem Balkon den Flüchtlingen zu. Sie hat sich allerdings auch schon über den Lärm beschwert, den die jungen Afrikaner beim Tischfußball auf der Terrasse machen. Das laute "Klack, Klack" der Bälle nervt. Deshalb hat die Caritas für die Asylbewerber eine Mittagsruhe eingeführt. Morgens ist ein Italienisch-Kurs angesetzt. Es fällt einigen noch schwer, die neue Sprache des Gastlandes zu lernen. Sie schlafen lange, schauen Fernsehen im Gemeinschaftsraum. Ansonsten heißt es in den drei bis fünf Bett-Zimmern vor allem: Warten.

Italienisch-Kurs für Flüchtlinge in Palermo, Italien (Foto: DW/Riegert)

Italienisch für Flüchtlinge: Jeden Morgen soll gepaukt werden

Thambo will lieber arbeiten: "Es ist besser, wenn man Dokumente hat und arbeitet. Es ist nicht gut, nur rumzusitzen." Mamadou will weiter nach Norden. Er hat gehört, da könne man arbeiten. Sein Traumland sagt er breit lächelnd sei Deutschland. Die Flüchtlinge dürfen die Stadt Palermo eigentlich nicht verlassen, so Francesco Vizzini von der Caritas. Trotzdem ziehen irgendwann viele weiter. Das wisse er aus anderen Lagern, die die Caritas in der Region betreibt. Christopher Hein vom italienischen Flüchtlingsrat in Rom bestätigt, dass das italienische Flüchtlingssystem mit den über 100.000 Menschen, die die Operation "Mare Nostrum", in einem Jahr gerettet hat, überfordert ist.

Die Flüchtlinge aus Afrika oder Syrien wollen weiter nach Norden, zu Verwandten oder weil sie sich Arbeitsstellen erhoffen. "Wir sehen eine zweite Bewegung aus Süditalien in Richtung Österreich, Schweiz, Deutschland, Niederlande, Schweden. Innerhalb der Europäischen Union versuchen die Menschen, in ein anderes Land zu gelangen. Sie müssen erneut auf illegalem Weg reisen und häufig wieder Geld an Schmuggler und Schleuser zahlen", so Christopher Hein. Nach den in der EU geltenden sogenannten "Dublin-Regeln" müssen die Flüchtlinge eigentlich in dem Land bleiben, in dem sie die EU zuerst betreten haben.

Pater Sergio spricht mit zwei Flüchtlingen. (Foto: DW/Riegert)

Pater Sergio (links): Sie nennen mich Vater

Pater Sergio will weiter helfen

Italien wird seine Rettungsoperation "Mare Nostrum" auslaufen lassen. Seit dem 01. November ist ergänzend die

Operation "Triton"

gestartet, die von der EU-Grenzschutzagentur Frontex organisiert wird, aber unter italienischem Oberbefehl steht. "Triton" soll anders als "Mare Nostrum" nur nahe an den italienischen Küsten aktiv sein und illegale Einreisen verhindern. Das kritisiert Pater Sergio Mattaliano. Er ist der Direktor der Caritas in Palermo.

"Die Operation Triton ist wahrscheinlich gut darin, die Küste zu überwachen und Europa abzuschotten. Das Ziel ist ja nicht Leben zu retten, sondern Europa abzuriegeln." Pater Sergio will helfen. Die 38 jungen Afrikaner in seinem Heim sind ihm ans Herz gewachsen. Sie vertrauen dem katholischen Geistlichen. Dass sie zum größten Teil Muslime sind, spielt keine Rolle. "Ich bin so eine Art Vater für sie. Mit mir sehen sie eine Möglichkeit, ihre Verletzungen zu verarbeiten. In Sizilien, in Italien sehen sie eine Möglichkeit, ihren Traum zu verwirklichen und gut behandelt zu werden."

Der Flüchtling Thambo umarmt den Pater herzlich, legt ihm die Arme auf die Schulter. Pater Sergio spricht ruhig und langsam auf ihn ein, auch wenn Thambo viele von den italienischen Sätzen nicht versteht. Wie es weitergehen wird, weiß er nicht so recht. Er lässt die Dinge auf sich zukommen. "Na ja, jetzt bin ich erst einmal hier. So ist das Leben eben. Vorher hatte ich ein anderes Leben, jetzt bleibe ich erst einmal in diesem Leben. Vielleicht kann ich morgen entscheiden, ob ich in Italien bleibe oder nach Deutschland. Ich werde sehen, was das Leben bringt." Als er hört, dass der Reporter in Palermo am Abend einfach in ein Flugzeug steigen und nach Norden fliegen wird, wird Thambo sehr schweigsam. Für ihn bleibt das ein Traum.

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