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Kultur

Neue Heimat Deutschland

Heute ist Deutschland mit der Flüchtlingsaufnahme vertraut. Doch vor 25 Jahren war das anders: Am 3. Dezember 1978 kamen vietnamesische "Boat People" hier an: die erste große nicht-europäische Flüchtlingsgruppe.

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"Boat People" auf der Flucht

Die Irrfahrt des abwrackreifen Frachters dauert zwei Monate. An Bord der Hai Hong sind 2500 vietnamesische Flüchtlinge - so genannte "Boat People". Vergeblich sucht der Kapitän eine Anlaufstelle in den umliegenden südostasiatischen Ländern gesucht. Denn dort leben schon mehr als 60.000 Flüchtlinge in Lagern.

Der Massen-Exodus ist eine Folge des kommunistischen Siegs im Vietnam-Krieg. Eine Million Menschen hat das neue Regime aus ideologischen Gründen in "Umerziehungslager" gesteckt. 70 Prozent der Asylsuchenden gehören zur chinesischen Minderheit in Vietnam. Denn die traditionelle Dominanz der Chinesen im privatwirtschaftlichen Sektor passt nicht in die sozialistischen Visionen der Regierung. Viele Vietnam-Chinesen fliehen nach Südchina, andere sind so verzweifelt, dass ihnen nur die Flüchtlingsboote als Ausweg erscheinen.

TV-Bilder zeigen Wirkung

Malaysia und Thailand schicken viele Schiffe aufs Meer zurück, so dass vermutlich Tausende von Flüchtlingen umkommen. Die Fernsehbilder vom Elend auf der Hai Hong bringen schließlich den Durchbruch. Mehrere westliche Länder, darunter auch die Bundesrepublik, erklären sich bereit, die Vietnamesen aufzunehmen.

Am 3. Dezember 1978 treffen dann die ersten Flüchtlinge auf dem Flughafen Hannover ein. Dort begrüßt sie Ernst Albrecht. Der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen hat sich besonders für die Aufnahme der "Boat People" engagiert. "Wir wissen, was an Leid und was an Strapazen hinter Ihnen liegt", betont Albrecht. "Und wir können Ihnen nachfühlen, wie Ihnen jetzt zumute ist. Sie kommen jetzt in ein Land, in dem Sie frei leben können, ohne von irgend jemandem unterdrückt zu werden. Sie kommen in ein Land, in dem Frieden herrscht, und wir sind dankbar dafür, dass wir in Frieden leben dürfen."

Gelungene Integration

Insgesamt 35.000 Flüchtlinge aus Südostasien hat Deutschland 1978 und in den folgenden Jahren aufgenommen. Heute gehören sie sicher zu den am besten in Deutschland integrierten Ausländer-Gruppen. Aber das war damals noch nicht vorauszusehen.

Denn die "Boat People" waren die erste größere Gruppe von Einwanderern, die aus dem nicht-europäischen Ausland kamen. Viele waren skeptisch, ob sie wirklich nach Deutschland passten.

Kritische Presse, hilfsbereite Bevölkerung

"Zuflucht - keine Heimat" - stand 1978 und 1979, noch über den ersten Berichten. "Vietnamesen Land kaufen", titelte Anfang 1979 die "Kölnische Rundschau" und schrieb: "Die Vietnam-Flüchtlinge sollten nach Ansicht des CDU-Bundestagsabgeordneten Gerhard Reddemann in einem menschenleeren Territorium in Asien angesiedelt werden, das von den Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft gemeinsam zu pachten sei."

In der Bevölkerung hingegen überwog die spontane Hilfsbereitschaft. Die Bilder der ersten vietnamesischen Kinder unter deutschen Weihnachtsbäumen 1978 bewegten viele. Zwei Kölner Firmen stifteten eintausend Evakuierungsflüge für Vietnamesen. In Köln, wie in vielen anderen Städten auch, erklärten sich deutsche Familien bereit, Flüchtlinge in ihren Wohnungen aufzunehmen.