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Welt

Neue Haltung gegenüber Homosexuellen?

"Homosexuelle sollten nicht an den Rand gedrängt werden." Die Worte von Papst Franziskus sorgen für viel Aufsehen. Will er einen neuen Umgang mit Homosexuellen oder ist es ein Missverständnis?

Papst Franziskus winkt Gläubigen zu(REUTERS/Ueslei Marcelino)

Rio de Janeiro, Brasilien Papst Franziskus Vigil 27.07.2013

"Homosexuelle sollten nicht an den Rand gedrängt werden", sagte Franziskus auf seinem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien nach Rom. Die Homosexuellen müssten vielmehr in die Gesellschaft integriert werden, so der Papst, der überraschend die mitreisenden Journalisten im hinteren Teil des Flugzeugs besuchte. "Wenn jemand homosexuell ist und den Herrn sucht, wer bin ich, über ihn zu urteilen?"

Ein Kurswechsel?

Papst Benedikt XVI. mit ausgebreiteten Armen auf einem Balkon (Foto: VINCENZO PINTO/AFP/Getty Images)

Unnachgiebige Haltung beim Thema Homosexualität: Papst Benedikt XVI.

Kurz darauf meldeten Medien weltweit: "Papst warnt vor Diskriminierung von Homosexuellen." Ein Sprecher der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche" sprach von einem "Kurswechsel". Besonders für homosexuelle Priester seien die Papstworte ein Hoffnungszeichen, sagte Christian Weiser der Nachrichtenagentur epd. Papst Benedikt XVI. hatte 2005 ein Vatikan-Dokument über den Umgang mit homosexuellen Priesteramtskandidaten gebilligt. In dem Papier würden "tiefsitzende homosexuelle Tendenzen" als "objektiv ungeordnet" bezeichnet und praktizierende Homosexuelle von der Weihe ausgeschlossen, schrieb epd.

Einen Kurswechsel der katholischen Kirche sieht der ehemalige Priester Peter Priller jedoch nicht. "Ich kann den großen Jubel, den ich zum Teil bei Facebook und anderen lese, nicht wirklich teilen", sagte er der Deutschen Welle. Priller hatte sich 1995 zu seiner Homosexualität und seinem damaligen Lebenspartner bekannt - der Vatikan suspendierte ihn daraufhin vom Dienst und schloss ihn aus der katholischen Kirche aus. Die Aussagen des Papstes seien nicht neu, sagt Priller. Eine Einschätzung, die auch der Theologe Martin Kirschner vertritt: "In der Sache hat er sich auf den Katechismus bezogen. Das ist im Grunde die kirchliche Lehre, die er wiederholt."

Kirschner sieht neuen Kommunikationsstil

Dr. Martin Kirschner, Religionsexperte an der Universität Tübingen (Foto: privat)

Dr. Martin Kirschner, Religionsexperte an der Universität Tübingen

Kirschner, der an der Universität Tübingen lehrt, sieht aber dennoch eine Neuerung im Pontifikat von Franziskus - wenn auch an anderer Stelle. "Was ich entscheidend finde bei den Äußerungen des Papsts, ist die radikale Wende im Stil, die er vollzieht: Wie er etwas sagt, wie er anfängt, auf Menschen zuzugehen." Bislang sei in der katholischen Sexualmoral sehr viel über Menschen gesprochen worden, erläutert Kirschner. Stattdessen müsse zu den Menschen gesprochen werden, um in einen Dialog zu treten. So könne die gute Botschaft des Evangeliums neu erschlossen werden.

Das ist dem ehemaligen Priester Priller zu wenig. Er will mehr als einen geänderten Kommunikationsstil in der katholischen Kirche, an dessen Ende nahezu dieselbe Botschaft stehe: "Das Grundproblem bleibt: Nämlich diese seltsame Aktion der römischen Kirche, dass jede Form der Sexualität außerhalb der Ehe Sünde sei." Damit sei auch Homosexualität verboten, fährt Priller fort. Die Kirche müsse zu einer neuen Sexuallehre führen. "Die strikte Anbindung an die Ehe entspricht nicht der biologischen Wirklichkeit."

Nur ein Missverständnis?

Kirchenportal mit bunter Flagge (Foto: icholakov)

Kirche und Homosexualität: Beobachter sehen allenfalls einen neuen Kommunikationsstil

Aber warum sprach Franziskus dann über Homosexualität, wenn die katholische Sexualmoral im Kern nicht angetastet werden soll? Theologe Kirschner hat dafür eine Erklärung. In der jüngeren Vergangenheit hatten Medien über eine "Homosexuellen-Lobby" im Vatikan berichtet, die Druck auf den Papst ausüben wolle. Darauf sei Franziskus auf dem Rückflug nach Rom angesprochen worden und der Papst habe klar gemacht, dass er solche "Seilschaften" ablehne, so Kirschner. Das hätte man als Zungenschlag gegen Homosexualität allgemein oder homosexuelle Priester verstehen können. "Und da hat er deutlich betont, dass das nicht so gemeint ist."

Neuregelung für wiederverheiratete Geschiedene?

In einem anderen Streitpunkt zeigte sich Franziskus in seinem Gespräch mit den Journalisten jedoch kompromissbereit. In der Frage des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen signalisierte der Papst Interesse an einer Überwindung der derzeitigen Regelungen, die diese Personengruppe von der Kommunion ausschließen. Er verwies dabei auf die Praxis der orthodoxen Kirchen, nach der eine zweite Eheschließung möglich ist. Das von ihm ernannte Beratungsgremium aus acht Kardinälen wird sich laut Franziskus Anfang Oktober mit dem Thema befassen. "Ich glaube, wir leben in einer Zeit der Gnade", sagte er.

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