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Europa

Neue Grenzkontrollen zwischen Dänemark und Schweden

Die Bahnfahrt von Kopenhagen ins schwedische Malmö dauerte bisher 34 Minuten. Wegen des Flüchtlingsstroms werden Grenzkontrollen eingeführt, was die Fahrtzeit mehr als verdoppelt. Von Malcolm Brabant, Kopenhagen.

Michael Randropp steht auf dem Bahnsteig am Bahnhof des Kopenhagener Flughafens Kastrup. Er fährt regelmäßig nach Malmö und ist einer von rund 15.000 Pendlern, die in der Öresund-Grenzregion täglich unterwegs sind. Randropp verzieht den Mund und zeigt auf den brusthohen Zaun, der zwei Gleise voneinander trennt: "Für Pendler ist dieser Zaun der neue Eiserne Vorhang - oder wahlweise auch die neue Berliner Mauer."

Der Zaun soll Flüchtlinge davon abhalten, über die Gleise zu verschwinden, wenn sie nach ihren Ausweispapieren gefragt werden. Viele Flüchtlinge, die hier an der letzten Station vor Schweden ankommen, haben keine. Würden sie noch in Dänemark kontrolliert und registriert, müssten sie aufgrund der Dubliner Abkommen in Dänemark bleiben. Doch viele wollen weiter nach Schweden.

Tausende Pendler betroffen

Das wird bald nicht mehr so einfach sein: Die schwedische Regierung führt ab dem 4. Januar wieder Grenzkontrollen ein. Alle Züge, die aus Kopenhagen kommen, werden dann am Kastruper Bahnhof halten, die Passagiere müssen aussteigen und ihre Ausweise vorzeigen - erst dann geht es weiter. Das kann bis zu 45 Minuten dauern.

Michael Randropp in Kopenhagen-Kastrup (Foto: DW/M. Brabant)

Pendler Michael Randropp ärgert sich über die Kontrollen

Die neuen Grenzkontrollen werden der Öresund-Region rund um die Meerenge zwischen Dänemark und Kopenhagen schaden, da ist sich Pendler Michael Randropp sicher. Durch die Nähe zur dänischen Hauptstadt Kopenhagen und zur drittgrößten Stadt Schwedens Malmö ist hier ein aufstrebendes Wirtschaftsregion entstanden, die als das angehende Silicon Valley Skandinaviens gilt. Verbunden werden die beiden Städte durch die fast acht Kilometer lange Öresund-Brücke, auf der sowohl Züge als auch Autos verkehren.

Schweden schließt die Türen

Die Einführung der Kontrollen bedeutet eine Kehrtwende in der bisherigen schwedischen "Politik der offenen Tür". Gemessen an seiner Einwohnerzahl hat Schweden 2015 mehr Flüchtlinge aufgenommen als Deutschland. Erwartet hatte das 9,5 Millionen-Einwohnerland im vergangenen Jahr rund 100.000 Neuankömmlinge - Ende des Jahres waren es dann fast doppelt so viele.

Das Land steht unter Druck

und kann vielerorts nicht mehr ausreichend Unterbringungsmöglichkeiten bereitstellen. Im November 2015 sagte Premierminister Stefan Löfven, die Großzügigkeit seines Landes sei "naiv" gewesen.

Tausende Flüchtlinge sind direkt nach ihrer Registrierung untergetaucht. Das ist ein großes Problem für Schweden. Nach Angaben der schwedischen Ausländerbehörde hatten 80 Prozent der Asylsuchenden, die im Jahr 2015 in Schweden ankamen, keinen Reisepass. 60 Prozent haben den Behörden bis heute keinerlei offizielles Identifizierungsdokument vorgelegt.

Polizeikontrolle im Zug von Kopenhagen nach Malmö (Foto: DW/M. Brabant)

Auch innerhalb der Züge patroulliert die Polizei seit Beginn der Flüchtlingskrise

Die schwedische Polizei und der Staatsschutz haben die Regierung deswegen sogar vor einem potentiellen Risiko für das Land gewarnt. "Vielleicht war es einfach schwierig für uns zu akzeptieren, dass unter uns auch Menschen sind, die mit den Mördern des Islamischen Staats sympathisieren", sagte Premierminister Löfven daraufhin.

Dänemark ist sauer

Dänemarks Regierungschef Lars Løkke Rasmussen befürchtet, dass durch die Grenzkontrollen jetzt mehr Flüchtlinge in Dänemark Asyl beantragen werden. Das sind keine guten Nachrichten für ihn. Denn Rasmussen steht unter großem Druck von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und für die Schließung der dänischen Grenzen ausspricht. Die Partei ist die zweitstärkste Kraft im dänischen Parlament und unterstützt die Minderheitsregierung von Rasmussens Liberaler Partei.

Und die schwedischen Grenzkontrollen verärgern die Dänen aus noch einem weiteren Grund: Ministerpräsident Ramussen ist besorgt, dass jahrelange Investitionszahlungen gefährdet sein könnten. "Es ist eine sehr unglückliche Situation", so Rasmussen. "Wir haben Milliarden ausgegeben, um die Infrastruktur in der Öresund-Region aufzubauen und Millionen, um Kopenhagen und Malmö als eine einheitliche Metropole voranzutreiben."

Werden weitere Länder Grenzen schließen?

Der dänische Migrationsforscher Joakim Ruist von der Göteborger Universität glaubt, dass viele Länder dem schwedischen Beispiel folgen werden: "Ich denke die Kontrollen werden einen Schneeballeffekt auslösen“, so der Forscher in der dänischen Tageszeitung "Kristeligt Dagblad".

Doch der Forscher sieht dies keinesfalls negativ. Im Gegenteil: "Letztendlich könnten die Kontrollen zu einem allgemeinem Wandel in der Asylpolitik Europas führen, zu einem humaneren Umgang mit Flüchtlingen." Mit den Grenzkontrollen könne man Flüchtlingen eine "sichere Fluchtroute bieten", so Ruist weiter und sie "direkt an der Grenze in die Nachbarländer verteilen".

Domino-Effekt in Europa

Das sieht Lisa Pelling, Forscherin beim linksorientierten Think Tank "Arena Idea" ganz anders. Mehr Grenzkontrollen innerhalb Europas würden letztlich syrische Flüchtlinge im Kriegsgebiet einsperren, sagt Pelling: "Es wird so etwas wie einen Domino-Effekt geben: Kurzfristig werden alle EU-Länder die Grenzen schließen, bis hin zur türkischen Grenze." Das, so Pelling, würde "das Massaker" in Syrien nur noch verschlimmern, weil die Menschen nicht mehr nach Europa kommen könnten.

Passagier Ture Ertmann im Zug von Kopenhagen nach Malmö (Foto: DW/M. Brabant)

Mehr als doppelt so lang unterwegs: Ture Erdmann überlegt umzuziehen

Zurück auf der Öresund-Strecke, wo Skandinavier zum ersten Mal seit 53 Jahren wieder ihren Pass vorzeigen werden müssen: Ture Erdmann nimmt einen der letzten Züge, der noch ohne Kontrolle über die Grenze rollt. Der Däne lebt seit zwanzig Jahren in Schweden. Er ist Personalleiter bei einer dänischen Schuhfirma.

Seit die Grenzkontrollen bekannt geworden sind, hat er sich viele Gedanken über die Auswirkungen gemacht: "Wir überlegen, ob wir weiterhin in Malmö leben oder doch nach Dänemark umziehen sollen." Er müsse seine zwei Kinder täglich von der Schule abholen und dann noch einkaufen gehen. "Wie soll das alles funktionieren, wenn wir jetzt eine Stunde länger brauchen?", fragt sich der Familienvater.

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