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Afrika

Neue Gewalt im Ostkongo

Neue Kämpfe, dutzende Tote: Im Ostkongo nimmt die Gewalt wieder zu. Die Bevölkerung greift zu den Waffen. Eine wichtige Rolle spielt die Hutu-Miliz FDLR. Das Militär ist machtlos.

Wie viele Opfer es gegeben hat - noch immer weiß das niemand. Vertreter der Zivilgesellschaft gehen davon aus, dass die jüngsten Kämpfe im Bezirk Lubero am letzten Sonntag mindestens 30 Menschen das Leben gekostet haben. Die Behörden sprechen von 15 bis 30 Opfern. Polizei oder Militär waren während des Angriffs nicht präsent, daher gibt es keine verlässlichen Zahlen. Klar ist: Die Gewalt zwischen Milizen der Nande und der Hutu, der größten Ethnien in der kongolesischen Provinz Nordkivu, wächst. Die bewaffneten Übergriffe haben zugenommen, seit bei einem Überfall auf das Dorf Miriki in der Nacht zum 7. Januar mindestens 16 Nande getötet wurden.

Am Dienstag besuchte Nordkivus Gouverneur Julien Paluku Miriki, um zwischen den Bevölkerungsgruppen zu vermitteln. Paluku - selbst ein Nande - kam in Begleitung von Kongos Entwicklungsminister Eugène Serufuli, einem Hutu. Für Gouverneur Paluku ist die Gewalt ein Rückschritt. Er werde nicht zulassen, dass seine Provinz in die Zustände ethnischer Gewalt zurückgeworfen werde, wie sie Mitte der 1990er herrschten, sagte Paluku. Nach dem Völkermord in Ruanda 1994 flüchteten mehr als eine Million Menschen in den Kongo. Bewaffnete Gruppen formierten sich, mehrere Bürgerkriege waren die Folge. Seitdem operieren im Kongo immer noch dutzende Milizen.

Ein vielschichtiger Konflikt

Karte DR Kongo - Nord-Kivu

In der Provinz Nordkivu nimmt die Gewalt wieder zu.

Kongos Armee bietet der Bevölkerung keinen Schutz - auch nicht bei den jüngsten Angriffen: "Vielleicht war all dies möglich, weil unsere Armee in dieser Gegend kaum präsent war", sagte Paluku bei seinem Besuch in Miriki. "Heute hat Präsident Joseph Kabila erklärt, dass die Armee in alle Gebiete vordringen und euch alle schützen soll. Die Armee gehört keiner Ethnie an."

Die Lage ist diffus. Laut offiziellen Angaben bekämpfen sich in Lubero kongolesische Bürgermilizen und Rebellen der ruandischen Hutu-Miliz FDLR ("Demokratische Kräfte für die Befreiung Ruandas"). Doch die Kämpfer tragen keine Uniformen, so dass sie sich nur schwer voneinander und von der Zivilbevölkerung unterscheiden lassen.

Kompliziert wird es auch deswegen, weil die Hutu-Bevölkerung im Kongo sehr gemischt ist. "Man muss unterscheiden zwischen den Ruandern, die die FDLR stellen und den ruandischen Flüchtlingen, die nach dem Völkermord von 1994 nicht in ihr Heimatland zurückgekehrt sind", sagt Christoph Vogel, Kongo-Experte und Politikwissenschaftler an der Universität Zürich, "außerdem gibt es auch kongolesische Hutu." Diese hätten zum Teil ihre eigenen Milizen, die aber nicht unbedingt mit der FDLR zusammenarbeiten würden.

Die Folgen der Operation Sukula

Die Kämpfe in Lubero sind auch die Folge einer gescheiterten Militärstrategie gegen die FDLR. Im November 2015 begann die kongolesische Armee die "Operation Sukula" gegen die Miliz. Das Militär konnte die Miliz aus mehreren wichtigen Stellungen vertreiben. Doch die FDLR-Kämpfer flüchteten in das Gebiet im Süden des Bezirks Lubero - abseits der Armeestützpunkte - und organisierten sich neu. "Zum Teil reden wir jetzt von kleinen Einheiten von fünf bis sieben Kämpfern, die sehr mobil sind, dabei aber ihre Kommunikation aufrechterhalten", sagt Politikwissenschaftler Christoph Vogel.

Bevölkerung in Mitri nach den FDLR-Angriffen.

Die Bevölkerung ist dem Milizen-Terror schutzlos ausgeliefert.

Gegen die Rebellen-Kämpfer organisiert sich die Bevölkerung zunehmend selbst. Junge Menschen von der Ethnie der Nande bildeten die Miliz UPDI ("Bund der Patrioten für die Verteidigung der Unschuldigen"), auch zivile Hutu griffen zu den Waffen, sagt Kongo-Experte Vogel. Die Armee sei in diesen abgelegenen Gebieten keine große Hilfe, sagen Vertreter der Zivilgesellschaft. "Seit Beginn der Operation erleben wir eine humanitäre Katastrophe", sagt Jean-Claude Bambanze, Sprecher einer Vereinigung zivilgesellschaftlicher Gruppen in Rutshuru. Viele Menschen seien auf der Flucht. Die Verantwortlichen für die Militär-Aktion hätten nicht darauf geachtet, diese Nebeneffekte vorherzusehen, sagt Bambanze: "Die Zivilbevölkerung zahlt jetzt den Preis."

Kriminalität wächst

In diesem Klima der generellen Unsicherheit nehmen die Überfälle auf der wichtigen Verbindungsstrecke zwischen den Städten Goma und Butembo zu. Die Angreifer beschränken sich aber nicht darauf, die Besitztümer und Handelsgüter der Reisenden zu erbeuten. Die neue Strategie sind Lösegelderpressungen. "Das ist ein richtiges Geschäftsmodell geworden", sagt Bambanze. Und er äußert einen weit verbreiteten Verdacht: "Es heißt, dass Regierungssoldaten an diesen Aktionen beteiligt sind." Darauf deute etwa die Tatsache, dass die meisten Entführungen in der Nähe von Militärstützpunkten aufträten.

Mitarbeit: John Kanyunyu