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Asien

Neue Friedenschance für Afghanistan?

Welche Aussichten ergeben sich nach dem Tod von Bin Laden? Welche Bedeutung hat die geplante internationale Bonner Afghanistankonferenz? In Berlin diskutierten Experten über mögliche Lösungen der Konflikte am Hindukusch.

Afghanen fliehen vor einem Bombenanschlag (Foto: AP)

Noch herrscht Gewalt: Bombenanschlag in Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans

Für den pakistanischen Taliban-Kenner Ahmad Rashid ist die Welt nach dem Tod von Bin Laden eine andere. Vor allem, weil das fast zwei Jahrzehnte alte Bündnis zwischen dem Talibanführer Mullah Omar und dem kürzlich getöteten Chef der Terrororganisation Al-Kaida nicht mehr existiert. Es sei nun wahrscheinlicher, dass die Friedensgespräche mit den Taliban zu einem guten Ergebnis führen werden, sagte Rashid auf einer Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin zum Thema "Afghanistan auf dem Weg nach Bonn: Auswirkungen auf eine Region im Wandel". Die internationale Gemeinschaft könne jetzt klarer zwischen Taliban und der Terrororganisation Al-Kaida unterscheiden. "Die Taliban sind eine nationale Bewegung mit einer nationalen Agenda, die Al-Kaida hingegen eine internationale Terrororganisation mit globalen Interessen", erklärte der Terrorexperte in Berlin.

Direkte Gespräche mit allen Beteiligten

Portrait Ahmed Rashid, pakistanischer Journalist und Autor (Foto: DW/Arif Fahramand)

Ahmad Rashid, pakistanischer Journalist und Autor

Auffallend war, dass Rashid sich nicht zu den Verbindungen zwischen den Taliban und Teilen der pakistanischen Regierung und Gesellschaft äußerte. Rashid selbst hatte jedoch in seinem ersten Buch über die Taliban dargelegt, wie sehr Islamabad, aber auch islamistische Netzwerke in Pakistan, die selbst ernannten Gotteskrieger in Afghanistan Anfang der 90er Jahre unterstützt haben. Auch heute dient Pakistan den afghanischen Taliban als Rückzugsgebiet. Viele Afghanen sehen daher in den Talibankriegern bezahlte Söldner im Dienste des Nachbarstaates.

Rashid sprach dennoch von einer neuen Chance für den Frieden in Afghanistan. Allerdings müsse noch vieles geklärt werden. "Die Taliban sind zum Beispiel gegen eine dauerhafte Stationierung von amerikanischen Soldaten in Afghanistan", sagte er. "Um zu klären, was beide Seiten bei Friedensgesprächen verlangen, muss es endlich direkte Gespräche zwischen den USA und den Taliban geben". Auch für den Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan, Michael Steiner, gibt es keine Alternative zu einer politischen Lösung in Afghanistan. "Ziel muss sein, den innerafghanischen Friedensprozess in Gang zu bringen und alle Konfliktparteien an einen Tisch zu bekommen. Bin Ladens Tod kann hier neue Möglichkeit eröffnen."

Politische Lösung finden

Michael Steiner, deutscher Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan (Foto: AP)

Michael Steiner, deutscher Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan

Bei den Gesprächen mit den Taliban müsse ganz klar sein, dass es nicht nur um Vereinbarungen zwischen Präsident Hamid Karsai und den Taliban gehe, sondern um Gespräche mit allen Seiten, bekräftigte Thomas Ruttig, Co-Direktor des unabhängigen Thinktanks Afghanistan Analyst Network. "Das heißt, die verschiedenen Volksgruppen in Afghanistan müssen an diesen Gesprächen genauso beteiligt sein, wie die Frauenverbände oder die zivile Gesellschaft des Landes". Ruttig bezeichnete Friedensverhandlungen mit den Taliban als "dringend geboten". Sonderbotschafter Steiner erklärte, dass gerade jetzt rasches Handeln erforderlich sei: "Es gibt zurzeit einen internationalen Konsens, dass der Konflikt in Afghanistan nicht allein militärisch zu lösen ist. Es muss eine politische Lösung geben." Wie diese Lösung aussehen könnte, soll auf der Internationalen Bonner Afghanistankonferenz am 5. Dezember in Deutschland diskutiert werden.

In Bonn beenden, was in Bonn begann

Die Weltgemeinschaft kommt nach einem Jahrzehnt wieder nach Bonn, um vielleicht zu beenden, was 2001 am Rhein besiegelt wurde: die Friedensmission in Afghanistan. Drei wichtige Themenfelder werden dort zur Debatte stehen: Versöhnung mit den Taliban, Übergabe der Sicherheitsverantwortung bis Ende 2014 an die afghanischen Behörden und glaubwürdige Zusagen, dass die Welt Afghanistan auch in Zukunft nicht allein lassen wird.

Teilnehmer der Internationalen Afghanistan-Konferenz 2001 in Bonn (Foto: AP)

Internationale Afghanistan-Konferenz 2001 in Bonn

Der Terrorexperte Rashid wies in Berlin darauf hin, dass die Taliban in Bonn mit am Verhandlungstisch sitzen müssen. Auch die Nachbarn Afghanistans, zum Beispiel Iran, sollten dabei sein, betonte er. Iran sei ein wichtiger regionaler Player und müsse berücksichtigt werden. Alle Nachbarn Afghanistans, darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig, haben ein objektives Interesse daran, dass dieses Land nicht im Chaos versinke. Zudem werde die Konferenz unter der Leitung der afghanischen Regierung stattfinden, Deutschland helfe nur als Gastgeber.

Einen Plan B gibt es nicht

Was aber, wenn die Verhandlungen mit den Taliban zu keinem Ergebnis führten. Wie sehe der Plan B aus, wurden die Diskutanten gefragt. Einen Plan B gebe es nicht, lautete ihre knappe Antwort. "Ich bin heute zuversichtlicher als vor einem Jahr, dass wir eine gute Lösung für die Beilegung des Konflikts in Afghanistan finden werden", resümierte Steiner. Auch Ahmad Rashid gab sich optimistisch: die Welt von heute sei schließlich nach dem Tod von Bin Laden eine ganz andere.

Autor: Ratbil Shamel
Redaktion: Ana Lehmann

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