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Ostmitteleuropa

Neue deutsche Pressekolonie?

– Immer mehr polnische Zeitungen gehören deutschen Verlagen

Posen, 26.10.2003, WPROST, poln.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom polnischen Kapital übernommen? Dazu noch die "Süddeutsche Zeitung", "Berliner Zeitung", "Berliner Morgenpost", oder der "Kölner Anzeiger?". In Deutschland ist das undenkbar. Aber das, was in Deutschland nicht möglich ist, wurde in Polen, Tschechien, Ungarn, in der Slowakei, in Serbien oder in Montenegro Tatsache.

"Das ist eine große Gefahr für den unabhängigen Journalismus und für die freien Gedanken. Das alte Monopolsystem der totalitären Staaten wurde in Osteuropa durch das Monopol des Fremdkapitals ersetzt," ist im Bericht der Europäischen Journalistenvereinigung zu lesen.

85 Prozent des Medienmarktes in Osteuropa wird durch ausländisches Kapital kontrolliert, darunter drei Viertel von deutschem Kapital. Die Deutschen kontrollierten bereits über die Hälfte des gesamten Pressemarktes. (...)

"Das ist sehr gefährlich, wenn die ausländischen Medien eine Monopolstellung auf dem Markt haben. Sie können versuchen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, besonders auf lokaler Ebene. Dies kann den freien Informationsfluss in unserem Land gefährden und auch dazu führen, dass in den Diskussionen über wichtige Angelegenheiten für Polen ausländische Subjekte die Rolle der Moderatoren übernehmen können", mahnt Stefan Bratkowski, Schriftsteller, Publizist und ehrenamtlicher Vorsitzender des Polnischen Journalistenverbandes. (...)

Von der "politischen Objektivität" der deutschen Verleger von Zeitungen konnte man sich bereits 1997 überzeugen: Nachdem in der nicht mehr auf dem Markt existierenden Zeitung "Zycie" sowie in der Regionalzeitung "Dziennik Baltycki" ein Artikel über gemeinsame Sommerferien des russischen Spions Wladimir Alganow und des polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski veröffentlicht worden war, machte der Eigentümer von "Dziennik Baltycki", d. h. der Konzern Passauer Neue Presse sofort einen Rückzieher. Der Geschäftsführer, Franz Hirtreiter, schreib damals einen Brief an den Präsidenten, der mit folgenden Worten endete: "Ich möchte Sie in aller Form um Entschuldigung bitten". Der Präsident nahm danach die Klage gegen "Dziennik Baltycki" zurück.

In Deutschland gilt das Prinzip "Was euch gehört, gehört auch uns, aber was uns gehört, geht euch nichts an." (...) Wird das deutsche Kapital in den Medien eine Ausnahme von dieser Regel machen und keine deutschen nationalen Interessen verfolgen? Bisher gibt es keine Beweise dafür.

Man kann sich freuen, wenn Fremdkapital nach Polen fließt, weil dies die Modernisierung der Wirtschaft bedeutet. Dies befreit jedoch weder die Regierung noch die politische Klasse davon, nationale Interessen zu schützen, und zwar mit einer breiten Zukunftsperspektive, die u. a. auch die Freiheit einer öffentlichen Diskussion garantiert. Die Vorherrschaft deutscher Konzerne auf dem Pressemarkt beschränkt jedoch diese Freiheit. Das deutsche Kapital überwiegt gleichzeitig bei den großen Werbeagenturen, was wiederum die Bekämpfung der Konkurrenz erleichtert. Der Einfluss der deutschen Konzerne auf die Medien wird von Jahr zu Jahr zunehmen, was sich später in eine effektive Lobby umsetzten wird, sowohl auf der Ebene der Selbstverwaltungen als auch im Parlament. (...)

Nachdem der norwegische Konzern Orkla zwei Breslauer Tageszeitungen ("Slowo Polskie" und "Wieczor Wroclawia") an den deutschen Konzern Passauer Neue Presse verkauft hatte, wandte sich der Polnische Journalistenverband an das Amt für den Schutz der Konkurrenz und der Verbraucher mit der Bitte um Untersuchung, ob es sich dabei um eine Monopolstellung handelt. In Wroclaw (Breslau) besitzt der Konzern Passauer Neue Presse bereits alle Tageszeitungen (mit Ausnahme der regionalen Beilage der Zeitung "Gazeta Wyborcza"). Ähnlich ist es in Poznan (Posen) (wo der Konzern die Zeitungen "Glos Wielkopolski" und "Gazeta Poznanska" kaufte), in Gdansk (Danzig) ("Dziennik Baltycki" und "Wieczor Wybrzeza"), Lodz ("Express IIlustrowany", "Dziennik Lodzki"), Katowice (Kattowitz) ("Dziennik Zachodni" und "Trybuna Slaska") und Krakow (Krakau) ("Dziennik Polski", "Gazeta Krakowska").

Der deutsche Konzern sicherte sich eine Monopolstellung in der Woiwodschaft Warmia-Mazury (Ermland und Masuren). 1998 kaufte Franz Xaver Hirtreiter, der ehemalige Geschäftsführer der Passauer Neuen Presse und jetzt Vorstandsberater dieser Firma, die Zeitung "Gazeta Olsztynska". Dann begann "Gazeta Olsztynska" zwölf Wochenzeitschriften in der Region Warmia und Mazury herauszugeben. Die Firma "Media", die auch zum Konzern Passauer Neue Presse gehört, hält die Monopolstellung beim Verkauf von Werbeflächen in den regionalen Zeitungen.

"Auf diese Weise hat eine einzige Firma den Printmedienmarkt in Nord-Ost Polen dominiert. Das ist eine sehr gefährliche Lage, in der die Freiheit des Wortes und die Freiheit einer öffentlichen Diskussion bedroht wird", sagt Krystyna Mokrosinska, Vorsitzende der Polnischen Journalistenvereinigung.

In die Stapfen des Konzerns Passauer Neue Presse tritt auch der Axel-Springer-Verlag, der schon die Wochenzeitschrift "Newsweek", sechs Frauenzeitschriften (...), zwei Jugendzeitschriften und drei Autozeitschriften herausgibt. Ferner werden vom Axel-Springer-Verlag auch acht Computer-Zeitschriften und eine Wirtschaftszeitung herausgegeben. Seit dem 22. Oktober 2003 erscheint eine gesamtpolnische Zeitung des Axel-Springer-Verlages, die "Fakt" heißt.

Der "Bauer-Konzern" gibt zur Zeit 30 Zeitschriften in Polen heraus, deren Gesamtauflage über acht Millionen Exemplare beträgt. Die Firma "Gruner & Jahr" ist Eigentümer der Monatszeitschrift "Claudia" und von acht weiteren Titeln (...)

Die Deutschen geben außerdem zusammen mit dem spanischen Verlag RBA die Zeitschrift "National Geographic" heraus.

Der Konzern "Burda" gibt in Polen fünf Zeitschriften heraus.(...)

Die deutschen Konzerne haben auf dem polnischen Medienmarkt die Taktik der "kleinen Schritte" angewandt. Anfang der neunziger Jahre kauften sie lediglich Fachzeitschriften, die keine großen Leserkreise erreichten. Dann wurden Frauen- und Jugendzeitschriften wie "Claudia", "Sandra", "Bravo", "Bravogirl" gegründet. Zbigniew Oniszczuk behauptet, dass die Deutschen damals nicht auffallen wollten, weil sie genau wussten, dass es in Polen keine Zustimmung für die Expansion deutscher Konzerne gab. Sie versteckten ihre Verlage hinter nichtssagenden Namen wie z. B. der Firma "Phoenix Intermedia" in Wroclaw.

Der Konzern Passauer Neue Presse kaufte seine erste Zeitung durch die schweizerische Firma Inerpublikation AG. Schon damals bereiteten sich die Deutschen darauf vor, verschiedene Zeitungen mit Hilfe der Konzerne aus anderen Ländern zu kaufen. Dies wurde 1994 mit dem Erwerb von acht Regionalzeitungen, die von dem französischen Konzern Hersant gekauft wurden, bestätigt. Innerhalb der nächsten zwei Jahre kaufte der Konzern Passauer Neue Presse drei neue Zeitungen und wurde somit praktisch zum Monopolisten auf dem Markt der Regionalzeitungen. Diesem Konzern ist es aber auch gelungen, eine starke Stellung auf dem Verlagsmarkt zu erreichen, weil ihm zur Zeit sechs Druckerein in Polen gehören.

Da sich der Konzern Passauer Neue Presse vor der Reaktion der polnischen Abnehmer fürchtete, verkündete er 1995, dass er den Aufkauf der Zeitungen in Polen beende. Ähnlich handelte auch die Firma Gruner & Jahr. (...)

Die Expansion der deutschen Konzerne wird durch die Tatsache erleichtert, dass die Kosten für die Gründung einer Zeitung in Polen nur ein Zehntel dessen ausmachen, was z. B. in Frankreich zu zahlen ist. Die Eroberung des Marktes wird auch durch Dumpingpreise (die vom Springer-Verlag herausgegebene Frauenzeitschrift "Pani Domu" kostete am Anfang nur 35 Groschen - damals etwa 3,5 Pfennig - MD.) erleichtert. Polnische Firmen waren nicht imstande, sich dieser Konkurrenz zu stellen. Diese Dumpingpreise beweisen, dass die deutschen Konzerne bei der Eroberung des Marktes keine Kosten scheuen, aber dann zwingen sie ihm die eigenen Regeln auf.

Jetzt ist die Monopolstellung der Deutschen sogar stärker als in der Zeit der Teilung Polens, in der ein Teil des Landes zu Preußen gehörte.(...)

Noch in einem größeren Maße kontrollieren die deutschen Konzerne die Medien in Tschechien, wo sie 82 Prozent der Anteile am Pressemarkt besitzen und in Ungarn, wo den Deutschen 75 Prozent des gesamten Pressemarktes gehören. (...) In der Slowakei gehören den Deutschen über 30 Zeitschriften. Jetzt begann die deutsche Expansion in den baltischen Staaten. Vor kurzem kaufte der Konzern WAZ die wichtigste Tageszeitung "Politika" in Serbien und Montenegro.

Im Endeffekt erinnert Osteuropa schon jetzt an eine deutsche Pressekolonie. (...)

(Sta)

  • Datum 11.11.2003
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