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Kultur

Neue Chancen durch Besinnung

Es gibt gute Gründe für einen Tag des Nachdenkens und der Umkehr - auch angesichts von Verfehlungen der Kirche. Gunnar Lammert-Türk hat Menschen getroffen, die sich besonnen haben . Ein Argument für den Buß- und Bettag.

Friedhofstor mit Tafel, die an das Lager erinnert

Friedhofstor mit Tafel, die an das Lager erinnert

Die Kirche muss auch zu ihren eigenen Fehlern stehen

„Den Buß- und Bettag haben wir ja abgeschafft. Und das, finde ich, sieht so aus, als ob man damit sagt, wir wollen nicht nachdenken.“ Sagt Pfarrer Klaus Grammel. Er bedauert, dass der Buß- und Bettag 1994 als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wurde, um auf diese Weise die Finanzierung der Pflegeversicherung zu ermöglichen. Denn die Besinnung, um die es ihm geht, hält er für unerlässlich. Er meint mit nachdenken umdenken, den Sinn ändern, einen neuen Weg einschlagen, angesichts erkannter Verfehlungen.

Und denkt dabei nicht nur an private Fehltritte, er hat auch Vergehen seiner Kirche im Blick. Eines, das ihn nachhaltig berührt hat, ist das Betreiben eines Zwangsarbeiterlagers in der NS-Zeit. Als er um das Jahr 2000 davon erfuhr, war er zunächst erschrocken, versuchte sich aber zu beruhigen mit dem Gedanken: „Wenn schon so ein Lager, dann wenigstens bei der Kirche, die hat noch Spielräume, die kann es vielleicht ein wenig menschlicher machen.“

Nikolai Galushkow vorm Friedhofstor

Nikolai Galushkow mit Leuten der AG-Zwangsarbeit am Gedenkstein auf dem Friedhof in Berlin-Neukölln

Eine trügerische Hoffnung, wie sich schnell herausstellte. Den Berliner Kirchengemeinden, die das Lager einrichteten, ging es um billige Arbeitskräfte für ihre Friedhöfe, denn die meisten deutschen Totengräber waren im Krieg. An ihrer Stelle kamen etwa 100 so genannte Ostarbeiter aus der Ukraine und Weißrussland zum Einsatz. Die meisten wurden als Jugendliche nach Deutschland verschleppt. Im Lager, das im Sommer 1942 am Rand des Friedhofs der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln errichtet wurde, lebten sie eng behaust in einer Baracke, immer in der Gefahr, bei einem Bombenangriff ihr Leben zu verlieren, froren oft und litten wegen mangelnder Ernährung dauerhaft Hunger. Jedermann kenntlich durch das Abzeichen OST auf ihrer Kleidung, war ihnen strikt verboten, mit Deutschen Kontakt aufzunehmen. Ihr karger Lohn wurde ihnen manches Mal willkürlich vorenthalten oder gekürzt, adäquate medizinische Behandlung war Glückssache. Immer wieder gab es Prügel und Beschimpfungen.

Buße kann zu Vergebung führen

Die Kenntnis dieser Umstände löste in der evangelischen Kirche Bestürzung aus. Sie rief nach Besinnung, nach Buße, um es altmodisch auszudrücken. Deshalb gründete der damalige Generalsuperintendent von Berlin Martin-Michael Passauer 2001 die Arbeitsgemeinschaft NS-Zwangsarbeit Berliner Evangelischer Kirchengemeinden, für die die Nachfolger der seinerzeit schuldig gewordenen Gemeinden aus ihren Reihen Mitstreiter benannten. Diese erforschten, welche Gemeinde auf welchem Friedhof wie viele Zwangsarbeiter eingesetzt hatte. Dann machten sie sich auf die Suche nach Überlebenden, um von ihnen zu erfahren, was sie erlebt und erlitten hatten, um ihnen aus Spenden Hilfe in ihren oft kärglichen Lebensumständen zukommen zu lassen und sie im Namen ihrer Gemeinden um Vergebung zu bitten.

Nikolai Galuschkow vor dem Tor des Friedhofs in Berlin-Neukölln

Nikolai Galushkow vorm Friedhofstor

Sie trafen so auch auf Nikolai Galushkow, der nach Berlin kam, um die Stätten seines Leidens aufzusuchen. Bei seinem Aufenthalt besuchte er auch den Gedenkstein für die Zwangsarbeiter auf dem Friedhof in Neukölln, gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft NS-Zwangsarbeit. Dort holte er einen Stein aus der Tasche und gab ihn Martin-Michael Passauer. Es war ein Zeichen: Galushkov hatte verziehen.

Der ehemalige Zwangsarbeiter traf in Berlin auch Reinhard Possek, der mit 18 Jahren als Soldat der Wehrmacht in der Gegend, aus der Galushkov stammt, erlebt hatte, wie ein russischer Jugendlicher zur Zwangsarbeit geholt wurde. Possek war in einem Bauernhaus einquartiert. Als er wieder an die Front musste, fragte ihn die russische Frau, die ihn mütterlich umsorgt hatte: Sag mal Reinhard, warum bist du eigentlich hier? Eine Frage, die ihn nie wieder losgelassen hat.

Wir brauchen Zeiten für das Nachdenken und Umdenken

Die Begegnung zwischen Nikolai Galushkov und Reinhard Possek ist einige Jahre her. Klaus Grammel hatte sie arrangiert, Reinhard Possek gehörte zu seiner Gemeinde. Vor kurzem hat Grammel daran erinnert, im Rahmen einer Art Buß-Gottesdienst, den Vertreter der Kirchengemeinden, die das Lager betrieben haben, seit 2002 jedes Jahr auf dem Friedhof in Neukölln halten. Sie treffen sich am Gedenkstein und ziehen in einer Prozession zum alten Lagerstandort, wo sie Kerzen entzünden in Erinnerung an jene, die dort gelitten haben. Sie tun das am Volkstrauertag, dem Tag des Gedenkens an die Toten der Weltkriege.

Aber eigentlich gehört dieser Gottesdienst auf einen Tag wie den Buß- und Bettag. Denn die Erinnerung an die Zwangsarbeiter der Kirche ist zugleich eine Besinnung auf ihre Verfehlungen in der jüngeren Vergangenheit und ein Schuldeingeständnis, das Vergebung sucht. Ein Ausdruck dessen, was früher Buße genannt wurde. Und dafür braucht es besondere Zeiten.

Es geht, wie Klaus Grammel sagt, „um einen Tag des Nachdenkens und der Umkehr, mindestens einmal im Jahr. Den halte ich, und das nach unserer Geschichte, für unverzichtbar.“

Gunnar Lammert-Türk, freier Journalist in Berlin QUelle: rundfunk.evangelisch.de zugeliefert von Klaus Krämer

Gunnar Lammert-Türk

Zum Autor: Gunnar Lammert-Türk (1959) wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig.