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Welt

Neue Chance für Afrikas Riesen

Wahlmarathon in Nigeria: Im April wählen die Nigerianer die Bundes- und Landesparlamente, die Gouverneure und den Präsidenten. Die mehr als 70 Millionen Wähler wünschen sich ein Ende der Armut.

Ein Mann geht an Wahlplakaten in Jos/Nigeria vorbei (Foto: DW/Katrin Gänsler)

Wirtschaftlicher Zwerg: Nigeria

Beamte zählen Stimmzettel in Ibadan/Nigeria (Foto: AP/dapd)

Rund 150 Millionen Menschen leben in Nigeria

Nigeria ist mit seinen rund 150 Millionen Einwohnern ein Riese in Afrika. Es konkurriert mit Angola um die Position als größter Erdölproduzent des Kontinents. Auch als Erdgaslieferant wird das Land immer wichtiger. Trotzdem ist Nigeria im weltweiten Vergleich ein wirtschaftlicher Zwerg geblieben. Pro Kopf erwirtschaftet der Öl-Riese nur 1300 US-Dollar im Jahr. Südafrika kommt dagegen auf sechs Mal so viel. Drei Viertel der Staatseinnahmen kamen auch im letzten Jahr aus dem Ölsektor.

Außerhalb der Erdölwirtschaft liegt die Industrie ziemlich brach. Hochwertige Produkte und Dienstleistungen muss Nigeria einführen. Und genau diese Kombination aus hohen Öl-Einnahmen und der Abhängigkeit von Importen macht das Land attraktiv für ausländische Firmen. Nach den USA gehört die Europäische Union zu den wichtigsten Handelspartnern.

Deutschland punktet im Bausektor

In der Wirtschaftsmetropole Lagos unterhält auch die deutsche Wirtschaft ein Verbindungsbüro. Dessen Leiter André Rönne betont, dass für deutsche Firmen die Baubranche deutlich wichtiger sei als die Ölindustrie. "Wir profitieren natürlich von den Erdöleinnahmen, aber die deutschen Stärken liegen außerhalb des Energiesektors. Wobei Sie auch dort mit Zulieferbetrieben sicherlich einiges erwirtschaften", sagt Rönne.

Der Baukonzern Bilfinger-Berger mit seiner Tochter "Julius Berger" oder Siemens sind in Nigeria seit langem überall präsent. Neben der Baubranche sind Telekommunikation, Dienstleistungen und der Großhandel die für Deutschland wichtigsten Wirtschaftszweige. Auf drei Milliarden Euro belief sich der Warenaustausch zwischen beiden Ländern im vergangenen Jahr. Damit ist Nigeria hinter Südafrika Deutschlands zweitwichtigster Partner in Afrika südlich der Sahara.

Licht und Schatten im Kampf gegen die Korruption

Wahlplakat in Ibadan/ Nigeria, darunter Geschäftstreibende (Foto: AP)

Das Land erwirtschaftet pro Kopf nur 1300 US-Dollar im Jahr

Abschreckend für Investoren ist die weit verbreitete Korruption. Bei Transparency International landet Nigeria regelmäßig auf den hinteren Plätzen: 2010 war es Platz 134 von 178. André Rönne sieht aber die Arbeit der Anti-Korruptionsbehörde EFCC grundsätzlich positiv: "Das ist nach wie vor eine sehr schlagkräftige Organisation." Sie kämpfe nicht nur gegen die Korruption in der Wirtschaft, sei es von nigerianischer oder ausländischer Seite, sondern verfolge auch korrupte Politiker, sagt Rönne. Seit 1999 mussten sich in der Tat zahlreiche Politiker und auch Mitarbeiter ausländischer Großkonzerne wie Siemens oder Bilfinger-Berger vor der EFCC oder vor Gerichten wegen Korruptionsvorwürfen verantworten.

Der in Saudi-Arabien bei einer Entwicklungsbank arbeitende nigerianische Wirtschaftswissenschaftler Musa Jega sieht trotzdem nur wenige Anzeichen dafür, dass die Korruption in Nigeria auf dem Rückzug ist.

Ohne Strom keine Entwicklung

Als weiteres wichtiges Hindernis für die Entwicklung des Landes sieht Jega die auf extrem niedrigem Niveau verharrende Stromerzeugung. Eigentlich hat Nigeria Kraftwerke mit einer Leistung von 6000 Megawatt. Doch selbst diese geringe Kapazität wird selten erreicht. Zum Vergleich: Südafrika mit nur einem Drittel der Bevölkerung hat eine fast acht Mal so große Kraftwerks-Kapazität. Privathaushalte und Industrie in Nigeria sind immer noch auf teure Diesel-Generatoren angewiesen.

Der Wirtschaftswissenschaftler ist überzeugt davon, dass die Eliten des Landes sich nur ein wenig anstrengen müssten, um Fortschritte zu erzielen: "Wenn Sie das Energie-Problem angehen, dann gehen Sie gegen 60 Prozent der Probleme an, die wir in Nigeria haben, wenn es darum geht, ein anständiges Wirtschaftswachstum für dieses Land zu erreichen." Dieses Wachstum lag nach der internationalen Finanzkrise und dem damit verbundenen Einbruch der Ölpreise 2010 zwar laut Internationalem Währungsfonds (IWF) wieder bei über sieben Prozent. Doch die einseitig auf das Erdöl ausgerichtete Struktur verhindert, dass die Armut der stetig wachsenden Bevölkerung sinkt.

Zentralbank-Chef Sanusi räumte auf

Präsident Goodluck Jonathan (Foto: AP)

Seit einem Jahr im Amt: Präsident Goodluck Jonathan

2009 gerieten die auch international aktiven nigerianischen Banken in den Strudel der weltweiten Finanzkrise. Der neue Zentralbank-Gouverneur Sanusi Lamido Sanusi pumpte rund vier Milliarden Dollar in den Sektor, setzte einige Bankdirektoren an die Luft und schichtete die faulen Anleihen in eine so genannte "Bad bank" um. Anfang des Jahres zeichnete die "Financial Times" Sanusi als "Zentralbanker des Jahres" aus. Lob erntet Sanusi auch von Wirtschaftswissenschaftler Jega: "Was der neue Zentralbank-Gouverneur macht, ist der Versuch, ethisches Verhalten in den Banken-Sektor einzuführen. Es gab einige Lücken in der Regulierung, einige Banker haben das ausgenutzt und uns dorthin gebracht, wo wir jetzt sind, das heißt an den Rand eines ernsten Zusammenbruchs." Dieser Zusammenbruch ist vorerst abgewendet, die geretteten Banken sollen nun Käufer auf dem internationalen Markt finden.

Zentralbank-Chef Sanusi stieg sogar zeitweise zum Volkshelden auf. Er kritisierte, dass die Nationalversammlung in der Hauptstadt Abuja allein ein Viertel der laufenden Staatsausgaben verbrauche. Die Abgeordneten schrien auf und stellten ihn vor laufenden Kameras zur Rede. Sanusi legte seine Rechnung offen und zog als Sieger vom Platz.

Hoffnung auf weitere Reformen

Viele Nigerianer dürften sich den unerschrockenen Finanzexperten Sanusi als Präsidentschaftskandidaten gewünscht haben. Doch er steht nicht zur Wahl und die überall dominierende Demokratische Volkspartei PDP zieht mit dem eher zurückhaltenden Goodluck Jonathan in die Wahl. Der war erst vor einem Jahr dem im Amt verstorbenen Umar Musa Yar'Adua nachgefolgt. Der Vertreter der deutschen Wirtschaft in Lagos, André Rönne, verweist auf erste ermutigende Reformschritte unter Yar'Adua und seinem Vize und Nachfolger Jonathan. Als Beispiel nennt er den Energie-Sektor: "Wir hoffen, dass Jonathan diesen Kurs nachhaltig fortsetzen wird, wenn er die Wahl gewinnt", sagt Rönne.

Insbesondere unter muslimischen Nigerianern ist die Kandidatur des Christen Jonathan aber nach wie vor umstritten, denn seinem muslimischen Vorgänger hätte eigentlich noch eine zweite Amtszeit zugestanden. Jonathan kandierte allen Protesten zum Trotz. Entgegen mancher Befürchtungen überstand die PDP die Zerreißprobe. Dies liegt wohl auch daran, dass die zersplitterte Opposition keine überzeugende Alternative aufbauen konnte.

Autor: Thomas Mösch
Redaktion: Daniel Pelz

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