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Kultur

Neue Blütezeit für deutsche Märchen

Ein neuer Film über die Gebrüder Grimm startet am 6. Oktober 2005 in den Kinos. Damit soll dem Brüderpaar aus Hanau endlich der Platz im Gedächtnis der Menschen eingeräumt werden, den ihre Märchen schon lange inne haben.

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Liebe ist auch ein Thema: Filmszene aus "Die Gebrüder Grimm"

Wer kennt sie nicht: die Geschichten von Rotkäppchen und Rumpelstilzchen? Und auch ohne Schneewittchen und Aschenputtel ist kaum ein Kind aufgewachsen, ob ihm diese beiden Märchengestalten nun durch ausgiebige Vorleserituale der Eltern oder durch unzählige Fernsehverfilmungen vertraut sind.

Rotkäppchen und der Wolf

Auch Rotkäppchen geht auf die Kappe der Gebrüder Grimm

Während die Märchen der Gebrüder Grimm weltweit ihren Eingang in die Bücherregale und das Gedächtnis der Menschen gefunden haben, ist das Leben ihrer Verfasser dagegen vielen weitestgehend unbekannt. Ein neuer Spielfilm soll das nun ändern. Zumindest ein wenig.

Kein Geringerer als Terry Gilliam, besser bekannt als Mitglied der britischen Komiker-Truppe "Monty Python", hat sich dem vernachlässigten Thema unter dem Titel "Die Gebrüder Grimm" angenommen. In seiner, zugegeben äußerst phantasievollen Darstellung sind Jakob und Wilhelm Grimm allerdings nicht nur Märchensammler. Beide verdienen ihren Lebensunterhalt mit vorgetäuschten Geisteraustreibungen und reisen als Trickbetrüger von Ort zu Ort, bis sie in einen mysteriösen Fluch verwickelt werden. Die skurrile Geschichte, in der Matt Damon den Wilhelm Grimm verkörpert, startete im August 2005 in den USA und wird ab Oktober 2005 auch in Deutschland zu sehen sein.

Märchen als Inspirationsquelle

Gilliams Film ist allerdings nur der aktuelle Aufhänger für das Thema. Bereits im Juni 2005 hat die UNESCO die Märchen der Gebrüder Grimm in das Weltdokumenterbe aufgenommen. "Unsere Geschichten sind überall zuhause", erklärten die damit Geehrten passenderweise schon vor über 200 Jahren in ihrer Sammlung und haben damit Recht behalten.

Terry Gilliam, der den Stein nun wieder ins Rollen gebracht hat, beschreibt sich selber als ausgiebiger Nutznießer von Märchen. Sie seien als Inspiration in jede seiner Arbeiten miteingeflossen. "Das war der Grund, warum ich für meinen aktuellen Film die Gebrüder Grimm als Gegenstand gewählt habe", erklärt der Regisseur.

Filmfestspiele in Venedig - Panoramabild

Monica Belluci und Matt Damon sind die Stars in Gilliams Film

Auf der Website zum Film ist auch zu erfahren, dass der US-Amerikaner, der Kinokassenschlager wie "Das Leben des Brian" und "Fear and Loathing in Las Vegas" gedreht hat, praktisch jeden seiner Filme in gewisser Weise als Märchen betrachtet. Damit sei auch immer eine Spur der Gebrüder Grimm in ihnen enthalten.

Im Mittelpunkt von Gilliams Hommage an seine Inspirationsquelle stehen damit zwar ganz offiziell die Gebrüder Grimm, aber dennoch dreht sich nicht alles um sie. Das ist ein Aspekt, für den der Film bereits kritisiert wurde. "Es sollte in erster Linie einfach nur ein Märchen werden, bei dem die Märchenerzähler die Hauptrolle spielen", erklärt Gilliam dazu.

Was er dagegen keinesfalls machen wollte, sei die Verfilmung eines Original-Märchens der Gebrüder Grimm gewesen, weil das eben jeder mache. "Mein Konzept hat mir erlaubt, verschiedene Märchen einzubauen und daraus ein neues Märchen über die Gebrüder Grimm zusammenzubasteln", sagt der Regisseur.

Jakob und Wilhelm Grimm erfahren in Gilliams Film folglich keine Darstellung als historische Persönlichkeiten. Das deckt sich mit der Meinung von Jack Sipes, der deutsche Literatur an der Universität Minnesota lehrt und neben der Übersetzung der Grimmschen Werke auch eine Biographie über das Bruderpaar verfasst hat. Von Gilliams Film war er zunächst wenig begeistert.

Aber dann erkannte Sipes, dass die Studenten in seinen Kursen ebenso wenig eine Idee vom genauen Leben der Gebrüder Grimm hatten, obwohl sie mit den deutschen Märchen bestens vertraut waren. "Die beiden außergewöhnlichen Gelehrten wären wohl erstaunt und fassungslos, wenn sie wüssten, dass sie heutzutage vornehmlich wegen ihrer Märchen Beachtung finden", sagt der Literaturwissenschaftler.

Mehr als nur Märchenerzähler

Brüder Grimm Denkmal in Hanau p178

In Hanau erinnert heute noch ein Denkmal an die Gebrüder Grimm

Jakob und Wilhelm Grimm wurden in den 1780er-Jahren in Hanau geboren. Die Brüder traten zunächst in die Fußstapfen ihres Vaters und absolvierten ein Jurastudium. Danach arbeiteten beide als Bibliothekare und Professoren und entwickelten dabei ein nachhaltiges Interesse an der mündlichen Überlieferungskultur in Deutschland. Sie begannen Geschichten zusammenzutragen, die ihnen die Menschen in verschiedenen Ländern erzählten und dokumentierten diese in dem Sammelband "Kinder- und Hausmärchen", der im Jahr 1812 erschien. Zunächst war das Buch jedoch ein Flop. Erst als die Brüder ihre akademischen Anmerkungen herausnahmen und Illustrationen beifügten, konnte ihre Märchensammlung den Siegeszug zu einem der populärsten literarischen Werke weltweit antreten.

Soweit das Bekannte zu den literarischen Anfängen. Deutlich obskurer mutet die Rolle des Bruderpaares dagegen innerhalb der deutschen Politik an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Deutschland ein zersplittertes Territorium. Verschiedene Fürstenhäuser übten die Herrschaft über das Volk aus. Inspiriert durch die Amerikanische Revolution begann jedoch auch vor Ort der Ruf nach einer einheitlichen Verfassung und demokratischen Grundstrukturen lauter zu werden.

In Göttingen, dem Wohnort der Gebrüder Grimm, der zum Fürstentum Hannover gehörte, war man mit den demokratischen Ambitionen zunächst sogar äußerst erfolgreich. Als jedoch Ernst August im Jahr 1837 die Macht übernahm, änderte sich das politische Klima. Der neue Herrscher im Fürstentum Hannover setzte die Verfassung bald außer Kraft, löste das Parlament auf und zwang die demokratischen Aktivisten einen Treueeid auf ihn zu leisten. Jakob und Wilhelm Grimm weigerten sich und wurden des Landes verwiesen. Nach ihrem Umzug nach Berlin blieben sie aber weiter politisch aktiv.

Während dieser Ereignisse begannen die beiden Exilanten auch die Arbeit an einem zweiten großen Werk, ein deutsches Wörterbuch. Weiter als bis zum Buchstaben F kamen die Brüder bis zu ihrem Tod jedoch nicht. Erst im Jahr 1960, mehr als 100 Jahre später, wurde ihr Volkslexikon vollendet und zählt mit seinen 32 Kapiteln zu den Standardwerken der deutschen Sprache.

"Indem sie die deutsche Sprache und die literarische Tradition zusammenbrachten, haben sie gleichzeitig Kritik an dem aufkommenden großdeutschen Bewusstsein geübt", sagt Bernhard Lauer, Direktor des Brüder Grimm-Museums in Kassel. Die beiden Gelehrten hätten der Entwicklung einer einheitlichen gesamtdeutschen Identität durchaus mit Zweifeln gegenübergestanden.

Aschenputtel lebt weiter

Schneewittchen

Schneewittchen ist ein Klassiker unter den Märchenverfilmungen

Trotz ihrer politischen Aktivitäten verloren beide Brüder Zeit ihres Lebens "ihre" Märchen nie aus den Augen, die sich jedoch nicht immer im Glanzlicht der heutigen Popularität sonnen konnten. Sie seien brutal und sexistisch hieß es Jahrzehnte lang. Darüber hinaus wurden sie von den Nationalsozialisten missbraucht, um die Idee einer Überlegenheit der arischen Rasse zu propagieren.

Die Grimmschen Märchen schafften es aber dennoch allen Anfeindungen zu trotzen. In mehr als 150 Sprachen kann man mittlerweile die Abenteuer von Rotkäppchen nachlesen oder mitfiebern, wenn es darum geht, ob Aschenputtel am Ende ihren Prinzen bekommt. Auch in der internationalen Hochschullehre hat sich der klassische Stoff einen Stammplatz gesichert. Am lebendigsten sind die Märchen aber immer noch in Deutschland geblieben. Hier lassen sich bei einer Reise entlang der deutschen Märchenstraße etliche Spuren aus den Geschichten der Gebrüder Grimm aufspüren wie das Dornröschenschloss in Sababurg. "Jakob und Wilhelm Grimm haben auf jeden Fall Maßstäbe gesetzt, was die Erzählung von Märchen angeht", sagt auch Jack Sipes, der momentan ein Buch über das Faszinierende an dieser Gattung schreibt. Der wichtigste Grund für die Popularität der Geschichten ist aus seiner Sicht aber schnell erklärt: "Alle Märchen haben unmittelbar etwas mit dem Leben der Menschen zu tun, indem sie elementare Themen wie Tod, Liebe, Mord, Gier und natürlich das ewige Streben nach Glück aufgreifen."

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